
Die ökonomische Prognostik hat nach Ansicht von Laetitia Lenel im Laufe des 20. Jahrhunderts einen bemerkenswerten Wandel durchlaufen, der sowohl die enttäuschten Erwartungen als auch die Bedeutung der Prognostik erklärt. Anstatt eine unabhängige Zukunft korrekt vorherzusagen, wird die ökonomische Prognostik heute genutzt, um die Zukunft aktiv mitzugestalten. Also normativ vorzugehen, was ja von vielen immer in Abrede gestellt wird.
Ursprünglich hofften Ökonomen, durch den Ausbau der ökonomischen Statistik zeitlose Gesetzmäßigkeiten des Konjunkturzyklus zu identifizieren. Prognoseinstrumente wie der Index of General Business Conditions wurden entwickelt, um Daten der Vergangenheit zu nutzen und statistische Relationen in die Zukunft zu projizieren. Doch schon früh zeigte sich, dass die Zukunft anders verlief als prognostiziert. Das Harvard Committee reagierte darauf mit einem Methodenwandel und begann, ihre Prognosepraxis auf dem Wissen über die Erwartungen politischer und wirtschaftlicher Akteure aufzubauen.
Konjunkturforscher griffen diese Prognosetechnik auf und nutzten Umfragen, um die Erwartungen von Konsumenten und Unternehmern zu erfassen. Dabei stellten sie fest, dass die Zukunft nicht nur von den Erwartungen abwich, sondern dass die Akteure auch ihre Pläne nicht wie angegeben umsetzten. Dies führte zur Erkenntnis, dass ökonomische Akteure ihre Erwartungen kontinuierlich an die Erwartungen anderer Akteure anpassen. Formulierte Wilhelm Röpke schon Anfang der 1930er Jahre.
Die Prognostik hat sich somit von einem Instrument der Voraussage zu einem interaktiven Koordinationsinstrument gewandelt. Prognosen bieten wirtschaftlichen Entscheidungsträgern einen gemeinsamen Erwartungshorizont und können so Unsicherheit reduzieren. Sie erfüllen damit eine wichtige wirtschaftliche Funktion, da ökonomisches Handeln auf Erwartungen über die Zukunft basiert. Prognosen können Investitions- und Konsumentscheidungen stabilisieren und Vertrauen wiederherstellen. Das sollten die Konjunkturforscherinnen und Konjunkturforscher in aller Offenheit bei all den inszenierten Auftritten in der Bundespressekonferenz in Berlin auch mal sagen.
Einer Aussage von Lenel im Beitrag für den Wissenschaftsteil der FAZ widerspreche ich allerdings: „Mit den Wachstums- und Inflationsprognosen für das Jahr 2022 lagen ökonomische Experten gründlich daneben.“ Das gilt sicherlich für Marcel Fratzscher, EZB-Chefin Legarde und Co. Nicht aber für Professor Holm und Sohn – also icke.
Was schrieb ich im Sommer 2021:
Ökonomie im Lieferketten-Stress – Bekommen wir eine dauerhafte Inflation? Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, ist Sorgen wegen der aktuell hohen Inflation entgegengetreten. Derzeit gebe es letztlich eine Normalisierung von den gefallenen Preisen in der Corona-Krise im vergangenen Jahr, sagte Fratzscher im Deutschlandfunk. Wenn man das über zwei Jahre vergleiche, sei das völlig konsistent mit der Preisstabilität. „Wir sehen also eine willkommene Normalisierung der Preise“, so der Ökonom. Es sei zudem relativ wahrscheinlich, dass die Preissteigerung im nächsten Jahr wieder eher unter zwei Prozent liege und damit unter der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB). Inflation werde nur dann zum Problem, wenn sie sich verstetige. Nun, die Frachtkosten pro Container sind von 1.000 Dollar auf teilweise 14.000 Dollar gestiegen. Ähnliche Preisschübe gibt es an den Rohstoffmärkten, in der Produktion, bei Papier, Holz, Autobau, Nutzfahrzeuge. Von einer Normalisierung der Preise kann man nicht sprechen. In den vergangenen Monaten haben besonders die Weltmarktpreise für Rohstoffe insbesondere für Industrierohstoffe stark zugelegt. Nach dem Einbruch im April 2020, ausgelöst durch den ersten globalen Lockdown zur Bekämpfung der Corona-Pandemie, sind die Rohstoffpreise kontinuierlich und zum Teil deutlich über das Vorkrisenniveau gestiegen.
Auch die zwischenzeitlich erneut gestiegenen Corona-Infektionszahlen und die Einführung weiterer Lockdown-Maßnahmen konnten den Aufwärtstrend der Rohstoffpreise nicht bremsen. Der HWWI Rohstoffpreisindex stieg im Vergleich vom Dezember 2019 um 32 Prozent. Besonders gravierend ist der Anstieg des Teilindex für Industrierohstoffe, der gegenüber seinem Vorkrisenniveau um mehr als 70 Prozent zulegte und im Mai 2021 sein Zehnjahreshoch überschritt. Als Lieferketten- Stress für die Netzökonomie betitelte ich die Gemengelage auf der Digitalkonferenz Digital X in Köln in einer Session mit dem Logistikprofessor Peter Holm. Den Hauptgrund für den Preisschub sieht Holm im Mangel an Halbleitern, der sich auf die gesamte Produktion von Gütern auswirkt. „Kurzfristig lässt sich dieser Engpass nicht beseitigen“, warnt Holm. Ein Konzern wie VW konnte im ersten Quartal 100.000 Autos nicht produzieren wegen der mangelhaften Verfügbarkeit von Halbleitern. Energiewende, Elektrifizierung und Digitalisierung werden den Bedarf an Halbleitern und den dafür notwendigen Rohstoffen exorbitant steigern.
Hier entsprechende Produktionskapazitäten aufzubauen, wird von der EU zwar forciert, aber es geht nicht schnell genug. „Der Bau solcher Fabriken dauert lange und ist extrem kapitalintensiv“, erläutert Holm. Zu diesem Mangel gesellt sich die Störung der globalen Lieferketten. „So etwas hat man in den vergangenen zwanzig Jahren noch nie gesehen. Das fing mit dem blockierten Suez-Kanal an und ging weiter mit dem Herunterfahren der größten Häfen wie beispielsweise in Shenzhen. Gut 90 Prozent aller Waren werden mit Containern verfrachtet. Alle Elektronikteile, die verschifft werden sollten, stecken im Stau. Als Folge dieser Warteschleifen steigen die Preise. Sie schaukeln sich zur Zeit hoch und werden uns als Konsumenten erheblich belasten“, so Holm. Alles nur eine vorübergehende Krise? Im Wahlkampf waren die Lieferengpässe, die die Konjunktur belasten, kein Thema. Antworten von der Wirtschaftspolitik erhält man auch nicht. In der Netzszene stehen solche Problematik selten auf der Agenda. Das wird sich rächen.
Artikelende.
Und das rächt sich ja nun auch bei der mangelhaften Wirtschaftspolitik der Bundesregierung. Man hätte früher gegensteuern müssen. Auch die EZB, die nun mit hohen Leitzinsen prozyklisch die Krise verschärft. Da fehlt es an Timing.

