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Wie Gumbrecht die Geister der Geisteswissenschaften noch einmal versammelt

Hans Ulrich Gumbrechts Autobiografie „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“ lässt sich als Lebensbericht lesen. Man kann sie auch als Atlas einer verschwundenen Gelehrtenrepublik verstehen. Dann erscheinen Würzburg, Konstanz, Bochum, Siegen, Stanford, Rio und Jerusalem nicht als Stationen einer Karriere, vielmehr als Zonen geistiger Temperatur. In ihnen wechselt der Luftdruck des Denkens. Mal herrscht die frühe Bundesrepublik mit ihren Bildungsversprechen, mal die Siegener Theorieprovinz, mal Stanford mit seiner kalifornischen Freiheit, mal Jerusalem als Ort einer erhofften und versagten Erlösung.

Gumbrecht erzählt sich nicht als Sieger. Er erzählt sich als einer, der nie ganz in dem Raum aufgeht, den er gerade bewohnt. Das ist die Kraft des Untertitels: Halbdistanz. Kein ästhetischer Sicherheitsabstand, keine elegante Pose des Beobachters. Eher eine Lebensbedingung. Der fränkische Geburtsort, die westdeutsche Universität, die amerikanische Akademie, die brasilianische Sprache, die jüdische Gegenwart Jerusalems: überall Nähe, nirgends Verschmelzung. Halbdistanz ist bei Gumbrecht nicht Mangel an Zugehörigkeit. Sie ist die Form, in der Erkenntnis überhaupt möglich wird.

Der Gelehrte, der dem Gelehrtenbild entkommt

Gerade deshalb wirkt sein Bekenntnis so irritierend. Gumbrecht beginnt seine Autobiografie nicht mit dem Pathos des Gelehrten, der schon als Kind im Bücherlicht saß. Er spricht davon, kein leidenschaftlicher Leser im klassischen Sinn zu sein, nicht in jener Weise, wie das bürgerliche Ideal es vorsieht: jede Woche ein großer Roman, jedes neue philosophische Werk als Pflicht. Auch das Unterrichten lag ihm nicht als natürliche Begabung. Das eigene Schreiben betrachtet er mit einer Skepsis, die fast rücksichtslos wirkt.

Man kann das als Koketterie lesen. Man sollte es ernster nehmen. Gumbrecht verabschiedet damit den alten Typus des Gelehrten, dessen Autorität auf einer fast liturgischen Verbindung von Lektüre, Lehre und Bildungshabitus ruht. Die Figur, die hier spricht, hat nicht weniger gelesen, nicht weniger gedacht, nicht weniger geschrieben. Aber sie akzeptiert nicht mehr die überlieferten Requisiten der Rolle. Das ist mehr als Selbstironie. Es ist eine kleine Theorie des Intellektuellen nach dem Bildungsbürgertum.

Die Bonner Republik als Durchgangsraum

Gumbrecht spricht von der alten Bonner Republik mit einer Wärme, die gerade deshalb überzeugt, weil sie nicht nostalgisch wird. Diese Republik war für ihn ein Möglichkeitsraum. Seine Eltern kamen aus nichtakademischen Verhältnissen, studierten Medizin, wurden Chirurgen. Der soziale Aufstieg war real, der kulturelle Besitz nicht automatisch mitgeliefert. Bücher standen im Regal, ohne gleich eine genealogische Aura zu erzeugen.

Genau hier liegt der politische Kern seiner Erinnerung an die Reformuniversitäten. Bochum, Bielefeld, Siegen: Das waren nicht nur Neugründungen, nicht nur bauliche Zeichen der Bildungsexpansion. Sie waren Durchbrüche in eine Gesellschaft, die den Aufstieg ins kulturelle Establishment Menschen aus nichtbürgerlichen Familien noch immer schwer machte. Die Bonner Republik hatte ihre Trägheiten, ihre Selbstgefälligkeiten, ihre westdeutschen Rituale. Aber sie besaß auch jene institutionelle Beweglichkeit, die aus Bildungsferne keinen Lebensfluch machen musste.

Gumbrecht bewundert diese Bundesrepublik rückblickend. Nicht als moralische Idylle. Als historische Konstruktion, die mehr Türen öffnete, als die Nachwelt ihr zugestehen will.

Siegen auf der Landkarte des Geistes

Siegen ist in Gumbrechts Erzählung der Ort, an dem das Unwahrscheinliche Form annimmt. Die Stadt, über die man spottete, die Universitätsgründung, die vielen überflüssig erschien, das „protestantische Loch an der Sauerland-Linie“: Ausgerechnet dort begann eine Episode, in der Theorie wieder Ereignischarakter bekam.

Friedrich Kittler trat auf, Niklas Luhmann kam mittwochs aus Bielefeld, Lyotard machte aus der Gastprofessur eine intellektuelle Adresse, Derridas erster Besuch in der Bundesrepublik führte nach Siegen. Frank Schirrmacher musste für ein FAZ-Interview mit Lyotard dorthin reisen. Das ist eine dieser Geschichten, die heute erfunden klängen, wäre sie nicht zu gut belegt durch die Erinnerung jener, die dabei waren.

Siegen war keine Metropole. Eben darin lag seine Kraft. Die Hauptstadt des Denkens kann überall auftauchen, wenn die richtigen Spannungen entstehen. Für einen Augenblick wurde die Provinz zum Prüfstand der Theorie. Nicht, weil sie schöner, klüger oder traditionsreicher gewesen wäre. Weil sie offen genug war, ihren Mangel an Prestige in Energie zu verwandeln.

Kittlers Exorzismus

Friedrich Kittler war unter diesen Gestalten der radikalste Entzauberer. Seine Formel von der „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ wirkt bis heute wie eine Provokation, weil sie das Fach dort trifft, wo es sich am liebsten feiert: im Glauben an Geist, Mensch, Geschichte, Sinn. Kittler attackierte nicht einen Irrtum innerhalb der Geisteswissenschaften. Er attackierte ihre sakrale Selbstbeschreibung.

Bei ihm treten Medien, Apparate, Speicher, Codes, Schreibmaschinen, Grammophone, Filme, Computer an die Stelle des humanistischen Innenraums. Nicht der Mensch spricht, bevor die Technik kommt. Die technischen Formen bestimmen mit, was überhaupt gesagt, gespeichert, gehört, gelesen und gedacht werden kann.

Gumbrecht teilt Kittlers Wachheit für diese Verschiebung. Doch er übernimmt nicht dessen vollständige Exorzismuslust. Kittler treibt den Geist aus. Gumbrecht fragt, welche Formen geistiger Gegenwart nach dieser Austreibung noch möglich sind. Genau darin unterscheiden sich beide. Kittler ist der kalte Operateur an der Legende des Humanismus. Gumbrecht ist der Chronist der verbliebenen Intensitäten.

Luhmanns Volvo und die Ordnung des Unwahrscheinlichen

Niklas Luhmann kommt in Gumbrechts Erinnerungen mit einer fast literarischen Präzision vor: der Volvo aus Bielefeld, die eigentümliche Stimme, die Ankündigung, man müsse nun jeden Mittwoch mit ihm rechnen. Luhmann erscheint nicht als bloßer Autor der Systemtheorie, vielmehr als atmosphärische Macht. Seine Begriffe wurden übernommen, sein Tonfall kopiert, seine Art, Fragen zu stellen, zog andere in einen Betrieb der Unterscheidungen hinein.

Das erklärt den Unterschied zu Kittler. Kittler elektrisiert, Luhmann organisiert. Kittler erzeugt Funken, Luhmann erzeugt Anschlussfähigkeit. Kittlers Denken hat etwas von einem Schlaglicht, Luhmanns Denken von einem sich selbst fortschreibenden Bauplan. Gumbrecht bewundert beides, aber er wird keinem von beiden einfach Schüler. Seine eigene Bewegung bleibt unsteter, offener, stärker auf Situationen gerichtet.

Habermas als Hintergrundrauschen der Republik

Habermas steht in diesem Gespräch weniger im Vordergrund. Gerade dadurch ist seine Funktion erkennbar. Er bildet den politischen Horizont jener westdeutschen Intellektualität, in der Öffentlichkeit, Vernunft, Moral und Verfahren noch miteinander verbunden waren. Er ist die große Referenz der alten Bundesrepublik, der Mann, an dem sich Zustimmung und Absetzung gleichermaßen bildeten.

Gumbrecht denkt nicht gegen Habermas im polemischen Sinn. Er zeigt eher eine andere Linie. Neben dem normativen Bau der Öffentlichkeit entsteht bei ihm eine Geschichte der intellektuellen Situationen: Poetik und Hermeneutik, Siegen, Stanford, Gracián, Kittler, Taubes, Bohrer. Die Republik erscheint dann nicht nur als Diskursordnung. Sie erscheint als Geflecht von Räumen, Stimmen, Anreisen, Einladungen, Verstörungen.

Jacob Taubes oder die produktive Störung

Jacob Taubes nimmt in diesem Geflecht eine Sonderrolle ein. Gumbrecht überhöht ihn nicht zum größten Philosophen seiner Zeit. Er beschreibt ihn klüger: als jüdischen Intellektuellen, dessen Anwesenheit in der alten Bundesrepublik bestimmte Ausweichbewegungen unmöglich machte.

Taubes kam aus einer Zürcher Rabbinerfamilie, aus der jüdischen Welt New Yorks, aus einer theologischen und intellektuellen Tradition, die der Bundesrepublik etwas zumutete. In Poetik und Hermeneutik wurden Gespräche anders, wenn er anwesend war. Nicht automatisch besser, nicht immer gerechter, aber weniger bequem. Taubes zwang Themen in den Raum, die sonst am Rand geblieben wären.

Seine Beziehung zu Carl Schmitt bleibt eine der schwierigsten Szenen dieser Gelehrtenrepublik. Der jüdische Intellektuelle fährt zum alten Ex-Nazi nach Plettenberg. Gumbrecht nennt seine damalige Reaktion: schrecklich. Später erkennt er gerade in solchen unerträglichen Konstellationen eine Quelle intellektueller Lebhaftigkeit. Das ist keine Rechtfertigung. Es ist die Einsicht, dass geistige Geschichte selten aus moralisch sauberen Versuchsanordnungen besteht.

Poetik und Hermeneutik: Die Republik der Vorlage

Die Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik erscheint bei Gumbrecht wie ein verlorenes Ritual. Zwei Wochen Bad Homburg, täglich Diskussionen, vorab verschickte Texte, keine Vorträge, keine Zusammenfassungen. Man kam vorbereitet, man blieb, man diskutierte stundenlang.

Heute klingt das fast archaisch. Die Gegenwart hat den Kalender zerstückelt, die Aufmerksamkeit parzelliert, die akademische Kommunikation beschleunigt und zugleich verdünnt. Poetik und Hermeneutik war ein Gegenmodell: Zeit als Bedingung des Denkens. Nicht der schnelle Kommentar, nicht das sofortige Resultat, nicht der verwertbare Output standen im Zentrum. Entscheidend war die gemeinsame Bearbeitung einer Vorlage.

Man darf dieses Format nicht verklären. Auch dort gab es Eitelkeit, Macht, Ausschlüsse, alte Belastungen. Aber es besaß eine Größe, die kaum zu bestreiten ist: Es zwang bedeutende Geister, sich füreinander Zeit zu nehmen.

Karl Heinz Bohrer: Die Würde der Nicht-Ankunft

Karl Heinz Bohrer ist in Gumbrechts Erinnerungen eine Figur von fast romanhafter Prägnanz. Früher Literaturchef der FAZ, später Professor in Bielefeld, Freund Gumbrechts, Gast in Stanford. Bohrer gehört zu den Intellektuellen, die nicht durch Einpassung wirken. Sie wirken durch Unverfügbarkeit.

Gumbrecht erzählt, Bohrer sei fremdsprachlich extrem unbegabt gewesen, was auch eine Stärke sein könne: Er habe das Deutsche so vollständig bewohnt, dass für eine andere Sprache kaum Platz blieb. In Stanford aber wurde genau dieser Mann zum Faszinosum. Studenten sahen in ihm den europäischen Intellektuellen. Stanford bot ihm eine dauerhafte Professur an. Bohrer lehnte ab. Jahr für Jahr.

Er lehnte nicht ab, weil ihn Stanford nicht reizte. Das Angebot selbst machte ihm Freude. Die Möglichkeit war kostbarer als die Einlösung. Darin liegt die ganze Bohrer-Figur: anwesend sein, ohne sich verfügbar zu machen; leuchten, ohne zu bleiben; eine Institution faszinieren, ohne von ihr verschluckt zu werden. In Zeiten restloser Administrierbarkeit wirkt das wie ein aristokratischer Rest.

Werner Krauss und das spanische Licht

Werner Krauss gehört zu den Gestalten, bei denen Gumbrechts Erzählkunst plötzlich eine andere Frequenz bekommt. Krauss, Romanist, DDR-Akademiemitglied, Widerstandskämpfer, zum Tode verurteilter Plötzensee-Häftling, erscheint zunächst grotesk: schwerer Körper, Cognacflaschen im Koffer, Erschöpfung, halb geschlossene Augen.

Doch dann geschieht etwas, das keine Theorie ersetzen kann. In einer Konstanzer Dachwohnung spricht Krauss über das spanische Silberne Zeitalter. Lorca, Antonio Machado, Gerardo Diego, Buñuel, Dalí, Unamuno, Ortega y Gasset treten nicht als Namen auf, vielmehr als Erinnerungskörper. Krauss interpretiert Literatur nicht. Er ruft sie herbei.

Gumbrecht erkennt darin eine andere Form von Geistesgeschichte. Sie wird nicht systematisiert. Sie wird verkörpert. Krauss’ beschädigter Leib und seine Erinnerung an Spanien gehören zusammen. Die deutsche Katastrophe steht neben dem Licht Madrids. Der Überlebende trägt die Literatur nicht im Kopf, er trägt sie in der Stimme.

Machado, Amichai und die Literatur ohne Erlösung

Die literarische Tiefenschicht von Gumbrechts Autobiografie führt weiter zu Machado de Assis und Jehuda Amichai. Machado, der brasilianische Klassiker, eröffnet ihm Rio nicht als Exotik, sondern als Vergangenheit mit physischer Anziehungskraft. Brás Cubas schreibt aus dem Jenseits und rechtfertigt ein Leben, das sich nicht rechtfertigen lässt. Gumbrecht erkennt Machados Ironie als Sympathie: keine kalte Überlegenheit, kein Vernichten der Figur, vielmehr eine Nähe zum Scheitern.

Amichai führt in eine härtere Zone. Gumbrecht und Amichai teilen Würzburg und Jerusalem, doch jede Gleichsetzung wäre taktlos. Amichai musste Würzburg als jüdisches Kind verlassen, weil die Stadt zur Todeszone wurde; Gumbrecht verließ Würzburg Jahrzehnte später auf einem Weg in die Welt. Jerusalem wurde für Amichai Ort jüdischer Normalisierung, für Gumbrecht kein Ort der Erlösung von deutscher Geschichte.

Auch darin zeigt sich Halbdistanz: Nähe ohne Aneignung.

Gracián oder die Klugheit nach dem System

Der vielleicht feinste Seitenweg führt zu Balthasar Gracián. Gumbrecht hat das Handorakel neu übersetzt und liest es nicht als Handbuch des Zynismus. Für ihn ist Gracián ein Autor der Distanz, der Gelassenheit, der stoischen Selbstführung. Der Jesuit des spanischen Barock schreibt im Handorakel keine Theologie, obwohl er Theologe war. Er liefert kurze Regeln für das Verhalten in unsicheren Lagen. Keine Gesamtphilosophie, kein Weltbild, kein metaphysisches Dach.

Darum erklärt sich seine Wirkung auf Schopenhauer, Nietzsche und Brecht. Alle drei standen im Gravitationsfeld großer Systeme, ohne ihnen ganz zu gehören. Schopenhauer übersetzte Gracián und blieb der große Außenseiter der Universitätsphilosophie. Nietzsche begehrte Weltform und sprengte sie. Brecht entschied sich politisch für den Marxismus, blieb aber scharf genug, Graciáns kühle Klugheit zu brauchen.

Gumbrecht reiht sich in diese Familie nicht prahlerisch ein. Doch die Nähe ist unverkennbar. Er gehört zu jenen, die ein System verstehen, manchmal bewundern, vielleicht sogar wünschen, aber nicht in ihm wohnen können. Gracián gibt solchen Geistern keine Heimat. Er gibt ihnen Manieren des Überlebens.

Die Kälte als Verzicht auf falsche Wärme

Helmuth Lethens Verhaltenslehre der Kälte schwebt hier mit. Gumbrecht nimmt den Begriff auf, ohne ihn in Menschenfeindlichkeit umzudeuten. Kälte meint nicht Grausamkeit. Sie meint den Verzicht auf trügerische Wärme großer Erklärungen. An Hegel, an Marx, an geschlossene Weltbilder kann man sich wärmen. Gracián wärmt nicht.

Sein Handorakel verlangt Aufmerksamkeit, Distanz, Timing, Selbstbegrenzung. Es hilft nicht, sich in eine große Geschichte einzuschreiben. Es hilft, die nächste Lage zu bestehen. In der Moderne nach den Systemen ist das kein kleiner Anspruch. Vielleicht ist es sogar der realistischere.

Stanford und die Freiheit des Nicht-Narrativen

Stanford ist in Gumbrechts Werk kein bloßer Karriereort. Es ist der Ort einer neuen Formfreiheit. Sein Buch „1926“ entstand dort als Versuch, ein Jahr nicht zu erzählen, sondern begehbar zu machen. Alphabetische Ordnung statt Chronologie, Präsenz statt Narration. Der Leser soll zeitweise vergessen, wann er liest, und glauben, im Jahr 1926 zu sein.

Gumbrecht nennt dieses Buch eine positive Diskontinuität seines Werks. Das klingt bescheiden, meint aber viel. In Stanford gewann er eine Freiheit der intellektuellen Entscheidung, die er in Deutschland nicht in dieser Weise erfahren hatte. Die amerikanische Universität gab ihm nicht nur einen Arbeitsplatz. Sie gab ihm ein anderes Verhältnis zur Form.

Deep Learning und das Ende der alten Universität

Von Stanford aus fällt der Blick auf Deep Learning, künstliche Intelligenz und die Zukunft der Universität. Gumbrecht unterscheidet präzise: Nicht jede elektronische Technologie verdient den Namen künstliche Intelligenz. Im engeren Sinn beginnt KI dort, wo Algorithmen sich selbst optimieren.

Damit stellt sich die Universitätsfrage neu. Wenn Überblickswissen, Vorlesungen, Wissensvermittlung elektronisch günstiger und oft effizienter zu haben sind, verliert die Universität einen Teil ihrer alten Selbstverständlichkeit. Was bleibt? Begegnung? Forschung? Streit? Präsenz? Formung von Urteilskraft?

Gumbrecht verweigert fertige Antworten. Das macht seine Diagnose glaubwürdig. Er spricht nicht vom Untergang, er spricht von einer offenen Transformation. Aber der Ernst bleibt: Vielleicht endet nicht nur eine Epoche der Geisteswissenschaften. Vielleicht endet die Universität, wie Humboldt sie gedacht hat.

Gumbrecht als Wetterkundler des Geistes

Was verbindet all diese Figuren? Kittler, Luhmann, Habermas, Bohrer, Gracián, Brecht, Schopenhauer, Nietzsche, Werner Krauss, Jacob Taubes, Carl Schmitt, Machado, Amichai, Leo Löwenthal, Carlo Barck? Gumbrecht baut aus ihnen kein Pantheon. Er stellt sie in Wetterlagen.

Jeder bringt ein Klima mit. Kittler die Kälte der Apparate. Luhmann die Architektur der Unterscheidungen. Habermas die moralische Öffentlichkeit. Taubes die jüdische Störung der westdeutschen Selbstberuhigung. Bohrer die ästhetische Unverfügbarkeit. Gracián die Distanz. Krauss den beschädigten Körper der Geschichte. Machado die Ironie der Sympathie. Amichai die Gnade ohne Erlösung.

Gumbrecht ist weniger Systematiker als Meteorologe solcher Intensitäten. Er schreibt nicht die Geschichte des Geistes. Er lässt spüren, wann die Luft sich ändert.

Hören, bevor man ordnet

Vielleicht fasst Werner Krauss den ganzen Gumbrecht am besten zusammen. Auf die Frage, ob er seine Erinnerungen an die spanische Literatur in eine Geschichte fassen wolle, antwortet er, dafür sei es zu spät; man solle einfach zuhören und selbst etwas damit anfangen.

Das könnte als Motto über diesem Autorengespräch stehen. Gumbrecht liefert keine fertige Lehre. Er stellt Stimmen, Orte, Zeiten, Brüche, Fehlschläge und Glücksfälle so nebeneinander, dass aus ihnen etwas entsteht, was keine bloße Theorie leisten könnte: eine Gegenwart der Vergangenheit.

Sein Denken beginnt dort, wo Systeme nicht mehr genügen und Anekdoten noch nicht bloß Unterhaltung sind. Es lebt von Halbdistanz, von Nähe ohne Verschmelzung, von Kälte ohne Zynismus, von Erinnerung ohne Erlösung. Wer dieses Gespräch hört, erlebt mehr als eine Autobiografie. Er erlebt die Frage, wie man nach dem großen Jahrhundert der Geisteswissenschaften weiterdenken kann — mit weniger Schutz, weniger Wärme, weniger Gewissheit, aber vielleicht mit größerer Genauigkeit.

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