
Es ist eine seltene Fügung, wenn ein Künstler die Bühne betritt, ohne sie zu beanspruchen. Noch seltener ist es, dass er sich dabei nicht über das Publikum erhebt, sondern mit ihm spricht – nicht durch Deklamation, sondern durch Andeutung, Verlegenheit, Witz und Melancholie. Stephan Sulke, an diesem Samstagabend in der Bonner Springmaus, brachte genau das zur Vollendung: eine Kunst des Leisen, des Unwahrscheinlichen, eine Übung in Weltklugheit ohne Bitterkeit.
Er begann den Abend mit einem Lied, das zugleich Klage, Stoßgebet und Parodie war: „Du lieber Gott, komm doch mal runter.“ Kein Bekenntnis, kein missionarisches Sendungsbewusstsein – vielmehr eine sacht gezupfte Anfrage an den Himmel, ob dort jemand sei, der zuhört. Sulkes Stimme, eine Mischung aus rauem Zweifel und kindlicher Hoffnung, trug diesen Auftakt wie ein halbes Gelöbnis: nicht zu viel Pathos, aber auch keine Flucht in Ironie. In diesem Lied steckte bereits alles: das Jüdische, das Philosophische, das Widersprüchliche seines Denkens. Es war, als spräche da ein Mann, der sich mit der Welt versöhnt hat, gerade weil sie ihn immer wieder enttäuscht.
Von da an entwickelte sich ein Abend wie aus einer anderen Zeit. Kein durchgetaktetes Set, keine gebrüllten Hymnen, keine Lichtregie, die Bedeutung simuliert. Stattdessen: Lieder wie Skizzen, Anekdoten wie Seitenhiebe, und zwischendurch immer wieder diese Stimme – brüchig, uneitel, nah. Sulke sprach mit dem Publikum, nicht zu ihm. Und was er sagte, ließ sich oft schwer von dem trennen, was er sang.
Wie etwa die Geschichte vom Braunbären in der Rudi-Carell-Show – eine Szene wie aus einem surrealen Theaterstück, das Beckett und Buster Keaton gemeinsam geschrieben haben könnten. Sulke, als junger Sänger auf einem Studiostuhl platziert, sollte melancholisch ins Mikrofon singen, während neben ihm ein Braunbär auf seinen Auftritt wartete – Teil einer Requisite, die Carells nächster Gag verlangte. Die Kamera lief, der Bär schnaufte, und der junge Sulke sang. Die Szene ist so grotesk wie entlarvend: ein Sinnbild für eine Unterhaltungsmaschinerie, in der das Unpassende zur Norm wird, solange es Quote bringt. Man kann sich diesen jungen Sulke gut vorstellen: ein wenig verloren, ein wenig zu klug für den Betrieb, ein wenig zu nachdenklich für die Quote. Und doch blieb er. Ein Einzelgänger im Zentrum des Betriebs, der nie zum Teil des Betriebs wurde.
Seine Lieder? Keine Nummern, keine programmatische Kunst. Eher lose hingeworfene Miniaturen, in denen sich das Persönliche ins Allgemeine weitet. „Ich brauche dich“ – eine Liebeserklärung, deren Einfachheit anrührt, gerade weil sie kein Pathos sucht. Oder das Lied über die Hühnerzucht, das, wie nebenbei, vom Scheitern als Lebensform erzählt – und dabei mehr Wahrheit enthält als ganze Kabarettprogramme.
Mit leisem Spott erzählte er von Tantiemenabrechnungen, von absurden Studioauftritten, von Plattenfirmen und einem Kulturbetrieb, der Künstler wie ihn stets als störendes Element behandelte – bis er dann irgendwann als „Kult“ durchging. Auch eine Geschichte, die er nicht ausschlachtete, sondern nur streifte: jenes neue Album, das er eigentlich als posthumes Werk angelegt hatte. Erst nach einer ärztlichen Diagnose – keine unmittelbare Bedrohung, nur der Hinweis, „die Wand“ komme noch nicht – entschloss er sich, es im Oktober zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Keine rührselige Geste, kein dramatischer Abgang. Nur eine weitere elegante Volte eines Mannes, der sich selbst nie zu wichtig nahm.
Und dann war da diese Parabel über das menschliche Leben, aufgeteilt in Tierjahre – Kuh, Affe, Hund, Mensch. Ein Lied wie ein modernes Gleichnis, das mehr über den Zustand der Gesellschaft sagt als viele soziologische Studien. Es war das leise Lachen der Erkenntnis, das den Saal füllte.
Am Ende: stehende Ovationen. Kein Theaterreflex, kein bürgerliches Pflichtprogramm. Sondern ein leiser Aufstand des Publikums gegen das Vergessen. Gegen das Verschwinden eines Künstlers, der mit seinem Werk nie laut, nie grell, aber immer anwesend war – im Schatten der großen Bühne, aber immer mit Blick auf die Wirklichkeit. Ein Abend, der blieb. Nicht, weil er laut war, sondern weil er die Stille mit Bedeutung füllte.

