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Vom Glanz zur Last: Wenn das Bauwesen zur Maschine von Marly wird #Futureslounge #D2020

Man muss schon sehr tapfer sein, um sich dem Zustand der Kreislaufwirtschaft in Deutschland nüchtern zu stellen. Tapfer oder illusionslos. Denn was sich da derzeit als Strategie verkauft, ist oft nicht mehr als ein Etikett für ein gescheitertes Stoffstrom-Management. Wir reden über Müll, aber nicht über Material. Über Verpackung, aber nicht über das Gebäude. Wir reden von Recyclingquoten – und verschweigen, dass der Löwenanteil der Ressourcenschlacht längst im Bausektor entschieden wird.

50 Prozent der Abfälle. 50 Prozent der Primärrohstoffe. Und unter 4 Prozent Zirkularitätsrate.

Das ist kein Betriebsunfall, das ist ein Systemversagen.

Während man sich an Mehrwegquoten von 43 Prozent berauscht wie ein Kind an der Rhabarberschorle, erstickt die Bauwirtschaft an ihrer eigenen Masse: Beton, Stahl, Kunststoffe – verbunden, verklebt, verunreinigt. Das ist das Gegenteil von Stoffkreislauf. Das ist Stillstand im Maschinenraum der Materialgesellschaft.

Und dieser Stillstand hat ein historisches Vorbild: die Maschine von Marly, gebaut unter Ludwig XIV. Vierzehn Wasserräder, 221 Pumpen, 1.800 Arbeiter. Holz aus ganzen Wäldern. Eisen, Blei, Kupfer in monumentalen Mengen. Der Sonnenkönig wollte Versailles mit Wasser versorgen – koste es, was es wolle. Was entstand, war kein Wunder der Technik. Sondern ein aufgeblähtes, ineffizientes Monstrum. Ein Fossil des Fortschritts.

Was blieb? Nichts. Die Maschine wurde abgerissen. Sie ist heute eine Fußnote der Technikgeschichte.

Ein Gleichnis, wie es Herbert Anton liebte: Der Hochmut der Ingenieurskunst, die sich selbst zum Ziel erklärt. Der Glaube an die technische Großlösung, der im Betriebssummen erstickt. Es ist dieselbe Hybris, die auch heute den Bausektor prägt. Immer höher, immer dicker, immer glatter. Das Baumaterial als Wegwerfware. Der Bau als temporärer Ausnahmezustand – nicht als integraler Bestandteil eines regenerativen Systems.

Dabei liegt genau hier der Hebel. Wenn wir über eine echte Kreislaufwirtschaft sprechen wollen, dann müssen wir den Bau endlich als das begreifen, was er ist: das Rückgrat unseres stofflichen Daseins. Kein Nebenschauplatz. Sondern Zentrum. Hier entscheidet sich, ob wir Ressourcen schonen oder verschleudern, ob wir CO₂ binden oder freisetzen, ob wir Zukunft bauen oder Vergangenheit betonieren.

Was es braucht, ist Öko-Intelligenz.

Das heißt:
Recycling by Design – nicht erst, wenn die Abrissbirne zuschlägt.
Materialpässe, digitale Zwillinge, stoffliche Transparenz.
Langlebigkeit statt Modediktat.
– Und vor allem: eine andere Vorstellung von Wert.

Denn ein Gebäude ist kein Konsumgut. Es ist ein Materiallager auf Zeit. Es kann Rohstoffquelle sein – oder Entsorgungsproblem.

Es geht also um mehr als Technik. Es geht um Kulturtechnik. Um das Denken in Kreisläufen statt in Endpunkten. Um das, was der späte Foucault eine Ästhetik der Existenz nannte – übertragen auf den gebauten Raum. Der Baustoff ist Sprache. Der Bauakt ist Text. Und die Lesbarkeit seiner Bestandteile entscheidet über seine Zirkularität.

Wenn wir diese Dimension nicht erfassen, wird die Kreislaufwirtschaft enden wie die Maschine von Marly: als technisches Denkmal eines gescheiterten Fortschritts.
Verrostet, verworfen, vergessen.

Oder wir machen es anders. Wir bauen die Welt – aber dieses Mal mit Rücksicht. Auf den Stoff. Auf die Zeit. Auf uns.


Postskriptum
Wer sich darauf einlässt, wird feststellen: Die Baumaschine kann auch Poesie. Aber nur, wenn wir sie aus der ökonomischen Dummheit befreien, die Wert nur dort sieht, wo Verschleiß stattfindet. Kreislauf ist kein Recyclinghof. Es ist eine Haltung.

Die Zukunft? Besteht nicht aus Beton. Sondern aus Struktur. Und aus Vernunft.

Darüber wollen wir heute sprechen – in der D2030-Futures Lounge:
👉 Wie gelingt zirkuläres Bauen konkret?
👉 Wo steht die Branche wirklich?
👉 Und wie verhindern wir, dass auch die aktuelle Kreislauf-Rhetorik nur eine neue Maschine von Marly wird?

Heute im Livestream.

Exkurs: Die Stoffströme verstehen – Dirk Messners Perspektive auf die zirkuläre Ökonomie

Wenn es um den Umbau unserer Wirtschaftsweise hin zur Kreislaufwirtschaft geht, spricht Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, Klartext. Seine Diagnose ist ebenso ernüchternd wie präzise: „Wir haben 30 Jahre lang eine exzellente Abfallwirtschaft entwickelt – aber die großen Stoffströme haben wir nicht in den Blick genommen.“ Das Ergebnis: Trotz all der Recyclingrhetorik liegt die tatsächliche Zirkularitätsrate in Deutschland bei nur 13 Prozent – mit fallender Tendenz, wenn man den Reboundeffekt einrechnet.

Messners zentrales Argument lautet: Nicht der Müll, sondern der Materialfluss muss das Ziel ökologischer Transformation sein.

Die großen Hebel: Gebäude und Infrastruktur

Besonders drastisch fällt sein Urteil über den Bausektor aus – der seiner Meinung nach der eigentliche Riese unter den Ressourcenfressern ist:

Selbst bei optimalem Rückbau alter Gebäude sei laut dem Architekten Werner Sobek maximal eine Recyclingquote von 10 % erreichbar – zu viele Giftstoffe, Verbundmaterialien, fehlende Dokumentationen. Nur Neubauten im zirkulären Design könnten das ändern – mit Quoten von bis zu 85 % Wiederverwertbarkeit.

Messners Vorschläge im Überblick:

  1. Recycling by Design
    Produkte und Gebäude müssen von Anfang an so konzipiert werden, dass ihre Bestandteile sortenrein trennbar und wiederverwertbar sind. Downcycling – etwa zu Parkbänken – sei nicht mehr zeitgemäß.
  2. Reine Stoffe statt Verbundmaterialien
    Je komplexer ein Stoffgemisch, desto größer der Energieaufwand für Trennung – oder es endet als unbrauchbarer Reststoff.
  3. Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit
    Wegwerfzyklen müssen durch langlebige Designs ersetzt werden, etwa bei Haushaltsgeräten und Elektronik.
  4. Ressourcenpreise und Produktverantwortung
    Rohstoffe sollen dort teurer werden, wo ihre Entnahme Umweltfolgen verursacht. Gleichzeitig müssten Unternehmen für die Nachnutzung ihrer Produkte stärker in die Pflicht genommen werden – mit digitalen Produktpässen, Transparenzpflichten und echter Rücknahmeverantwortung.
  5. Zirkularität von Anfang an in Infrastruktur denken
    Ob Windräder, Stromnetze oder Ladeparks für E-Autos – die Recyclingfähigkeit der neuen grünen Infrastruktur müsse bereits in der Planungsphase berücksichtigt werden, um keinen zukünftigen Sondermüll zu erzeugen.

Ein Plädoyer für systemische Sichtweisen

Messner schlägt auch einen begrifflichen Wandel vor: „Kreislaufwirtschaft“ sei zu stark mit Müllverwertung assoziiert. Er plädiert für den Begriff „zirkuläre Ökonomie“ – als umfassendes Transformationsmodell für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.

Er verweist auf vier strategische Ziele des European Green Deal, die zusammengedacht werden müssen:

Wer nur auf CO₂ schaut, verfehlt laut Messner das große Ganze.

Dirk Messners Position ist klar: Wenn wir den Klimaschutz ernst meinen, müssen wir bei den Stoffströmen ansetzen – und das heißt vor allem: bauen, nutzen und recyceln mit System. Sonst droht die zirkuläre Ökonomie zur nächsten „Maschine von Marly“ zu werden – technisch ambitioniert, aber strukturell verfehlt.

Der Umbau beginnt mit dem Denken. Und genau das ist heute Thema in der D2030-Futures Lounge.

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