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Unter jedem Dach ein Ach – TwitterX, Meta und die Interessen der privatisierten Plattformen – Notizzettel zu: TwitterX und Co. – Wo sollte man aktiv bleiben?

Twitter-Prosa für Fortgeschrittene

„Die Informationstechnologie ist möglicherweise nicht mit einer Marktwirtschaft vereinbar, zumindest nicht mit einer Wirtschaft, die in erster Linie von Marktkräften reguliert wird.“ Diese These von Paul Mason elektrisiert nicht nur den Autor Professor Lutz Becker, sondern ist sinnbildlich für den Forscherdrang aller Wirtschaftswissenschaftler, die am Band „Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums – Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter“ mitgewirkt haben – der Autor dieser Kolumne zählt dazu (Disclaimer). Schumpeter eignet sich in besonderer Weise, auch die aktuellen netzökonomischen Tendenzen unserer Volkswirtschaften zu diskutieren, ohne profan beim Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ stehen zu bleiben, wie es fast alle sogenannten Keynote Speaker für die digitale Transformation betreiben. Sie zitieren Schumpeter, sie lesen ihn aber nicht. Das ist schade. Denn Schumpeter sieht die Ökonomie nicht als Glasperlenspiel, sondern als sozialwissenschaftliches Phänomen. Darauf macht Lambert T. Koch im Vorwort des Schumpeter-Buches aufmerksam. Mit ihm gelingt es, die dogmatische Verkrustung der Ökonomik zu durchbrechen und sie wieder als entwicklungsoffene Wissenschaft zu formieren.

Mey, Stefan. Der Kampf um das Internet: Wie Wikipedia, Mastodon und Co. die Tech-Giganten herausfordern (Beck Paperback 6532)

„Der gemeinsame technologische Ausgangspunkt des Linux-Universums ist der Linux Kernel – ein Softwarebündel, das grundlegend regelt, wie Betriebssysteme mit der Hardware eines Geräts interagieren. Dieser Kernel wird von der amerikanischen Linux Foundation gepflegt, einem Nonprofit-Firmenkonsortium mit mehr als tausend Mitgliedsunternehmen, darunter globale IT-Konzerne wie Microsoft, Meta, Google oder das chinesische Baidu. Die Linux Foundation hat etwa 200 Angestellte. Dazu gehört auch Linus Torvalds, einer der beiden Väter des Linux-Projekts.“

„Als freie Software kann Mastodon von allen für alle Zwecke eingesetzt werden. Auch Rechte nutzen die Technologie. Das lässt sich technisch nicht verhindern. Das von Donald Trump gegründete Truth Social basiert auf Mastodon, ebenso das Onlineportal Gab, das einige US-Medien als «Twitter für Rassisten» bezeichnet haben.“

„Signal bemüht sich um technologische Transparenz, geizt jedoch mit Informationen über sich selbst. Anders als etwa die Wikimedia Foundation veröffentlicht die Stiftung auf ihrer Webseite weder ihre Satzung noch die jährlichen Finanzberichte oder die «Form990»-Abschlussberichte für die Bundessteuerbehörde IRS. Die Form990-Berichte kann man allerdings in der Datenbank des US-Journalismusprojekts ProPublica nachschlagen.“

„Die Stiftung hat einen fünfköpfigen Vorstand. In ihm sitzt unter anderem der ehemalige WhatsApp-Gründer Brian Acton sowie die ehemalige Google-Mitarbeiterin und mittlerweile Google-Kritikerin Meredith Whittaker, die Vorsitzende des Vorstands ist. Der Signal-Gründer Marlinspike ist seit Juni 2023 nicht mehr im Vorstand und wird nur noch als «Emeritus» aufgelistet. Wie sich aus dem Berichten ergibt, gibt es bei der Foundation anscheinend eine Art Alleinherrscher. Die Signal Foundation hat genau ein Mitglied, Brian Acton. Und der hat das alleinige Recht, die Mitglieder des Vorstands zu bestimmen und abzuberufen.“

„Nachfragen zu den Strukturen hat die Signal Foundation nicht beantwortet. Die plausibelste Lesart der Angaben im Bericht ist, dass es bei Signal tatsächlich einen Alleinherrscher gibt, den ehemaligen WhatsApp-Gründer und Signal-Mäzen Brian Acton, der in Eigenregie über die Zusammensetzung des Vorstands und damit über das oberste Machtgremium der Stiftung bestimmen kann.“

„Bei Wikipedia hat sich eine komplexe Hierarchie herausgebildet, basierend auf einer Mischung aus Meritokratie (wer mitmacht, darf mitbestimmen) und Wahlen. Auf der untersten Stufe stehen die einfachen User, deren Beiträge von anderen autorisiert werden müssen. Sobald man 150 akzeptierte Beiträge, sogenannte «Edits», vorweisen kann – das könnte ein ganz neuer Artikel oder eine minimale Änderung sein –, wird man automatisch «passiver Sichter», und eigene Beiträge sind sofort freigeschaltet. Ab 300 Edits ist man «aktiver Sichter» und kann Beiträge einfacher User freischalten oder ablehnen.“

„Das mit den Gurus sei eine ‚Tyrannei der Strukturlosigkeit‘ in Reinform, meint der Organisationsforscher Dobusch: «Formal sind in Communitys alle gleich. Aber in der Realität gibt es eine Hyper-Hierarchie.'“

„Für Firefox ist Google, zumindest bis Ende 2023, der Hauptgeldgeber gewesen.“

„Angestellte des Tor Project und Mitglieder der Tor-Community halten auf Hackerveranstaltungen umjubelte Vorträge, auf denen sie staatliche Überwachung verdammen, während die Technologie, die sie vertreten, ein Produkt verlässlicher staatlicher Dauerförderung ist.“

Hipster-Scheiß mit Ausbeutungsabsichten

Virus, Frame oder Mem – hier geht es nicht um lustige Geschichten oder Anekdoten, es geht um die Orientierung der Menschen, die zu massiven Veränderungen der Volkswirtschaften führen können. Etwa die Story vom anarchischen Sillicon Valley, die in Wahrheit nur ein lauwarmer Hipster-Scheiß zur Rechtfertigung von unentgeltlich geleisteter Arbeit ist. Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Philip Mirowski sei das eine der wirksamsten Erzählungen zur Simulation von Rebellion. Man erzeugt eine blumige Fata Morgana, um den Menschen das Gefühl eines vollständigen Ausstiegs aus dem Marktsystem zu geben, um dieses Gefühl dann für Marktprozesse in Dienst zu nehmen.

Das Aufbegehren gegen das kapitalistische Establishment mit einer frechen Hacker-Kultur ist ein gigantisches Täuschungsmanöver. Dieses eigentümliche Hybrid aus freiwilliger unbezahlter Arbeit, hierarchischer Kontrolle und Kennzahlen-Orientierung in den Silicon Valley-Konzernen sowie kapitalistischer Aneignung sei in der gegenwärtigen Ära der Netzökonomie so vorherrschend geworden, dass manche darin eine neuartige Wirtschaftsordnung sehen. Der freiwillige Verzicht auf die Vergütung wertvoller Leistungen sorgt für satte Renditen bei den kalifornischen Technologie-Champions. Man bekommt als Gegenleistung das vage Versprechen, „Reichweite“ zu ernten und Netzwerke knüpfen zu können. „Für weniger als einen Hungerlohn erfüllen überqualifizierte Bittsteller die niedrigsten Aufgaben“, moniert Mirowski.  

Illusion von Freiheit und Selbstbestimmung

Das färbt auch auf die traditionelle Wirtschaft ab. Man baut auf die Freelancer-Ökonomie und lässt die Freiberufler im Geist der Selbstbestimmung und Freiheit mit mickrigen Honoraren vor die Wand laufen. Hauptsache, alle haben ein gutes Gefühl im Duz-Modus.

Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit, diesen Teil der Geschichte neu zu erzählen. Etwa über den Haudrauf-Unternehmer Oliver Samwer, der sogar sterben würde, um zu gewinnen. Think big hat er seinen Leuten als Losung aufgegeben. Execution now, lautet einer seiner Lieblingsbefehle. Da hilft nur weglaufen und den Mittelfinger zeigen: „Mir widerfuhr die traurige Ehre, dass ich nur drei Tage Personalchef von Groupon war und mit den Samwer-Brüdern zusammen gearbeitet habe, bis ich mich mit einem dieser Typen so anlegte, dass ich in der Mittagspause gegangen bin“, erläutert Heiko Fischer von Resourceful Humans.

Jungunternehmer-Pornohefte feiern Vulgärkapitalisten

Den Führungsstil solcher Karrieristen müsse man aufbrechen. Nicht nur das. Man muss ihnen in der Öffentlichkeit die Leviten lesen und sie entlarven. Etwa die Geschichten im Jungunternehmer-Pornoheft Business Punk, in dem die neue Unanständigkeit gefeiert und Arschlöcher wie Uber-Gründer Travis Kalanick abgejubelt werden. Es ist ja auch abgefahren, wenn jemand Gesetze für sinnlos hält, Steuerhinterziehung predigt und staatliche Regeln mit exterritorialen Insel-Pseudostaaten aushebeln will.

Öffentliche Kontrolle, anstrengende und zeitraubende Gesetzgebungsverfahren stören die Business Punker. Als Ergebnis bekommen wir repressive Toleranz, wie es Herbert Marcuse formulierte. Repräsentiert von Vulgär-Kapitalisten wie Donald Trump. Antidemokratische Systemzersetzung im Geiste egozentrischer Machtspiele á la Peter Thiel.

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