
Forschungen zeigen, dass Gegenden mit vielen kleinen, innovativen Unternehmen und Neugründungen, die etablierte Organisationen bedrängen und vom Markt fegen, langfristig erfolgreicher sind und mehr Arbeitsplätze schaffen sowie erhalten als solche mit wenig innovativen Unternehmen. Philippe Aghion, Céline Antonin und Simon Bundel haben das auf den Spuren der Theorien von Joseph Schumpeter untersucht. Sie stellen fest: Es gibt eine positive Korrelation zwischen den beiden Messgrößen. „Die amerikanischen Bezirke mit den höchsten Raten bei der Schaffung und Vernichtung von Arbeitsplätzen waren im Durchschnitt auch die Bezirke, die zwischen 1985 und 2010 die meisten neuen Patente hervorgebracht haben. Diese Daten umfassen mehr als 1.100 Bezirke, und die Korrelation beträgt 0,456. Diese Korrelation ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass die innovativsten Unternehmen die kleinen, jungen Unternehmen sind, die auch die meisten Arbeitsplätze schaffen und vernichten. Je größer das Unternehmen wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es innovativ ist. Darüber hinaus sind die Innovationen kleinerer Unternehmen radikaler und bedeutender als die größerer Unternehmen. Das Paradigma der schöpferischen Zerstörung löst eine Reihe von Rätseln im Zusammenhang mit dem Wachstum“, schreiben die drei Autoren in ihrem Opus „The Power Of Creative Destruction“. Nachzulesen in dem Beitrag „Schumpeter revisited: Die Kraft der kreativen Zerstörung“.
Welche Ableitungen kann man auf dieser Grundlage für die Wirtschaftspolitik machen? Die drei Autoren haben sich auch damit beschäftigt. Eine zu starke Exekutive könne in Richtung Autokratie abdriften, Korruption zum Nachteil von Innovationen erzeugen und so den Wohlstand eines Landes schwächen. „Genauso wie es ein optimales Maß an Wettbewerb gibt, das Innovation und Wachstum fördert, gibt es auch ein optimales Maß an Exekutivgewalt. Zu wenig Exekutivgewalt kann die Fähigkeit des Staates zur Durchführung von Reformen lähmen; zu viel Exekutivgewalt kann zu einer ‚illiberalen Demokratie‘ oder zu Autokratie führen. Der optimale Kompromiss zwischen zu viel und zu wenig Macht hängt von Überlegungen wie der Bedeutung von Reformen einerseits und dem Risiko und den Kosten von Enteignungen andererseits ab. In Kriegszeiten, in einer Krise oder bei dringendem Reformbedarf ist es wünschenswert, der Exekutive mehr Macht zu geben. In normalen Zeiten ist es jedoch vorzuziehen, die Macht der Exekutive zu begrenzen.“ Werde die Macht der Exekutive nicht begrenzt, werden die etablierten Unternehmen wahrscheinlich ihre Renten nutzen wollen, um den Markteintritt neuer, innovativer Unternehmen zu verhindern, und sie werden zu diesem Zweck Lobbyarbeit bei den politischen Entscheidern betreiben. Je ungezügelter die Macht der Exekutivbeamten sei, desto größer ist die Versuchung für Unternehmen, sie zu beeinflussen oder sogar zu bestechen.
In ihrem Buch „Why Nations Fail“ verweisen Daron Acemoglu und James Robinson auf Beispiele, in denen amtierende Beamte Wachstum blockierten, weil sie befürchteten, dass die daraus resultierende schöpferische Zerstörung ihre Macht gefährden würde. „So wurde im Osmanischen Reich die erste Druckerpresse erst 1727 zugelassen, mehr als 300 Jahre nach ihrer Erfindung durch Gutenberg. Ziel war es, die Verbreitung neuer Ideen einzuschränken, indem eine niedrige Alphabetisierungsrate gewährleistet wurde, die bis 1800 tatsächlich unter 3 Prozent der Bevölkerung blieb. Die Autoren verweisen auch auf das Spanien des 15. Jahrhunderts, wo der Handel mit den neuen amerikanischen Kolonien unter der strengen Kontrolle eines Zunftwesens stand“, schreiben Aghion, Antonin und Bundel.
Das wäre ein Blick auf die volkswirtschaftliche Ebene. Betriebswirtschaftlich sind Erkenntnisse von Lysander Weiß und Lucas Sauberschwarz interessant: Innovation sei Hochleistungssport. Und der ist geprägt von Freiraum UND Vorgaben:
„Dass diese Kombination im Arbeitsumfeld tatsächlich erfolgversprechend ist, zeigt eine groß angelegte Studie unter 4.195 Personen aus 41 Geschäftsbereichen in zehn multinationalen Unternehmen. Dabei wurde der Grad an Alignment und Autonomy der verschiedenen Einheiten bestimmt und deren Leistung gemessen. Das Ergebnis: Eine (selten so klare) Korrelation zwischen den Organisationseinheiten mit hohem Alignment und hoher Autonomy („agile Organisation“) und hoher Leistung.“
Arbeitsumgebungen können dabei schnell in unerwünschte Gefilde abdriften:
- Instrumente, welche für hohe Zufriedenheit, aber nicht für hohe Leistung sorgen, führen zu einer sog. „Country Club-Umgebung“, in der es zwar allen Mitarbeitenden gut geht, jedoch wenig Ergebnisse erzielt werden.
- Instrumente, welche für hohe Leistung, aber nicht für hohe Zufriedenheit sorgen, führen zu einer sogenannte „Burnout-Umgebung“, in der kurzfristig gute Ergebnisse erzielt werden, diese mittelfristig jedoch stark abfallen, da Mitarbeitende ausbrennen oder abwandern.
- Wenn weder für hohe Zufriedenheit noch für hohe Leistung gesorgt wird, besteht die Gefahr einer Niedrigleistungsumgebung, in der es niemandem wirklich gut geht, und auch kaum Ergebnisse erzielt werden.
Die von Jesko Dahlmann erforschten Innovatoren zeichnen sich zudem durch Kompetenz aus. Sie glänzten durch ein sicheres Urteilsvermögen in ihrem Fachgebiet und konnten bei der Anwendungen von Erfindungen die richtigen Entscheidungen treffen. Eine gute Ausbildung und die Nähe zur Wissenschaft seien unabdingbar, schreibt Dahlmann in seiner Forschungsarbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie der Wirtschaftsgeschichte“. Dazu zählt er auch die räumliche Nähe zu Universitäten, Forschungsinstituten und den Informationsaustausch zwischen Innovatoren und Inventoren. Die fachliche Expertise und den Erfindungsreichtum anderer Menschen wirtschaftlich nutzbar zu machen, sei eine Fähigkeit, die von Schumpeter besonders hervorgehoben wurde. Die ist bei vielen Kompetenz-Simulanten aber häufig gar nicht vorhanden. Da stehen sich auf der Seite der Auftraggeber und der Auftragnehmer technologische Blindfische gegenüber. Von denen habe ich in meinem Berufsleben schon viele kennengelernt.
Wolf Lotter hat das gut auf den Punkt gebracht:

