
Deutschland ist das Land der DIN-Normen, der Brötchenpreise und der Mietnebenkostenverordnungen – aber „Coach“ darf sich hier jeder nennen. Ohne Prüfung, ohne Kammer, ohne Gesellenbrief. Die einzige Voraussetzung: ein Laptop, ein Mikrofon und die Fähigkeit, mit ernster Stimme zu sagen: „Du bist stärker, als du denkst.“ Danach den Hut rumgehen lassen – oder, moderner: den Paypal-Link.
Reschkes Fernsehen hat den Blick ins Maschinenhaus dieser Branche geworfen. Heraus kam kein Hightech, sondern eine Mischung aus Theaterprobe, Junggesellenabschied und Teleshopping. Das Drehbuch ist altbekannt: Erst wird die Diagnose gestellt – „Du bist nicht genug“ – dann das Heilsversprechen verkauft – „In drei Tagen wirst du größer sein als je zuvor“ – und schließlich der Initiationsritus vollzogen.
Der spielt sich nicht etwa im Kloster ab, sondern im Hotel-Tagungssaal: Kerzen, Musik, Publikumsraunen. Aus der Dunkelheit tritt einer mit Gummipuppe, Umschnalldildo und Lederslip auf die Bühne. Applaus. In der Szene heißt das „Schauspielübung“.
Wer glaubt, das sei ein Degenerationsprodukt der Instagram-Ära, irrt. Schon die Spiritisten der 1920er arbeiteten mit denselben dramaturgischen Mitteln – nur mit weniger Latex. In München presste Medium Willi unter Stöhnen und mit voller Körperarbeit ein „teleplastisches Taschentuch“ aus sich heraus. Thomas Mann notierte das ehrfürchtig. Damals hieß das „Morphogenese“, heute „Mindset-Shift“.
Das Geschäftsmodell ist identisch geblieben: Erst das Einstiegsprodukt – im Okkultismus die Séance, heute das kostenlose Webinar. Dann die Premiumstufe – damals ein exklusiver Zirkelabend, heute das „Mastery“-Programm für 10.000 Euro. Und immer derselbe psychologische Trick: Wer schon investiert hat, investiert weiter. Damit es nicht so wehtut.
Ich habe das schon in anderem Zusammenhang beschrieben: Auch Vorstandsetagen sind längst Kundschaft dieser Parallelwelt. Da heißt es nicht „Outrageous Night“, sondern „Führungskräftetraining“. Statt Gummipuppe gibt es Knetmasse, statt Tantra-Trommel einen Moderationskoffer. Aber das Prinzip ist identisch: erst die kollektive Entblößung, dann die Rechnung.
Und irgendwo in dieser absichtsvoll verschwommenen Zone zwischen Erweckung und Entertainment regiert dieselbe anthropologische Konstante wie bei Rudolf Steiner und seinem Kuhhorn-Fetisch: der Glaube, dass es eine Abkürzung gibt. Eine Formel. Einen Shortcut zu Glück, Erfolg, Erleuchtung – Hauptsache, er steht auf einer Powerpoint-Folie.
Man kann darüber lachen, bis man sieht, wie viele draufzahlen – finanziell, psychisch, beides. Reschkes Report zeigt, dass hier nicht nur Motivationclowns am Werk sind, sondern Leute, die in sensible Zonen eindringen, ohne Ausbildung, ohne Netz, ohne doppelten Boden.
Die Zutaten ändern sich: mal Rindermist mit astralischer Kraft, mal eine „Outrageous Night“ mit Kerzen und Kotzeimer. Das Geschäft bleibt dasselbe. Nur der Geruch ist zeitlos.
