
Bloggen ist öffentliches Denken – mit diesem Gedanken hat Dirk von Gehlen seinem Vortrag über „Journalismus und Bloggen – Rotes Tuch oder Befreiung eines ganzen Berufsstandes?“ nicht nur eine zentrale These verliehen, sondern auch eine Haltung formuliert, die für viele Journalistinnen und Journalisten bis heute irritierend wirkt. Denn wer bloggt, denkt sichtbar. Wer bloggt, zeigt sich im Prozess, nicht im Resultat. Wer bloggt, lässt Zweifel zu, Übergänge, halbfertige Gedanken – etwas, das im klassischen Journalismus oft als Schwäche gilt.
Dirk von Gehlen denkt das anders. Für ihn ist das Blog eine Schule des Denkens – eine Plattform, auf der man nicht nur sendet, sondern strukturiert, vernetzt, reflektiert. In seinem Vortrag bei der fünften Ausgabe von Blogtastisch zeichnete er das Bild eines Journalismus, der sich nicht über Exklusivität definiert, sondern über Anschlussfähigkeit. Und genau darin liegt eine radikale Wendung: Während der Journalismus des 20. Jahrhunderts auf Autorität, Kontrolle und Endgültigkeit ausgerichtet war, eröffnet das Bloggen eine andere Logik – die des Experiments.
Von Gehlen formulierte fünf Gründe, warum das Bloggen für ihn nicht nur persönlich bedeutsam wurde, sondern exemplarisch für das journalistische Arbeiten im digitalen Zeitalter steht. An erster Stelle: das Ausprobieren. Anders als in den alten Publikationsmodellen, bei denen erst das fertige Produkt veröffentlicht wurde, erlaubt das Bloggen ein testendes, tastendes Schreiben – mit offenem Ausgang. Fehler sind dabei nicht dramatisch, sondern Teil des Lernens. Wer bloggt, hat keine Redaktionsschluss-Panik. Sondern einen Rhythmus, der sich aus dem eigenen Denken ergibt.
Das zweite Argument: Bloggen als öffentliches Denken – und damit als Einladung zur Teilhabe. Die besten Blogs, so Dirk von Gehlen, seien jene, die nicht perfekt sein wollen, sondern offen. Sie lassen andere mitdenken, mitsprechen, weiterführen. Statt fertige Meinungen zu präsentieren, entsteht eine Art geistige Infrastruktur, in der sich Gedanken entfalten können – quer zum Algorithmus, jenseits von Reichweitenlogik.
Drittens: Bloggen schafft Struktur. Nicht im Sinne einer Formatierung, sondern als Denkdisziplin. Wer regelmäßig bloggt, lernt, Gedanken zu fassen, Thesen zu entwickeln, Verbindungen herzustellen. Für von Gehlen war das Blog deshalb die entscheidende Ausbildungsstation – wichtiger als jede Journalistenschule. Und zugleich eine Art Rohfassung kommender Projekte. Denn viele seiner Buchideen, Texte und Essays sind auf dem Blog entstanden – als Spurensicherung eines Denkens, das noch nicht wissen musste, wo es endet.
Der vierte Punkt: Bloggen als Netzwerkform. In seinem Vortrag unterschied von Gehlen zwei Typen von Netzwerkern – die Statusverknüpfer, die sich an Titeln und Funktionen orientieren, und die Inhaltsverknüpfer, die Verbindungen über Themen und Gedanken suchen. Bloggen sei für ihn immer ein Mittel gewesen, Letztere zu finden. Nicht die Mächtigen, sondern die Neugierigen. Nicht die Lauten, sondern die Weiterdenkenden.
Und schließlich: Bloggen als Reaktion auf ein verändertes Medienumfeld. In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz Inhalte in Sekundenschnelle produziert, verschiebt sich die Bedeutung des Schreibens. Von Gehlen berichtete von einem Experiment, bei dem er ein Sprachmodell mit seinen eigenen Texten trainierte. Die Erkenntnis: Die Maschine konnte ihn imitieren – auf Satzebene, im Ton, im Duktus. Was sie nicht konnte: den inneren Erkenntnisprozess nachvollziehen, die Denkbewegung, das Fragen, das Zögern. Genau das aber, so seine Schlussfolgerung, sei der wahre Wert des Bloggens: Schreiben nicht als Mittel zur Produktion, sondern als Methode zur Erkenntnis.
Dirk von Gehlen hat in seinem Vortrag keinen Kulturkampf zwischen Bloggern und Journalisten heraufbeschworen. Im Gegenteil: Er hat gezeigt, dass das Bloggen eine Chance sein kann, journalistische Tugenden neu zu verankern – Unabhängigkeit, Haltung, Tiefe. Bloggen als Denkform.
Wer schreibt, so könnte man seine Botschaft zusammenfassen, sollte sich nicht nur fragen, was er sagen will, sondern auch wie er denkt. Das Blog ist dafür kein Notbehelf. Sondern ein Ort. Ein Möglichkeitsraum.
Und wer den Mut hat, dort sichtbar zu denken, wird feststellen:
Das Experiment lohnt sich.
