
Walter Taubers Text reiht sich ein in eine erschreckende Tradition, die moralische Empörung in ideologischen Generalverdacht ummünzt. Seine Wortwahl, seine Auslassungen und seine Pauschalisierungen stehen exemplarisch für eine Rhetorik, die weder der Komplexität der Realität noch der Würde der Opfer gerecht wird. Es ist eine Polemik, die sich als moralisch aufgeladen präsentiert, tatsächlich aber die Perspektive verengt, bis sie nur noch in Schwarz-Weiß-Kategorien operiert.
Tauber spricht davon, dass Israel den „brutalsten Genozid“ seit Pol Pot verübe. Diese Aussage ist nicht nur faktisch unbelegt, sondern auch eine unverantwortliche Gleichsetzung. Sie diffamiert die Opfer echter Genozide, während sie die Realität im Nahen Osten bewusst verzerrt. Gaza ist ein Ort unsäglichen Leids, ja – aber es ist eben auch der Ort, an dem die Hamas seit Jahren die eigene Bevölkerung instrumentalisiert, indem sie zivile Einrichtungen bewusst als militärische Schutzschilde nutzt. Wer dies ignoriert, blendet nicht nur einen zentralen Aspekt des Konflikts aus, sondern trägt aktiv zur Dämonisierung Israels bei.
Eine solche Dämonisierung zieht sich wie ein roter Faden durch Taubers Text. Wenn er den israelischen Staat als „Kolonialprojekt“ bezeichnet, verwechselt er bewusst die historische Realität mit einer ideologischen Konstruktion. Israel ist kein koloniales Gebilde, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen jüdischen Emanzipationsbewegung, die sich gegen Antisemitismus und Vertreibung richtete. Diese Bewegung mag in ihrer Umsetzung nicht frei von Fehlern gewesen sein – doch es ist absurd, sie auf eine Linie mit Kolonialmächten zu stellen, deren Ziel die wirtschaftliche Ausbeutung fremder Völker war. Solche Gleichsetzungen sind nicht analytisch, sondern propagandistisch.
Ebenso verhängnisvoll ist Taubers Versuch, die Charta der Hamas und deren erklärten Vernichtungswillen herunterzuspielen. Diese Ignoranz ist nicht nur intellektuell unehrlich, sondern auch gefährlich. Die Hamas ist keine Bewegung des Widerstands, sondern eine islamistische Terrororganisation, die den Tod von Juden nicht als Mittel, sondern als Zweck begreift. Ihre Angriffe auf Zivilisten, ihre Gräueltaten und ihre bewusste Verhinderung jeglicher Versöhnung sind keine Nebensächlichkeiten, sondern das Herzstück ihres Handelns. Indem Tauber dies verschweigt, macht er sich zum Komplizen einer Ideologie, die keine politische Lösung anstrebt, sondern einen apokalyptischen Krieg.
Doch der problematischste Aspekt seines Textes ist vielleicht, wie er die moralische Dimension pervertiert. Tauber erhebt sich zum Richter über Israel, ohne die Realität vor Ort auch nur ansatzweise zu verstehen. Er wirft der Welt vor, „wegzuschauen“, während er selbst konsequent wegsieht – und zwar vor den Raketen der Hamas, vor den Schrecken, die israelische Familien am 7. Oktober 2023 erlitten, und vor den Geiseln, die bis heute in Gaza festgehalten werden. Diese selektive Empörung ist nicht moralisch, sondern zynisch.
Es ist bezeichnend, dass Tauber in seiner Polemik die Differenziertheit israelischer Gesellschaftsdebatten ausblendet. In Israel selbst gibt es seit Jahrzehnten eine lebendige Diskussion über die Besatzung, die Zweistaatenlösung und die Fehler der eigenen Regierung. Hunderttausende Israelis protestierten gegen die Rechtsregierung Netanjahus, setzten sich für Rechtsstaatlichkeit und Frieden ein. Tauber hingegen tut so, als gäbe es in Israel nur eine homogene Front aus „Kolonialisten“ und „Kriegstreibern“. Damit ignoriert er nicht nur die Komplexität, sondern entmenschlicht eine ganze Gesellschaft.
Wer Israel pauschal als „Apartheidstaat“ bezeichnet, zeigt nicht nur eine erschreckende Unkenntnis der politischen und rechtlichen Strukturen des Landes, sondern auch eine gefährliche Bereitschaft, Begriffe zu missbrauchen. Israel ist eine Demokratie – fragil, streitbar und von inneren Konflikten geprägt, aber dennoch eine Demokratie. Palästinenser haben in Israel Bürgerrechte, Sitze im Parlament und Zugang zu Gerichten. Nichts davon entspricht der Apartheid, wie sie im Südafrika des 20. Jahrhunderts herrschte. Solche Vergleiche dienen nicht der Aufklärung, sondern der Hetze.
Taubers Text ist ein Beispiel für den moralischen Bankrott einer bestimmten Art von Israelkritik. Sie versteckt sich hinter der Fassade des Humanismus, doch in Wahrheit ist sie nichts anderes als ein ideologischer Angriff auf das Existenzrecht eines Staates. Dieser Angriff ist nicht neu. Er reicht zurück bis zu den Parolen der 68er, die „die Zionisten totschlagen“ wollten, und findet heute seinen Ausdruck in einer vermeintlich progressiven Bewegung, die nichts Progressives hat.
Was bleibt, ist die Forderung nach Redlichkeit. Wer die israelische Politik kritisiert – und das ist legitim –, muss bereit sein, auch die Gegenseite in den Blick zu nehmen. Wer von Kriegsverbrechen spricht, muss sie auch benennen, wenn sie von der Hamas begangen werden. Und wer Frieden fordert, darf sich nicht mit denen gemein machen, die Krieg um des Krieges willen führen.
Walter Tauber hat in seinem Text all dies versäumt. Sein vermeintlicher Moralismus ist in Wahrheit eine ideologische Verblendung, die weder den Israelis noch den Palästinensern hilft. Statt Brücken zu bauen, reißt er sie ein. Statt Aufklärung zu betreiben, verschärft er die Fronten. Solange solche Texte als „Kritik“ gelten, bleibt echter Frieden eine Illusion.

