
Es war ein düsterer und verregneter Abend in Bonn, als ich beschloss, dem legendären Sovietlokal GUM einen Besuch abzustatten. Die flackernden Neonlichter warfen gespenstische Schatten auf die nassen Straßen, und die schwere Holztür knarrte laut, als ich eintrat. Drinnen bot sich ein bizarrer Anblick: eine Mischung aus sowjetischer Nostalgie und literarischer Bohème. Die Wände waren mit alten Propagandaplakaten bedeckt, und in einer Ecke spielte leise Balalaikamusik aus einem antiken Radio.
Am Tresen, umgeben von einer Aura des Wissens und der Ironie, saß RG, ein literarisches Urgestein, bekannt für seine scharfsinnigen und oft sarkastischen Kommentare. Ich setzte mich neben ihn und bestellte einen Wodka.
Ich: „Na, RG, immer noch auf der Suche nach dem perfekten Buch?“
RG: (schmunzelnd) „Die Suche ist nie zu Ende, mein Freund. Bücher haben die unangenehme Eigenschaft, sich zu vermehren, besonders die ungelesenen.“
Ich: „Ungelesene Bücher… Du klingst wie Umberto Eco.“
RG: „Ach, Eco. Ein weiser Mann. Aber seien wir ehrlich, eine Bibliothek ohne ungelesene Bücher ist wie ein Lokal ohne Wodka – trostlos und sinnlos. Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene. Eine Bibliothek sollte so viel von dem, was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann.“
Ich: „Apropos trostlos, wie läuft dein neues literarisches Projekt?“
RG: (lachend) „Oh, es ist ein wunderbares Chaos. Stell dir vor, ich bin in meinem Keller, umgeben von unzähligen Bücherstapeln. Meine Frau denkt, ich suche ein bestimmtes Buch, aber in Wahrheit stolpere ich nur über Schätze, die ich längst vergessen hatte.“
Ich: „Klingt nach einem Luhmann’schen Zettelkasten-Labyrinth.“
RG: „Genau das! Luhmann hätte meine Unordnung geliebt. Ein Zweitgedächtnis, ein Alter Ego aus Papier. Manchmal frage ich mich, ob ich die Bücher besitze oder sie mich. Es ist die Kombination von Unordnung und Ordnung, die mich fasziniert. Ein Ideen-Gewimmel mit unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, das erst im Moment der Auswertung produktiv wird.“
Ich: „Und was hältst du von einem Zettelkasten-Stammtisch?“
RG: „Eine großartige Idee! Ein Forum für geistige Unordnung und spontane Erkenntnisse. Aber wer weiß, ob die Leute heutzutage noch die Geduld dafür haben. Sie sind zu beschäftigt damit, ihre perfekten Instagram-Bibliotheken zu pflegen. Aber es wäre sicherlich spannend, einen Raum zu haben, in dem Zufälle systematisch eingebaut sind, wie Luhmann es beschreibt.“
Ich: „Vielleicht brauchen sie einfach nur einen Ort wie diesen, um zu entspannen und echte Gespräche zu führen.“
RG: „Das könnte sein. Aber am Ende des Tages, mein Freund, bleibt die Literatur ein Spielplatz für die wenigen Verrückten, die den Mut haben, sich in den Dschungel der Worte zu wagen. Vielleicht sollten wir wirklich einen Zettelkasten-Stammtisch ins Leben rufen – für organisierte und unorganisierte Zufälle, für Gedankenblitze und überraschende Erkenntnisse. Köln, Bonn, Hamburg, Berlin und München wären perfekte Städte dafür. Ein Sponsor findet sich bestimmt.“
Ich: „Und was wäre mit einem Zettelkasten-Barcamp?“
RG: „Auch eine faszinierende Idee. Stell dir vor, ein Ort, an dem man sich nicht nur über Bücher austauscht, sondern auch über die Methode hinter dem Chaos. Ein Ideen-Gewimmel mit digitaler und analoger Vermischung. Das könnte der nächste große Trend werden. Aber wir sollten klein anfangen, vielleicht mit einem Zettelkasten-Radio oder Zettelkasten-TV.“
Ich: „Was hältst du von einem literarischen Buch über all diese Gedanken?“
RG: „Ein literarisches Buch? Nun, ich habe schon länger darüber nachgedacht. Vielleicht werde ich irgendwann ein Buch schreiben, das all diese Ideen einfängt. Aber das würde erfordern, dass ich meine Bücher zumindest teilweise sortiere, und das ist ein Vorhaben, das mich schon beim Gedanken daran müde macht.“
Wir prosteten uns zu und nahmen einen kräftigen Schluck Wodka. Die Gespräche im GUM setzten sich fort, begleitet vom leisen Rascheln der Seiten und dem Klirren der Gläser. Irgendwo inmitten dieses literarischen Chaos fand jeder seine eigene kleine Wahrheit.
RG lehnte sich zurück und betrachtete die Szene. „Weißt du, in gewisser Weise erinnert mich das alles an die Werke von Richard Schaukal. Er hat in einer Art Zettelkasten-Literatur zeitlose und zeitgemäße Betrachtungen festgehalten. Vielleicht sollten wir ihm zu Ehren einen eigenen Bücherstapel anlegen.“
Ich: „Das wäre eine schöne Geste. Und wer weiß, vielleicht inspirieren wir damit die nächste Generation von Literaturliebhabern.“
RG: „Vielleicht. Aber bis dahin sollten wir einfach das Chaos genießen und sehen, wohin es uns führt.“
Mit diesen Worten prosteten wir erneut und ließen den Abend im GUM in einer Mischung aus Ironie, Weisheit und einem Hauch von Nostalgie ausklingen.
So endete ein weiterer Abend im Bonner Sovietlokal GUM, ein Ort, an dem Bücher sprechen und Ideen fliegen – eine wahre Oase für bibliophile Seelen und literarische Träumer.
Geschichten aus meinem Zettelkasten 🙂

