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Zwischen Aufklärung und Algorithmus: Warum Nobelpreise heute wichtiger sind denn je #NEO25-Session am Freitag, 5. Dezember, 11 Uhr

Ein Beitrag zur -Session mit Schumpeter-Forscher Heinz D. Kurz auf der Next Economy Open 2025

Freitag, 05.12.2025, 11:00 Uhr

Passen Nobelpreise noch in die Zeit?
Wir glauben: Mehr denn je.

In einer Ära, in der Künstliche Intelligenz, geopolitische Spannungen und ökologische Kipppunkte die wirtschaftliche Zukunft bestimmen, wirken die Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaft manchmal wie Relikte aus einer ruhigeren Zeit. Doch die Preisträger des Jahres 2025 – wie schon jene von 2024 – liefern bemerkenswerte Einsichten, die zu einem Leitbild künftiger Wirtschaftspolitik werden könnten.

Mit Heinz D. Kurz, einem der profiliertesten Schumpeter-Forscher unserer Zeit, richten wir bei der Next Economy Open den Blick darauf, wie diese Nobelpreise in das moderne Verständnis wirtschaftlicher Dynamik passen.

Die Kultur des Wissens – Warum Joel Mokyr den Wirtschaftsnobelpreis verdient

Es gibt Nobelpreise, die eine Theorie auszeichnen.
Und es gibt jene seltenen Ehrungen, die ein neues Weltbild markieren.

Der Preis für Joel Mokyr, gemeinsam mit Philippe Aghion und Peter Howitt, gehört zur zweiten Kategorie.

Während Aghion und Howitt die Mechanik des Wachstums beschrieben haben – den „Code des Fortschritts“ – hat Mokyr den kulturellen Unterbau freigelegt, ohne den kein technologischer oder wirtschaftlicher Wandel denkbar wäre.

Wissen als Produktionsfaktor

Mokyr, Wirtschaftshistoriker an der Northwestern University, hat etwas geschafft, das in der heutigen Ökonomie fast unmöglich ist:
Er hat den Fortschritt selbst historisiert.

In seinem zentralen Werk A Culture of Growth zeigt er, dass Wachstum nicht einfach aus Kapital, Maschinen oder cleveren Geschäftsmodellen entsteht, sondern aus einer Kultur des Fortschritts – aus einem geteilten Glauben an die Veränderbarkeit der Welt durch Wissen.

Europa erfand im 17. und 18. Jahrhundert die „Republic of Letters“: ein Netzwerk aus Gelehrten, Ingenieuren, Tüftlern und Visionären, das Wissen wie Güter zirkulieren ließ. Ein mentaler Marktplatz, auf dem Argumente mehr galten als Herkunft, Kritik wichtiger war als Konvention und Neugier der wichtigste Antrieb wurde.

Ein frühes „Open Source“, lange bevor der Begriff existierte. Goethe war einer ihrer Meister – ein europäischer Netzwerker avant la lettre.
(Ein Vorläufer von Winfried Felser, könnte man sagen.)

Märkte für Ideen – Vorläufer digitaler Netzwerke

Mokyrs „Republic of Letters“ war das erste große soziale Netzwerk Europas.
Es funktionierte auf Basis von Offenheit, Nachprüfbarkeit und Meritokratie – genau den Prinzipien, die heute erfolgreiche digitale Ökosysteme bestimmen.

Diese Wissenskultur war die institutionelle Revolution vor der industriellen Revolution.
Sie schuf die Infrastruktur, aus der später Dampfmaschinen, Fabriken und moderne Märkte hervorgingen.

Damit korrigiert Mokyr ein tief sitzendes Missverständnis der Ökonomie: Dass Wachstum primär eine Funktion von Kapital und Arbeit sei.
Für ihn ist wirtschaftlicher Fortschritt vor allem ein kulturelles Gleichgewicht zwischen Skepsis und Neugier, zwischen Wettbewerb und Kooperation.

Oder, wie wir bei der Next Economy Open sagen:
„Eco statt Ego.“
(Das müsste Winfried Felser tatsächlich freuen.)

Die Lehre für das KI-Zeitalter

In der Gegenwart, in der Künstliche Intelligenz neue Wissensräume erschließt, wird Mokyrs Theorie zum Wegweiser.
Auch heute stellt sich die Frage:

Wird Wissen monopolisierte Ressource – oder erneuerbare Kulturform?

Was im 17. Jahrhundert die Republic of Letters war, könnte heute das offene Netzwerk von KI-Agenten werden:
ein neuer Markt der Ideen, der von Vielfalt, Austausch und Vertrauen lebt.
(Ein Gedanke, der Frank H. Witt gefallen dürfte.)

Die Ökonomie des 21. Jahrhunderts wird nicht von Maschinen bestimmt, sondern von der Architektur des geteilten Wissens.
Joel Mokyr hat gezeigt, wie diese Architektur einst entstand – und warum wir sie heute neu bauen müssen.

Der Nobelpreis ist deshalb weniger eine Ehrung als ein Auftrag:
die Kultur des Wissens zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Heinz D. Kurz über Schumpeter und die Nobelpreise: Wachstum oder kein Wachstum?

In unserer Session diskutiert Heinz D. Kurz die jüngsten wirtschaftswissenschaftlichen Nobelpreise im Licht der aktuellen Schumpeter-Forschung.
Denn Schumpeters Frage ist heute aktueller denn je:

Wachstum – oder kein Wachstum?
Und vor allem: Welches Wachstum?

Kurz, weltweit renommierter Wirtschaftshistoriker, hat mit seinen Arbeiten zur Geschichte des ökonomischen Denkens Maßstäbe gesetzt. Sein Werk Geschichte des ökonomischen Denkens gilt als Standard. Für seine kritische Weiterentwicklung der Schumpeter-Forschung erhielt er 2019 die Ehrendoktorwürde der Bergischen Universität Wuppertal.

Sein analytischer Blick auf die Dynamik des Kapitalismus – auf Innovation, kreative Zerstörung und strukturellen Wandel – verbindet sich ideal mit den Fragen, die Mokyr, Aghion und Howitt aufwerfen:

Kurz zeigt, dass Schumpeters Theorie genau hier eine Brücke schlägt.
Denn für Schumpeter wie für Mokyr ist Fortschritt kein linearer Prozess, sondern ein kulturelles und institutionelles Ereignis.

Warum Nobelpreise heute relevant sind

Nobelpreise sind kein nostalgisches Ritual.
Sie markieren intellektuelle Weggabelungen – und manchmal neue Weltbilder.

Die Wirtschaftsnobelpreise von 2024 und 2025 zeigen:
Wachstum und Wohlstand entstehen nicht aus Technik allein, sondern aus Kultur, Kooperation und kreativer Zerstörung.

Joels Mokyrs Beitrag erinnert uns daran, dass Wissen der wichtigste Produktionsfaktor einer freiheitlichen und innovativen Gesellschaft bleibt.
Dass Offenheit und Vernetzung – von der Republic of Letters bis zur KI – der Motor des Fortschritts sind.
Und dass wir diese Kultur aktiv gestalten müssen.

Gemeinsam mit Heinz D. Kurz diskutieren wir, was das für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft der nächsten Jahre bedeutet.

Man hört, sieht und streamt sich am Freitag, den 5. Dezember.

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