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Warum wir Kant und Laudato Si dringender brauchen als Meditations-Apps – Blogparade #DigitaleAchtsamkeit

Ein Beitrag zur Blogparade: „Digitale Achtsamkeit – Deine besten Tipps für den Umgang mit der Informationsflut“

Dutzende ungelesene Artikel, überfüllte Feeds, ein nie endender Strom an Benachrichtigungen – und dazwischen der gut gemeinte Rat: „Sei doch einfach achtsam.“ Ein schöner Gedanke. Aber ehrlich gesagt: Ich kann ihn nicht mehr hören.

„Achtsamkeit“ ist zu einer Sprachhülse geworden. Ein Containerbegriff für alles, was sich irgendwie angenehm, entschleunigt, leicht spirituell und doch anschlussfähig fürs LinkedIn-Profil anfühlt. Achtsam essen, achtsam scrollen, achtsam atmen. Was genau damit gemeint ist, bleibt oft vage. Die Achtsamkeit, wie sie heute durch Podcasts und Managerseminare geistert, ist meist ein Rückzug ins Private – eine Wellness-Praxis zur individuellen Selbstregulation. Harmlos, selbstbezogen, folgenlos.

Was uns aber fehlt, ist nicht mehr Achtsamkeit, sondern ein Kompass. Wir brauchen keine Methoden zur Beruhigung – wir brauchen Orientierung. Statt nur achtsam zu reagieren, sollten wir uns fragen: Wofür handeln wir? Was ist das Ziel unserer Aufmerksamkeit?

Deshalb möchte ich mich mit diesem Beitrag an der Blogparade „Digitale Achtsamkeit“ beteiligen – allerdings mit einem Perspektivwechsel: Ich plädiere dafür, den Begriff hinter uns zu lassen und stattdessen über normative Maßstäbe zu sprechen, die unserer digitalen Gegenwart Substanz geben.

Zwei Inspirationsquellen möchte ich vorschlagen: Immanuel Kant und Laudato Si.

Kant fordert uns auf, so zu handeln, dass unser Tun als allgemeines Gesetz gelten könnte. Das ist keine abstrakte Philosophie, sondern eine Übung in Selbstprüfung: Will ich wirklich, dass mein Verhalten zum Maßstab für andere wird? Will ich mein Kommunikationsverhalten, meine Bildschirmzeit, meine algorithmisch gelenkten Impulse zum gesellschaftlichen Normalfall machen? Wer Kant ernst nimmt, wird nicht nur achtsam – sondern verantwortlich.

Und Laudato Si? Diese Enzyklika von Papst Franziskus ist kein theologischer Nischenbeitrag, sondern ein radikaler Text über Gerechtigkeit, Schöpfung und die ethischen Dimensionen unseres Alltags. Sie zeigt, dass echte Achtsamkeit nicht bei der Selfcare aufhört, sondern bei der Weltverantwortung beginnt. Wer digital lebt, beeinflusst mit jedem Klick, jeder Aufmerksamkeitsspende, jeder geteilten Botschaft globale Realitäten – von den Ressourcen der Erde bis zur psychischen Gesundheit der Mitmenschen.

Digitale Achtsamkeit darf also nicht nur bedeuten: Ich gönne mir heute mal einen bildschirmfreien Abend. Sondern: Ich übernehme Verantwortung für mein digitales Handeln im Ganzen. Ich hinterfrage Routinen, Algorithmen, Informationsflüsse – und schaffe Raum für das, was zählt: Würde, Wahrheit, Verbindung, Sinn.

Darum: Lasst uns in dieser Blogparade nicht nur Tipps und Tools teilen, sondern auch Haltung. Was hilft euch, Klarheit zu gewinnen inmitten der digitalen Überforderung? Was leitet euch, wenn ihr entscheidet, was ihr lest, teilt, schaut – und was nicht?

Ich bin gespannt auf eure Beiträge.
Denn vielleicht ist der erste Schritt zu echter digitaler Achtsamkeit – das Wort Achtsamkeit loszulassen.

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