
Zeit vergeht, Tage werden zu Jahren. Doch bedeutet mehr Zeit auch mehr Ereignisse? Für den Vielschreiber und Vielreisenden Peter Sloterdijk sicherlich. Sein dritter Band der Aufzeichnungen, „Zeilen und Tage III, Notizen 2013 bis 2016“, ist kürzlich erschienen. Doch es ist mehr als nur eine Chronik, so Kersten Knipp im Interview mit Sloterdijk.
Der philosophische Schriftsteller zieht aus dem Alltäglichen Kapital. Er würdigt das Kleine, das leicht zu Übersehen ist. Die Puzzleteile, aus denen sich die Gegenwart zusammensetzt. Sloterdijk bleibt auch in diesem dritten Band seiner Grundhaltung treu, die dem Zufall sympathisiert. Warum? Weil der Zufall unser bester Freund ist. Er liefert Ereignisse, für deren Bestellung wir nicht verantwortlich sind. Es gibt immer einen Vorrang des Zufälligen vor dem Notwendigen. Das gibt uns das Gefühl von Freiheit.
Doch dazu gehört auch die Fähigkeit, schnell mit dem Zufall umzugehen, sich schnell auf Neuigkeiten einzustellen. Sloterdijk beschreibt eine menschliche Fähigkeit, die Kognition anderer Menschen zu ergreifen und die eigene zu befragen. Dadurch entbinden wir uns vom Umgriff der Umwelt. Welt ist das, was die Umwelt überschreitet.
Sloterdijk spricht auch über die Sprache. Sie ist ein wesentliches Element des Lebens. Solange dir die Sprache nicht abhanden kommt, bleibst du am Leben. Für die klassische Philosophie dreht sich alles um die Fähigkeit zu reden. Deshalb war die Rednerausbildung in der Antike so wichtig. Sie hat Menschen eingeübt, in keiner Situation ganz hilflos zu werden.
Sloterdijk sieht sich selbst als philosophierenden Schriftsteller. Seine Haupttätigkeit ist das Schreiben, das philosophische Element ist eher ein Adjektiv. Er glaubt nicht, dass man im Hauptberuf Philosoph sein kann oder soll.
In „Zeilen und Tage 3“ sieht Sloterdijk die Literatur als Versuch, der Zeit und der Fülle habhaft zu werden. Du kannst den Zug der Zeit nicht aufhalten. Er rollt über die Momente hinweg, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Doch durch das Schreiben eines Tagebuchs, besser eines Stunden- oder Minutenbuchs, kann man die Zeit verdichten.
Sloterdijk spricht auch über die Freiheit der Sprache. Zum akademischen Raum haben die Polizei und Gemeinheit keinen Zutritt. Freie Fahrt der Rede in der Akademie. Einer der größten Erfindungen der alten europäischen Kultur ist die Ausgrenzung eines Bezirks, in dem das freie Wort beheimatet ist. Ein Ort für freie Meinungen und Meinungsstreit.
Peter Sloterdijk zu seinem Opus „Zeilen und Tage III, Notizen 2013 bis 2016“. Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen, hat 604 Seiten und kostet 34 Euro. E-Book: 29,99 Euro.

