
Lieber Stefan,
du sprichst von Rumgemeckere. Von Kritik, die nicht weiterhilft.
Aber vielleicht liegt darin schon das Missverständnis.
Denn die Kritik, die du als hinderlich empfindest, versteht sich nicht als Blockade. Sondern als Frühwarnsystem.
Wir stehen nicht vor einem technischen Problem, das mit dem richtigen Protokoll, dem passenden Interface und ein paar öffentlich-rechtlichen Content-Partnern zu lösen wäre.
Wir stehen vor einem kulturellen Vakuum.
Man kann Menschen nicht ins Fediverse bitten.
Man kann sie auch nicht durch SSO, Mastodon-T-Shirts oder Content-Republik aus den Mediatheken herüberziehen.
Die digitale Öffentlichkeit funktioniert nicht nach dem Prinzip: Build it and they will come.
Sie folgt der Logik: Only if it burns, they stay.
Das Internet ist kein Bürgerprojekt. Es ist ein Resonanzraum.
Und Resonanz entsteht nicht durch Förderrichtlinien oder Medienethik.
Sondern durch Kontingenz. Durch Reibung. Durch die Erfahrung, dass hier etwas geschieht, das sich der Steuerung entzieht.
Die frühen Netze waren roh, widersprüchlich, oft geschmacklos – aber genau das war ihr Reiz.
Heute wirkt vieles, was im Fediverse entsteht, als wäre es von Leuten gemacht worden, die zuerst die Netiquette und dann das Profilbild hochladen.
Was fehlt, ist nicht Disziplin. Es ist nicht Koordination.
Was fehlt, ist Inzidenz.
Ein Ereignischarakter, der sich nicht im Formularfeld versteckt, sondern sich einschreibt ins Denken, ins Reden, ins Leben.
Wenn wir das Fediverse als Gegenmodell zu den Plattformmonopolen ernst nehmen wollen, dann müssen wir auch den Mut haben, es anders zu denken.
Nicht als Backup-System für Anständige.
Sondern als einen Ort, der wirklich herausfordert. Der keine Einladung braucht, weil er längst Gesprächsthema ist.
Die Infrastruktur mag dezentral sein.
Aber das Entscheidende ist: Ist sie auch notwendig? Oder nur korrekt?
Gestartet hatte ich die Disputation nicht auf Facebook, lieber Stefan, sondern hier.
Übrigens: Leere Strände gibt es hier in Bonn-Lessenich….beim Beach-Volleyball. Vier Personen auf dem Feld. Urlaubsfeeling inklusive.

