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Souveränität ohne Substanz – Wie Europa sich in digitale Traumlandschaften flüchtet #Digitalgipfel

Es gibt Begriffe, die kehren in der europäischen Politik wieder wie alte Gespenster, die die Zeit vergessen hat. „Digitale Souveränität“ gehört dazu. Jacques Chirac hatte sie schon auf den Lippen, als die EU im Jahr 2000 beschloss, der „dynamischste wissensbasierte Wirtschaftsraum der Welt“ zu werden. Die Realität war damals schon ernüchternd. Heute ist sie ernüchternder.

Und doch stehen in Berlin – flankiert von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger, dem französischen Minister für industrielle und digitale Souveränität Roland Lescure, der EU-Vizepräsidentin für Tech-Souveränität Henna Virkkunen, einem ganzen Saal aus Staatssekretären, Cloud-Strategen, Digitaldirektorinnen, Startup-Förderern und schließlich den beiden Schlusspunktrednern Friedrich Merz und Emmanuel Macron – wieder führende Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft auf der Bühne, um über nichts Geringeres zu sprechen als die Wiedergewinnung einer europäischen digitalen „Souveränität“, die man inzwischen fast schon wie eine verlorene Autonomie behandelt.

Doch kaum ein Begriff hat einen größeren Abstand zwischen Pathos und Wirklichkeit.

Die Ökonomie der Abhängigkeit

Wer heute über digitale Souveränität spricht, tut gut daran, sich an das zu erinnern, was Europa partout verdrängen möchte: Wir waren nie autonom. Wir werden nie autonom sein. Und wir sind damit erstaunlich gut gefahren.

Die Fertigungstiefe deutscher Industrie sinkt seit den 1960er Jahren. Die internationale Arbeitsteilung ist keine Episode, sondern die Grundlage unseres Wohlstands. Seit Jahrzehnten lebt die deutsche Exportwirtschaft davon, dass ihre Produkte auf globalen Lieferketten, fremden Vorleistungen und ausländischer Technologie aufbauen.

Heute gilt:

Trotzdem will man morgen erneut die große Erzählung einer technologischen Selbstbehauptung ausrollen – so, als ließe sich ein halbes Jahrhundert globaler Integration per Gipfelbeschluss zurückdrehen.

Das Fediverse als politischer Fluchtpunkt

Kaum eine Szene zeigt diesen europäisch-digitalen Eskapismus so klar wie das jüngste Papier über „dezentrale Social-Media-Plattformen als Chance für ein resilientes Informationsökosystem“, geschrieben von Björn Staschen, Sascha Foerster, Clara Ruthardt und Charlotte Freihse. Man liest es und ahnt: Europa verwechselt erneut seine Arena.

Das Papier lobt ActivityPub, das Fediverse, mastodon.social, öffentlich-rechtliche Instanzen, universitäre Servercluster. Es empfiehlt Förderprogramme, Governance-Prozesse, digitale Gemeingüter. Es feiert die Idee, dass die Antwort auf TikTok und Meta in einer föderierten Struktur aus Tausenden von Servern liegen könnte.

Doch die strukturelle Realität spricht eine andere Sprache:

Wer glaubt, die europäische Öffentlichkeit werde souveräner, indem Behörden auf dezentralen Plattformen posten, verwechselt Demokratiepädagogik mit Industriestrategie.

Es ist nicht falsch – aber es ist politisch irrelevant.

Die Geister der Vergangenheit

Dieses Muster ist nicht neu. Europa hat eine lange Tradition, statt Technologie zu bauen, Narrative über Technologie zu zimmern.

Währenddessen bringen Fachleute wie Veronika Grimm, Gabriel Felbermayr oder Hermann Simon sinnvolle Vorschläge:

Nicht Autarkie, sondern Resilienz.
Nicht Abschottung, sondern Diversifizierung.
Nicht moralische Reinheit, sondern industrielle Realität.

Denn echte digitale Souveränität entsteht nicht in Interfaces, sondern in tiefen Schichten:

Europa romantisiert die Oberfläche, während es die Tiefe ignoriert.

Der Kontinent der großen Konferenzen

Der Digitalgipfel in Berlin ist die perfekte europäische Inszenierung: Panels zu Cloud-Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit, Digital Commons, der EUDI-Wallet, KI-Ökosystemen, Startup-Skalierung, fairen Märkten. Alles in noblen Worten, alles von kompetenten Menschen, alles politisch makellos.

Doch jenseits der Bühne stellt sich die Realität unbeeindruckt dagegen:

Das Programm zeigt Ambition – und offenbart zugleich den Mangel an industrieller Masse.

Europa ist der Kontinent der großen Zukunftskonferenzen.
Was fehlt, ist die Zukunft.

Ein anderer Begriff von Souveränität

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie werden wir unabhängig?
Sondern: Wie bleiben wir handlungsfähig in einer Welt, in der niemand unabhängig ist?

Souveränität bedeutet:

Europa kämpft derzeit für eine Identität, die es nie hatte: die des autarken, technologisch selbsttragenden Raums. Doch unsere Stärke war immer eine andere: die Fähigkeit, globale Verflechtungen produktiv zu gestalten.

Souverän ist nicht, wer auf niemanden angewiesen ist.
Souverän ist, wer auf niemanden allein angewiesen ist.

Die eigentliche Frage

In Wahrheit steht in Berlin eine viel größere Frage im Raum als die nach der „digitalen Souveränität“:

Kann Europa lernen, seine eigenen Illusionen abzulegen?

Kann es akzeptieren, dass es seine Zukunft nicht gewinnt, indem es im Fediverse moralisch sauberer wird, sondern indem es tiefere industrielle Fundamente erneuert?
Kann es seine politischen Reflexe überwinden, die seit Jahren dieselben sind – Regulierung, Rahmen, Ombudspersonen, Konsortien – und stattdessen dorthin investieren, wo Wertschöpfung tatsächlich entsteht?

Die Antwort wird nicht auf der Bühne gesprochen.
Sie zeigt sich erst, wenn Europa begreift, dass Souveränität kein Gipfelthema ist –
sondern ein industrielles Projekt.

Bis dahin bleibt der Kontinent seiner Tradition treu:
Er produziert große Diskurse – und kleine Wirklichkeiten.

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