
Stefan Pfeiffer glaubt an eine Rettung. Eine digitale Welt, die sich dem Zugriff der Tech-Oligarchen entzieht. Eine Öffentlichkeit, die sich aus der Reichweite von X, Facebook und Threads ins Fediverse flüchtet und dort eine bessere, menschlichere Version von Social Media erschafft. Doch das ist Wunschdenken.
Die Idee, dass eine dezentrale Plattform mit offenen Standards den Diskurs retten kann, beruht auf einer alten Utopie, die längst von der Realität überholt wurde. Die Annahme, dass man sich eine „gute“ digitale Öffentlichkeit einfach in ein paralleles System auslagern kann, ignoriert, dass sich die gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht aus der Arena der großen Plattformen verabschiedet. Das Fediverse ist keine Lösung, sondern eine Nische. Die eigentlichen Kämpfe werden woanders geführt.
Wir haben diese Fehler bereits einmal gemacht. 2017, als die Neue Rechte die Plattformen zu ihrem Schlachtfeld machte, war die Reaktion der netzpolitischen Szene naiv. Selbst die klügsten Köpfe hielten es für eine Episode, ein digitales Strohfeuer, das sich selbst erledigt. Doch was kam, war kein Ausreißer. Es war der Beginn einer neuen Ordnung.
Stephan Porombka hat es damals treffend beschrieben:
„Wir erleben das erste Mal das Phänomen einer rechten Öffentlichkeit, die nicht darum kämpfen muss, Zugang zu bekommen, sondern ihn sich einfach nimmt. Sie nutzt die Mechanismen sozialer Netzwerke gezielt und mit maximalem Effekt. Währenddessen glaubt die linke, kritische Öffentlichkeit, dass sie immer noch im 20. Jahrhundert lebt.“
Statt sich dieser neuen Realität zu stellen, wurden Alternativen propagiert: kleine, feine Communities, private Server, vermeintlich „bessere“ soziale Netzwerke. Doch die Wirkung? Gleich null. Währenddessen breiteten sich Breitbart & Co. ungestört aus, mit einer Kommunikationsstrategie, die auf maximale Eskalation ausgerichtet war. Die Idee, dass sich politischer Einfluss über Qualität und Argumente gewinnt, wurde von der Praxis widerlegt.
Nun, sieben Jahre später, erleben wir die nächste Runde dieser Selbsttäuschung. Die Fediverse-Gläubigen ziehen sich in eine digitale Parallelwelt zurück, anstatt sich der Machtfrage zu stellen. Was Pfeiffer als Wunsch nach einer „positiven“ Social-Media-Kultur beschreibt – Nachbarschaft, gute Inhalte, nette Gespräche – ist nichts anderes als eine Flucht aus der Wirklichkeit.
Die großen Plattformen sind das Schlachtfeld. Dort entscheidet sich, welche Narrative dominant werden. Wer aussteigt, überlässt das Feld jenen, die diese Mechaniken besser verstanden haben. Das Fediverse mag für ein paar zehntausend Nutzer ein Experimentierfeld sein, doch die politische und kulturelle Relevanz wird dort nicht entschieden.
Stefan Pfeiffer fordert, dass wir mehr Spaß ins Social Web bringen. Dass wir uns an die guten alten Zeiten erinnern, als Facebook und Twitter noch „nett“ waren, als Nachbarschaft und Austausch im Vordergrund standen. Doch diese Zeit ist vorbei. Das Netz ist heute eine politische Waffe, und wer sich zurückzieht, macht sich unsichtbar.
Die Frage ist also nicht, wie wir uns „alternative“ soziale Räume schaffen. Die Frage ist, wie wir die Mechanismen der digitalen Öffentlichkeit so nutzen, dass sie nicht weiter in die Hände autoritärer Kräfte fallen. Wir brauchen keine Parallelwelten, sondern Strategien für die Plattformen, die existieren.
Gute Nachbarschaft, interessante Inhalte, Austausch – das alles ist schön. Aber es reicht nicht. #SaveSocial bedeutet nicht, sich eine digitale Gartenkolonie zu basteln, sondern sich dem Kampf um die großen Plattformen zu stellen. Alles andere ist Eskapismus.

