
Frieder Nake, einer der Pioniere der Computerkunst, nimmt uns mit auf eine Reise durch die Geschichte seiner ungewöhnlichen Liaison mit der Mathematik und den Maschinen.
Im virtuellen Raum trafen sich Frieder Nake und Susanne Paech zu einem anregenden Gespräch im Vorfeld des Computerkunst-Festivals. Sein Name ist eng mit den Ursprüngen der digitalen Kunst verknüpft ist. Er reflektierte über seine Reisen durch die Sphären der Mathematik und der Kunst. In diesen Reflexionen liegt ein Hauch von Wehmut, doch auch eine tiefe Zufriedenheit über das Erreichte, die jedem Wort Gewicht verleiht.
Nake begann seine Reise in einer Zeit, als die Vorstellung von Computerkunst nichts weiter als eine nebulöse Idee war. „Ich habe Mathematik studiert“, korrigiert Nake gleich zu Beginn des Gesprächs. „Informatik gab es damals noch nicht.“ Diese Aussage markiert nicht nur einen historischen Fakt, sondern auch die Geburtsstunde einer neuen Ära – der Verschmelzung von Zahlen und Ästhetik.
Nake erinnert sich an seine Zeit im Rechenzentrum der Universität Stuttgart, wo er als studentischer Hilfsassistent Programme schrieb. Eines Tages eröffnete ihm sein Vorgesetzter, dass sie eine Zeichnungsmaschine erwerben würden. „Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte“, gesteht Nake lachend. Doch aus dieser anfänglichen Unwissenheit erwuchs ein tiefes Verständnis und eine meisterhafte Beherrschung der Technologie, die ihn dazu befähigte, Programme zu entwickeln, die Bilder erzeugten – ein Novum in der Welt der Kunst.
„Es war eine fantastische Situation“, sagt Nake und hebt hervor, wie sein Professor ihm, einem jungen Studenten, eine derart anspruchsvolle Aufgabe zutraute. „Wenn du jemals Lehrer wirst, musst du deinen Schülern vertrauen“, erkannte Nake und machte diese Erkenntnis zu einem Grundpfeiler seiner späteren pädagogischen Tätigkeit.
Ein Meilenstein in Nakes Karriere war die Begegnung mit der „Zeichenmaschine“ und die Entscheidung, diese für künstlerische Zwecke zu nutzen. „Meine ersten Tests waren mathematische Funktionen“, erzählt er, „doch dann dachte ich: Das ist langweilig. Warum nicht etwas Zufälliges hinzufügen?“ Dieser Moment markierte den Beginn einer revolutionären Methode – die Integration von Zufallsprozessen in die Kunst, eine kühne Idee, die ihrer Zeit weit voraus war.
Die Rolle von Zufälligkeit und Intuition in der Kunst ist ein zentrales Thema in Nakes Schaffen. „Ich versuchte, eine Parallele zwischen der Intuition des Künstlers und zufälligen Prozessen im Computer zu ziehen“, erklärt er. Diese Herangehensweise ermöglichte es ihm, Werke zu schaffen, die sowohl systematisch als auch unvorhersehbar waren – eine Symbiose von Kontrolle und Freiheit, die seine Kunst einzigartig machte.
Ein weiterer wichtiger Einfluss auf Nakes Entwicklung war der Mathematiker Max Bense. „Bense war extrem wichtig für das, was ich tat“, betont Nake. Bense, ein Verfechter einer wissenschaftlich fundierten Ästhetik, inspirierte Nake dazu, die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit zu festigen und gleichzeitig die ästhetischen Implikationen zu erforschen.
Die 1960er Jahre, eine Zeit des politischen und kulturellen Umbruchs, prägten auch Nakes künstlerisches Schaffen. Er erinnert sich an die revolutionäre Stimmung und die radikale Abkehr von der Computerkunst aufgrund politischer Überzeugungen. „Ich glaubte, dass Computer Arbeiter ausbeuten und Menschen unterdrücken“, sagt Nake und beschreibt seine damalige Haltung. Doch diese Phase des Rückzugs war nur vorübergehend, und in den 1980er Jahren kehrte Nake zur Computerkunst zurück, angeregt durch eine Anfrage, einen Artikel über seine frühere Arbeit zu schreiben.
Heute betrachtet Nake die Entwicklungen der Computerkunst mit Bewunderung und kritischem Blick. Er lobt die junge Generation von Künstlern für ihre technischen Fähigkeiten, warnt jedoch vor einer oberflächlichen Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Prinzipien. „Der Künstler muss bis zu den Grundlagen vordringen, um wirklich zu verstehen, was seine Kunst ausmacht.“
Das Gespräch mit Frieder Nake endet mit einem Appell an die jungen Künstler: „Macht euch die Hände schmutzig, grabt tief und versteht, was ihr tut.“ Diese Worte, einfach und doch tiefgründig, spiegeln Nakes Philosophie wider – eine Philosophie, die das Denken über die Kunst stellt und die Technik als Mittel zur Schöpfung neuer Welten begreift.
Wer mehr über Geschichte und Gegenwart der Computerkunst erfahren möchte, sollte Anfang Juli nach Berlin kommen.

