
Klaus Janowitz hat mit dem Begriff der Technogenese einen brauchbaren Hebel geliefert. Der Ausdruck verschiebt den Blick weg von der alten Frage, ob Technik die Gesellschaft prägt oder die Gesellschaft die Technik. Diese Schablone taugt nicht mehr viel. Janowitz setzt an die Stelle der Kausalität eine Verschränkung. Technik, soziale Ordnung und individuelle Dispositionen laufen in langen Ketten, greifen ineinander, erzeugen Rückwirkungen. Für die Soziologie ist das ein Fortschritt. Für mein Interesse an Kittler reicht es nicht.
Der Begriff Technogenese ist stark, solange er nicht beruhigt. Sobald aus ihm ein harmonisches Ko-Evolutionsbild wird, verliert er Schärfe. Dann klingt Geschichte wie ein lernfähiges Arrangement. Doch Mediengeschichte verläuft nicht als Gespräch zwischen gleichberechtigten Partnern. Sie verläuft als Serie technischer Zumutungen, als Umbau von Adressen, Kanälen, Speicherformen, Zugriffen. Jede neue Apparatur stellt alte Gewissheiten unter Strom. Janowitz öffnet die Tür. Kittler tritt ein und löscht das Licht der soziologischen Behaglichkeit.
Mein Einsatz bei Janowitz beginnt an der Stelle, an der seine Perspektive mir zu sanft wird. „Interdependenz“ ist ein brauchbares Wort, doch es klingt nach Gleichgewicht. Die Geschichte der Medien kennt kein Gleichgewicht. Sie kennt Monopole und deren Zerfall. Sie kennt Standardisierungen, die plötzlich ganze Berufsfelder verschieben. Sie kennt technische Formate, die aus einer Kultur des Sinns eine Kultur der Signale machen.
Deshalb führe ich Janowitz auf Kittler zu. Nicht, um den soziologischen Begriff zu verwerfen. Eher, um ihn unter Druck zu setzen. Bei Kittler taucht Technik nicht als „Faktor“ unter anderen auf. Technik ist kein Kontext der Gesellschaft. Technik ist die operative Grammatik dessen, was eine Gesellschaft speichern, übertragen, zählen, befehlen und erinnern kann. Wer diese Ebene verfehlt, redet über Oberflächen. Die Soziologie liebt Oberflächen: Rollen, Institutionen, Normen, Milieus, Habitus. Kittler zieht darunter die Kabel.
Foucault endet am Archiv
Kittlers Ausgangspunkt ist bekannt: Foucaults Archive reichen für die Moderne nicht mehr aus. Spätestens seit dem späten 19. Jahrhundert zerfällt das Monopol des Buches. Schrift bleibt wichtig, nur verliert sie ihre Alleinherrschaft. Töne, Bilder, Signale, maschinenschriftliche Texte drängen in die kulturelle Matrix. Das Archiv wird technisch plural. An dieser Stelle kippt der gesamte Wissensraum.
Für die Soziologie ist das eine Zumutung. Sie konnte sich lange darauf verlassen, Gesellschaft an Texten, Institutionen und Symbolordnungen abzulesen. Kittler zwingt sie, mit Grammophon, Film, Telephon, Schreibmaschine und Computer zu rechnen. Nicht als hübsches Beiwerk der Moderne. Als deren Unterbau. Aus dieser Perspektive wirkt ein großer Teil der Soziologie wie eine Disziplin, die das Ergebnis beschreibt, nachdem die Apparate ihre Vorarbeit längst erledigt haben.
Janowitz sieht die Verschränkung von Technik und Gesellschaft. Kittler macht aus der Verschränkung eine Hierarchie der Bedingungen. Erst die medientechnische Form entscheidet, was als Mitteilung, Gedächtnis, Befehl, Präsenz oder Autorität zirkulieren kann. Die Gesellschaft spricht nicht frei. Sie spricht in Formaten.
Das Buch war eine Disziplinaranlage
An diesem Punkt wird die Sache konkret. Das Buch war in der bürgerlichen Epoche nicht bloß Träger von Bildung. Das Buch war eine Disziplinaranlage. Es ordnete Zugang, Autorität, Verwaltung, Geltung. Es band Schreiben an Handschrift, Handschrift an Bildung, Bildung an den männlichen Staats- und Amtskörper. Daraus entstand jene symbolische Selbstverständlichkeit, die das 19. Jahrhundert als Kultur der Schrift ausgab.
Die Soziologie hat dieses Regime oft zu freundlich beschrieben. Öffentlichkeit, Lesekultur, bürgerliche Vernunft, nationale Bildung. Das stimmt auf einer Ebene. Auf einer anderen war das Buch eine Zugangstechnologie mit scharf gezogenen Schwellen. Nicht jede und jeder schrieb an derselben Stelle des Systems. Private Briefe, Salonkultur, Gefühlsschrift, Tagebuch, Frömmigkeit – das alles zirkulierte, blieb jedoch am Rand der strategischen Schriftmacht. Im Zentrum saßen Verwaltung, Universität, Amt, Kanon, Druck und Prüfung. Dort herrschte der Mann, ausgebildet, geschniegelt, mit jener Schulgrammatik, die Schrift als Sozialprivileg führte.
Kittler trifft hier den Nerv. Seine Pointe lautet nicht, dass Frauen nie geschrieben hätten. Seine Pointe lautet, dass die Schaltstellen des Schreibens männlich besetzt waren. Das Buch war Männerwelt, weil seine Infrastruktur Männerwelt war.
Die Schreibmaschine zerstört die Würde der Hand
Dann erscheint die Schreibmaschine. Nicht als Fortschritt. Als Unterbrechung. Plötzlich verliert die Handschrift ihren Nimbus. Das Schriftbild kommt nicht mehr aus der individuellen Geste, aus jener Verbindung von Körper, Stil und Bildung, auf die sich die männliche Schriftkultur so viel zugutehielt. Die Taste tritt an die Stelle der Hand. Das Zeichen wird standardisiert. Der Stolz auf die schöne Schrift sinkt vom Rang einer Kulturleistung zu einer nostalgischen Gewohnheit.
Hier öffnet sich die Bresche. Männer in Büros hielten an der Handschrift fest. Frauen griffen nach der Maschine. Diese Bewegung gehört zu den stärksten Sätzen Kittlers. Nicht eine moralische Einsicht bringt die alte Ordnung ins Wanken. Ein Apparat erledigt die Vorarbeit. Er macht ein Monopol technisch obsolet. Frauen dringen in Kontore, Verwaltungen, Börsen, Kanzleien ein, weil die Maschine eine Kulturtechnik de-auratisiert. Das ist der historische Moment, in dem aus dem Pathos des Schreibens eine Operation wird.
Janowitz’ Begriff Technogenese gewinnt hier erst seine volle Härte. Technik und Gesellschaft entwickeln sich nicht gemeinsam in einem milden Wechselspiel. Eine Apparatur kappt die Verbindung zwischen Schrift und männlichem Habitus. Damit fällt kein Patriarchat in sich zusammen. Doch sein mediales Rückgrat bekommt Risse.
Das Telephon besetzt die Schnittstelle neu
Mit der Telephonie wiederholt sich der Vorgang auf einer anderen Ebene. Nun geht es nicht mehr um die Spur auf Papier, nun geht es um die Stimme im Netz. Auch hier entsteht kein neutrales Kommunikationsmittel. Es entsteht eine neue soziale Topologie. Vermittlungsämter, Stöpselstellen, Netzknoten, Operatorinnen. Die technische Infrastruktur ruft eine neue Figur hervor: die Frau als Interface.
An dieser Stelle wird Kittler für die Soziologie unbequem. Denn er beschreibt keine bloße Erweiterung von Berufschancen. Er zeigt, wie technische Systeme menschliche Bedienkörper benötigen, solange sie noch nicht vollautomatisch laufen. Diese Bedienkörper werden in die Machtkreise des Systems eingezogen. Die Telefonistin steht nicht am Rand der Moderne. Sie sitzt an einer ihrer neuralgischen Stellen. Kommunikation läuft durch ihre Hände, ihre Stimme, ihre Aufmerksamkeit.
Wer da noch von „Anwendung“ spricht, hat die Sache nicht verstanden. Das Medium erzeugt seine sozialen Träger neu. Aus dieser Einsicht folgt eine Soziologie der Schnittstellen. Nicht Klassen allein, nicht Institutionen allein, nicht Milieus allein. Schnittstellen. Dort werden Körper, Stimmen, Disziplinen und Hierarchien neu verteilt.
KI markiert den nächsten Schnitt: Nicht mehr nur Bedienkörper werden in technische Systeme eingespannt, sondern Bildungs-, Beratungs- und Entscheidungsläufe selbst werden auf Losgröße 1 umgestellt. Darin liegt, mit dem KI-Forscher Wolfgang Wahlster gelesen, ihr antielitäres Potential. Wenn tutorielles Lernen tatsächlich auf Einzelpersonen ausgerichtet wird, wenn Systeme dranbleiben, motivieren, Fehlkonzepte diagnostizieren und individuelle Förderung dort leisten, wo überfüllte Klassen, dünne Beratungsstrukturen und soziale Herkunft bislang wie eiserne Filter wirken, dann fällt eine der ältesten Kopplungen der Moderne: die Kopplung von Herkunft und Zukunft.
Wahlster formuliert genau diesen Punkt, wenn er sagt, Losgröße 1 könne helfen, das Muster „Herkunft gleich Zukunft“ zu durchbrechen, weil individuelle Förderung nicht länger ein Privileg derer bleiben müsse, die ohnehin schon über Kapital, Milieu und institutionelle Nähe verfügen. KI wäre dann nicht der neue Apparat der Selektion, sondern erstmals ein Mittel, mit dem sich die aristokratische Logik knapper Förderung technisch unterlaufen lässt. Die harte These lautet deshalb: Dort, wo KI ernsthaft personalisiert, diagnostiziert und ermutigt, beginnt nicht einfach bessere Pädagogik, sondern die materielle Chance auf eine Gesellschaft, in der biografische Startnachteile ihre Selbstverständlichkeit verlieren.
Technik ist keine Umwelt der Gesellschaft
Hier liegt mein eigentlicher Widerspruch gegen einen zu mild gelesenen Janowitz. Technik darf nicht als Umwelt der Gesellschaft behandelt werden. Auch nicht als Ergänzung. Technik ist die Bedingung, unter der Gesellschaft ihre eigene Umwelt überhaupt erst unterscheiden kann. Erst wenn Signale von Rauschen getrennt, Daten adressiert, Texte standardisiert, Stimmen übertragen, Bilder gespeichert und Rechenoperationen automatisiert werden, stabilisiert sich jene Ordnung, die wir nachträglich „Gesellschaft“ nennen.
Kittler zwingt die Soziologie dazu, auf den Boden ihrer eigenen Voraussetzungen hinabzusteigen. Nicht Normen zuerst. Nicht Werte zuerst. Nicht Kommunikation zuerst. Zuerst die Speicher. Die Kanäle. Die Befehlszeichen. Die Standardisierungen. Die Kopplungen von Militär, Bürokratie und Industrie. Die Zahlencodes. Die Diskretisierung der Welt.
Janowitz schreibt klug gegen lineare Fortschrittserzählungen an. Das überzeugt. Nur würde ich einen Schritt weitergehen: Technogenese meint nicht bloß wechselseitige Formung. Technogenese meint die historische Tatsache, dass Apparate den Möglichkeitsraum des Sozialen verschieben. Nicht metaphorisch. Operativ.
Turing und das Ende der alten Gewissheiten
Mit Turing tritt das in seine radikale Phase. Das Imitationsspiel, wie Kittler es liest, beginnt mit Mann und Frau und endet bei Mensch und Maschine. Diese Verschiebung ist nicht beiläufig. Sie zeigt, dass die alten Differenzen nur noch als Vorstufe einer neuen Vergleichsordnung dienen. Nicht mehr die Geschlechterdifferenz organisiert die tiefste Trennlinie, sondern die Frage, ob ein Rechner in derselben symbolischen Form operieren kann wie ein Mensch.
Von da an wird alles anders. Der Computer erscheint nicht als weiteres Medium in einer Reihe. Er absorbiert die Reihe. Text, Bild, Ton, Zahl, Signal – alles wird anschließbar, alles wird verarbeitbar, alles wird manipulierbar. Aus getrennten Medien werden Datenlagen. Aus kulturellen Ausdrucksformen werden Operationszustände. Der Computer ist keine Erweiterung des Buches. Er ist dessen Entthronung.
Hier wird eine weitere Schwäche vieler soziologischer Technikbegriffe sichtbar. Sie bleiben zu nah an der Semantik des Gebrauchs. Wer nutzt was? Wer eignet sich etwas an? Wer profitiert? Diese Fragen sind nicht falsch. Nur greifen sie zu spät. Zuerst entscheidet die Architektur. Erst danach folgen Nutzungen, Aneignungen, Konflikte, Deutungen. Die Form der Maschine kommt vor ihrem sozialen Kommentar.
Elias, Luhmann, Janowitz – und dann Kittler
Janowitz knüpft seinen Begriff der Technogenese mit Recht an Norbert Elias. Das hat analytische Eleganz. Langfristige Prozesse, Wandel von Dispositionen, Interdependenzketten, Zivilisationsdynamik. Nur bleibt bei Elias die materielle Härte der Apparate merkwürdig fern. Die Zivilisation erscheint dort an Tischsitten, Affektregimen, Verhaltensschwellen. Das hat Größe. Es bleibt an vielen Stellen papiernah.
Kittler verschiebt die Bühne. Nun geht es um technische Aufschreibesysteme, um die Medien, in denen überhaupt erst festgelegt wird, was registrierbar ist. Auch Luhmann hilft nur begrenzt weiter. Seine Form/Medium-Unterscheidung ist elegant, seine Theorie der Technik scharfsinnig, doch die elektrische, optische, akustische und rechnerische Materialität bleibt bei ihm zu oft in der Höhe des Systems aufgehoben. Kittler fällt tiefer. Er fällt auf Kabel, Chips, Codes, Maschinen, Geräte. Eben dort, wo Soziologie schmutzig wird und Philosophie nervös.
Janowitz liefert den Anschluss, den die deutschsprachige Soziologie lange vermieden hat. Ich würde nur den Druck erhöhen. Technogenese darf kein verständiger Sammelbegriff für Wechselwirkungen bleiben. Sie markiert die Verschiebung vom Sozialen als Deutungssystem zum Sozialen als Effekt medientechnischer Operationsweisen.
Nach Janowitz beginnt die Härte
Mein Vorschlag lautet daher: Janowitz lesen, dann Kittler nachlegen. Technogenese lesen, dann an den Punkt treiben, an dem aus Ko-Evolution Umcodierung wird. Nicht Technik „und“ Gesellschaft. Nicht Mensch „und“ Medium. Nicht Kultur „und“ Infrastruktur. Diese Additionen verwässern die Sache. Entscheidender ist die Frage, welche Apparate eine Epoche besitzt, welche Speicherformen sie bevorzugt, welche Befehle sie standardisiert, welche Schnittstellen sie personell oder maschinell besetzt.
Von dort aus wirken die großen soziologischen Kategorien anders. Klasse erscheint als Verteilungsform von Zugängen zu Apparaten. Geschlecht erscheint als historische Zuteilung von Bedienbarkeit, Sichtbarkeit, Schreibmacht. Öffentlichkeit erscheint als Effekt von Übertragungsregimen. Wissen erscheint als Funktion seiner Speichermedien. Macht erscheint als Fähigkeit, die technischen Bedingungen des Sichtbaren und Sagbaren zu setzen.
Das ist der Punkt, an dem ich Janowitz weiterdrehe. Nicht gegen ihn. Über ihn hinaus. Sein Begriff öffnet die Sache. Kittler macht sie unabweisbar.
Die Soziologie hat sich lange eingeredet, Technik sei ein Gegenstand ihrer Analyse. In Wahrheit hat Technik viel häufiger die Bedingungen der Analyse selbst gesetzt. Wer heute noch über Plattformen, KI, algorithmische Sichtbarkeit oder digitale Öffentlichkeit spricht, ohne die technische Form in den Vordergrund zu ziehen, wiederholt die alte Fehleinschätzung des Bildungsbürgertums gegenüber der Schreibmaschine: Man hält den Apparat für ein Hilfsmittel und merkt zu spät, dass er die Ordnung umstellt.
Darum führt der Weg von Janowitz zu Kittler. Der eine gibt den Begriff. Der andere liefert den Stromstoß. Und erst unter dieser Spannung beginnt eine Soziologie, die der Gegenwart gewachsen ist.

