
Berlin wählt im September. Das klingt nach Republiktheater, nach politischer Entscheidung, nach einer Stadt, die aus ihrer Geschichte gelernt hat und nun prüft, wer ihr gewachsen ist. In Wahrheit steht man vor einem Schaukasten, in dem die Hauptstadt ihre neuesten Miniaturen der Selbstverkleinerung ausstellt. Kulturverwaltung? Macht der Finanzsenator mit. Senatorin zurückgetreten? Irgendwer wird schon einen Schlüssel fürs Haus haben. Nachfolge? Erst kursiert Thomas Heilmann, dann kreisen die Kreisvorsitzenden, dann landet das Ressort bei Stefan Evers, der ohnehin schon mit dem Hauptstadtfinanzierungsvertrag befasst ist. Berlin, die Weltstadt mit Formularstau, gibt sich wieder einmal als Improvisation mit Behördenstempel.
Man kann nun sagen: Das ist eben Wahlkampf. Man kann auch sagen: Es ist Berlin. Beide Sätze taugen als Entschuldigung nur noch für jene, die ihre Ansprüche längst in der Garderobe des Roten Rathauses abgegeben haben. Meine alte Heimatstadt hat Besseres verdient. Sie hat es sogar schon erlebt.
Das Duell der Erwachsenen
1981 standen sich Richard von Weizsäcker und Hans-Jochen Vogel gegenüber. Das war kein Treffen zweier Lautsprecher mit Parteigrafik im Hintergrund. Es war ein Wahlkampf zwischen zwei Männern, die einander politisch bekämpften und persönlich ernst nahmen. Von Weizsäcker schrieb später über Vogel mit jener Achtung, die heute in Parteizentralen vermutlich als Kommunikationsfehler gälte. Beide hätten den Fehler geteilt, Wahlkämpfe weniger erbittert zu führen, als ihre Parteien es wünschten. Welch altmodische Verirrung: zwei Kandidaten, die die Würde des Gegners nicht für Wahlkampfkleingeld verscherbelten.
Die Lage war damals alles andere als gemütlich. Hausbesetzungen, Leerstände, Gewalt auf dem Kurfürstendamm, eine SPD nach Jahrzehnten der Macht erschöpft, ein sozialliberaler Senat im Verschleiß, eine Stadt im Kalten Krieg, im Schatten der Mauer, im Blickfeld der Alliierten, im Fieber ihrer eigenen Widersprüche. Vogel kam als Arbeiter der Vernunft, als Mann der Ordnung und des Ausgleichs. Von Weizsäcker kam mit der Aura des Nachdenklichen, dem man zunächst kaum zugetraut hätte, Berliner Straßenstaub politisch zu verarbeiten. Dann gewann die CDU mit 48 Prozent ihr historisches Hoch in West-Berlin.
Es war ein Wechsel, der nach Maß roch, nicht nach Machtgerangel im Hinterzimmer. Weizsäcker machte aus dem Senat keine Beutegemeinschaft der Ortsverbände. Er holte Norbert Blüm, Hanna-Renate Laurien, Elmar Pieroth, Ulf Fink, Rupert Scholz und Wilhelm Kewenig aus dem Westen, ergänzte sie mit Berliner Kräften wie Heinrich Lummer, Gerhard Kunz, Edmund Wronski, Ulrich Rastemborsky und Volker Hassemer. Man muss diese Namen gar nicht verklären. Manche Figur hatte scharfe Kanten, manche Ressortpolitik verdiente Widerspruch. Doch die Zusammensetzung verriet einen Anspruch: Berlin sollte regiert werden, nicht verwaltet wie ein ererbter Kiosk.
Ein Senat mit Weltkontakt
Weizsäckers Berlin war keine Provinzbühne mit Hauptstadtgeräusch. Der Regierende Bürgermeister verkehrte mit den Stadtkommandanten, sprach mit Reagan, Mitterrand, Thatcher, Bush und Carrington, während zugleich über Straßenumbenennungen, Wohnungsnot, Besetzungen und Senatswahlen gestritten wurde. Berlin war lokal und weltpolitisch in einem Atemzug. Eine Wilmersdorfer Straße konnte Anlass für Streit sein, der Ost-West-Konflikt lieferte den Hintergrund. Wer in dieser Stadt regierte, musste die Müllabfuhr und die Weltlage zugleich verstehen.
Der Unterschied zu heute liegt weniger in der Größe der Probleme. Auch das Berlin von 1981 war überlastet, gereizt, gefährdet, politisch zerrissen. Der Unterschied liegt in der Verfassung des politischen Personals. Damals hatte man den Eindruck, die Stadt sei eine Aufgabe. Heute wirkt sie zu oft wie ein Verteilungsproblem.
Kultur unter Kassenaufsicht
Nun also Stefan Evers. Finanzsenator und zusätzlich Kulturverwalter bis zur Wahl. Das mag organisatorisch erklärbar sein. Es bleibt ein Symbol von fast literarischer Bosheit. Berlin, Stadt der Bühnen, Museen, Clubs, Orchester, Archive, freien Szenen, Bibliotheken und ruinösen Haushaltsberatungen, stellt seine Kultur in die Obhut der Kasse. Der Etat blickt auf die Kunst, die Kunst blickt zurück, und irgendwo zwischen beiden sucht Kai Wegner nach einem Personalvorschlag, der nicht sofort neue Parteigremien in Bewegung setzt.
Thomas Heilmann wäre eine andere Art von Risiko gewesen. Eigenwillig, schwer einzufangen, juristisch durchsetzungsfähig, innerparteilich nicht immer pflegeleicht. Man kann verstehen, weshalb ein Wahlkampfapparat vor so jemandem zurückschreckt. Man darf sich allerdings fragen, weshalb eine Hauptstadtpartei ausgerechnet vor Eigenwilligkeit Angst bekommt. Berlin braucht keine Ressortbesetzung aus dem Setzkasten der Gefälligkeit. Berlin braucht Köpfe, die eine Verwaltung führen können, ohne beim ersten Gegenwind zur internen Fallstudie zu werden.
Die Affäre um Fördermittel, Rechnungshof, Rücktritt und Nachfolge ist kein bloßer Betriebsunfall. Sie zeigt ein politisches Milieu, das Kultur zugleich schmückt, kürzt, instrumentalisiert und dann kommissarisch unterbringt. Ausgerechnet Berlin, das sich gern als Magnet der Kreativen beschreibt, behandelt sein Kulturressort wie ein freies Zimmer im Senatsflur.
Die Hauptstadt im Format der Bezirksposse
Berlin hat seit Jahrzehnten ein besonderes Talent: Es kann aus großen Fragen kleine Peinlichkeiten herstellen. Aus Wohnungsnot wird Zuständigkeitsgewirr. Aus Verwaltungsreform wird Aktenarchäologie. Aus Kulturpolitik wird Personalroulette. Aus Hauptstadtanspruch wird Bezirksposse mit Pressemitteilung.
Das Bittere daran ist nicht, dass Berlin chaotisch wäre. Berlin war immer chaotisch. Das Bittere ist, dass Chaos früher manchmal Energie freisetzte, heute viel zu oft Ausrede liefert. Die Stadt, die einst Frontstadt war, Labor, Zuflucht, Zumutungsraum der Geschichte und Bühne des Weltkonflikts, präsentiert sich kurz vor der Wahl als Gemeinwesen, das schon bei einer Senatorennachfolge den Eindruck erweckt, der Dienstplan sei wichtiger als die Idee.
Richard von Weizsäcker ist nicht in Sicht. Auch kein Hans-Jochen Vogel. Kein Duell der Erwachsenen, keine Senatsbildung mit gedanklicher Weite, keine erkennbare Lust, Berlin über das eigene Milieu hinaus zu denken. Stattdessen die Frage, wer in der CDU wen wann vorgeschlagen, verhindert, favorisiert oder fallen gelassen hat. Das ist der Stoff, aus dem keine Hauptstadtlegende entsteht, höchstens ein Untersuchungsausschuss mit schlechter Beleuchtung.
Berlin verdient eine größere Bühne als seine Regierung
Die Wahl im September wird deshalb zu einer Frage, die größer ist als Kai Wegner, Stefan Evers, Thomas Heilmann oder die nächste Pressekonferenz im Roten Rathaus. Sie lautet: Will Berlin wieder Stadtpolitik im großen Maßstab, oder begnügt es sich mit der Kunst, jede Ambition in Ressortzuständigkeit zu zerlegen?
Weizsäckers Senat war gewiss kein goldenes Zeitalter ohne Brüche. Doch er stand für den Versuch, Berlin aus der Enge der örtlichen Parteiroutinen herauszuführen. Man holte Leute, die etwas konnten, die Namen hatten, Erfahrungen, Prägungen, Eigensinn. Man nahm in Kauf, dass ein Senat nicht wie eine Kreisdelegiertenversammlung aussieht. Man verstand, dass eine Stadt im Ausnahmezustand auch außergewöhnliches Personal braucht.
Heute wäre schon viel gewonnen, würde Berlin wenigstens so tun, als halte es sich selbst für bedeutend. Eine Stadt, die Weltpolitik in den Knochen hat, darf nicht aussehen wie eine Verwaltung, die nach Feierabend noch schnell Kultur übernimmt. Berlin hat Besseres verdient: eine Regierung, die der Stadt nicht hinterherläuft, eine Opposition, die mehr kann als Empörung verwalten, und einen Wahlkampf, der an die Größe der Aufgabe erinnert.
Im September wird kein Richard von Weizsäcker auf dem Stimmzettel stehen. Das ist kein Vorwurf an die Gegenwart, denn historische Figuren lassen sich nicht nachbestellen. Doch ein Mindestmaß an Format wäre keine nostalgische Überforderung. Es wäre der Anfang von Respekt vor einer Stadt, die zu groß ist für kleine Spiele.
