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Von Ludwig Wittgenstein zu Peter Handke: KI als Sprachspiel – Der Ritt über den Bodensee der Maschinen

Die Uraufführung als Labor der Sprache

Am 23. Januar 1971 hebt sich an der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer der Vorhang. Auf der Bühne: Bruno Ganz, Jutta Lampe, Otto Sander, Barbara Sukowa, Edith Clever – eine Konstellation, die heute wie eine Sammlung von Ikonen wirkt. Regie: Claus Peymann, der vor wenigen Wochen verstorbene Widerspenstige des deutschen Theaters, unterstützt von Wolfgang Wiens. Peymann inszenierte Handke nicht als Behübschung, sondern als Zumutung.

Der Ritt über den Bodensee war kein Stück im klassischen Sinn, sondern ein Theaterlabor: eine Versuchsanordnung über das Sprechen selbst. Hier stolperte einer über ein Wort, dort fiel jemandem mitten im Satz nichts mehr ein. „Du gehst weg?“ – „Nein, ich knöpfe mir nur die Jacke zu.“ „Du weinst?“ – „Nein, ich schlage mir nur die Hände vors Gesicht.“ „Jemand zieht sich die Schuhe an.“ – „Du gehst weg?“ – „Nein, ich ziehe mir nur die Schuhe an.“.

Es sind banale Alltagssätze – und doch gerieten sie unter Peymanns Regie zu Sprengsätzen. Denn sie zeigen: Sprache ist nicht eindeutig, nie. Sie ist ein Spiel, ein Fluss, eine Zone permanenter Missverständnisse.

Die Farce des Alltags

Handkes Szenen lesen sich wie Protokolle des Ungefähren.

Kontext, so zeigt sich, ist ein flüchtiges Konstrukt. Kaum etwas in der Kommunikation ist eineindeutig. Eine Geste kann Zärtlichkeit oder Aggression sein, ein Name Anruf oder Kontrolle, ein Satz Nähe oder Verweigerung.

Wittgenstein im Theater

Ludwig Wittgenstein hatte in seinen Philosophischen Untersuchungen notiert: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Handke übersetzte diesen Satz in Theaterpraxis. Auf seiner Bühne wird das Sprachspiel sichtbar: ein unendliches Netz von Verweisungen, das sich in jedem Augenblick verschiebt.

Die Figuren in Der Ritt über den Bodensee sprechen, ohne zu verstehen. Sie erzeugen Sprache wie Maschinen, und das Publikum füllt die Lücken. Peymanns Regie machte daraus eine Parabel über die Brüchigkeit menschlicher Verständigung – und vielleicht über ihre Komik.

Die Mathematik des Missverständnisses

Fünfzig Jahre später haben die Maschinen das Theater betreten. Large Language Models, von Frank H. Witt als „neuer Maßstab für Frontier AI“ beschrieben, arbeiten nach einem ähnlichen Prinzip: Sie berechnen nicht Wahrheiten, sondern Wahrscheinlichkeiten.

Was Handkes Figuren in Szene setzen – das Scheitern des Eindeutigen –, entspricht mathematisch einer Markov-Kette. Jeder Satz ist nur die Wahrscheinlichkeitsverteilung des nächsten. „Nicht erschrecken!“ – „Haben Sie mich aber erschreckt!“ ist kein logischer Dialog, sondern ein statistischer Übergang, wie ihn auch GPT-5 produziert.

Handkes Bühne war, ohne es zu wissen, ein Modell jener probabilistischen Sprachverarbeitung, die heute in Rechenzentren läuft.

Peymanns Vermächtnis

Claus Peymann war nie der Mann für Eindeutigkeit. Sein Theater lebte von Brüchen, Zumutungen, schmerzhaften Übergängen. Er hätte an der heutigen KI-Debatte seine Freude gehabt. Auf die Frage, ob Maschinen „verstehen“, hätte er vielleicht zurückgebellt: „Verstehen Sie sich denn selbst?“

Denn die Pointe des Ritts über den Bodensee liegt darin, dass Sprache nie in unserem Besitz ist. Sie entgleitet, kippt, verfehlt sich. Sie ist eine Bühne, auf der wir stets zugleich Akteure und Zuschauer sind.

Der neue Affront

Frank H. Witt spricht von der „nächsten großen Kränkung“: Nach Kopernikus, Darwin und Freud nun die KI, die uns in unserem ureigensten Feld überholt – im Sprechen. GPT-5 sei kein „holpriger Start“, sondern ein Wendepunkt: von bloßem Größerwerden zu „intelligenter Arbeitsteilung“.

Die eigentliche Kränkung liegt nicht darin, dass Maschinen uns ersetzen. Sie liegt darin, dass sie uns vor Augen führen, wie wenig eindeutig wir selbst jemals waren. Dass wir uns nie wirklich verstanden haben.

Der Ritt geht weiter

Der Ritt über den Bodensee war, wie Handke es selbst beschrieb, „weder Tragödie noch Farce noch Lehrstück“, sondern eine Darstellung der gesellschaftlichen Posen, der Masken und Missverständnisse. Heute, ein halbes Jahrhundert später, lässt sich sagen: Das Stück geht weiter – diesmal auf der Bühne der Maschinen.

Die KI knöpft sich die Jacke zu, und wir fragen: „Gehst du weg?“ Sie schlägt sich die Hände vors Gesicht, und wir rufen: „Du weinst!“ Sie antwortet – präzise, statistisch, gnadenlos.

Der Ritt über den Bodensee ist längst nicht beendet. Er hat gerade erst begonnen.

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