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Sloterdijk, Meister Eckhart und die stille Kraft der Innerlichkeit @berggruenInst @Sloterdijk_P

Von einem Mann, der mit äußerster Intelligenz die Innenseiten Europas kartografiert, ist kein Pathos zu erwarten. Sloterdijks Philosophie meidet die großen Pose-Gesten, um sich umso entschiedener den verschütteten Quellen zuzuwenden, aus denen unser angeblich modernes Selbstverständnis fließt. Es ist keine Wiederbelebung christlicher Mystik, die ihn interessiert, sondern der unterirdische Strom, den sie speist: die Geschichte der Innerlichkeit als abendländische Form der Weltverweigerung und der Weltverwandlung zugleich.

Anlässlich seiner Lectio magistralis über Meister Eckhart in der Casa dei Tre Oci in Venedig sprach Sloterdijk von „postimperialer Weisheit“. Eine Wendung, die zunächst wie eine seiner typischen Prägungen anmutet, aber bei näherem Hinhören die Erschütterung Europas nach dem Ersten Weltkrieg benennt – nicht als bloßen historischen Bruch, sondern als Selbstvernichtung, als kulturellen Suizid. Er beruft sich hier auf Oswald Spengler, nicht affirmativ, sondern diagnostisch. Spenglers düstere Vision vom Untergang des Abendlandes war, wie Sloterdijk einräumt, kein Irrtum in der Richtung, sondern in der Form. Europa ging nicht unter – es beging Selbstmord. „Wir sind nicht die Erben eines Niedergangs“, sagt Sloterdijk, „wir sind Überlebende eines Freitods.“

Der Philosoph verweigert sich konsequent jeder heroischen Rhetorik. Seiner Diagnose zufolge lebt Europa seit 1918 in einem Zustand der Ernüchterung, ja einer existenziellen Nachdenklichkeit, die nur mit einem Begriff wie postimperiale Melancholie zu fassen ist. Die imperiale Pose, einst Requisit der Geschichte, ist obsolet. Übrig bleibt ein Kontinent, der sich nur noch über seine Fähigkeit zur Zurücknahme, zur atmosphärischen Wachheit, zur ironischen Selbstbetrachtung definieren kann.

Spenglers Schatten, Eckharts Licht
In diesem Horizont erscheint Meister Eckhart. Nicht als Prediger des Schweigens, sondern als Seismograph eines Denkens, das das Eigene entäußert, um dem Anderen Raum zu geben. Gelassenheit, dieses im Deutschen einzig mögliche Wort, das Subjekt und Loslösung gleichzeitig bezeichnet, ist für Sloterdijk keine Tugend, sondern eine anthropologische Disposition. Eckhart, so liest Sloterdijk ihn, ist nicht der Vorläufer der Innerlichkeit im Sinne eines Rückzugs, sondern ein früher Theoretiker des entgrenzten Subjekts, das sich selbst nicht mehr als Mittelpunkt begreift.

Zwischen Spenglers Kulturmorphologie und Eckharts spiritueller Anthropologie verläuft eine Linie, die nur auf den ersten Blick widersprüchlich ist. Während Spengler das Abendland in organischen Bildern vergehen sah, erkennt Sloterdijk im „Übungsmenschen“ einen transhistorischen Typus, der sich durch Katastrophen nicht brechen lässt, sondern gerade durch sie seine Form gewinnt. Der Mensch als Akrobat seiner selbst, als Exerzitienwesen, das nicht zur Welt gehört, sondern zur Veränderung seiner Selbst durch die Welt.

Gelassenheit als subversive Anthropologie
Sloterdijk verweigert sich der gegenwärtigen Tendenz, Eckhart als therapeutischen Ratgeber oder als Weisen mit Wellness-Aura zu vereinnahmen. Stattdessen zeigt er, wie dessen Denken in die Idee der Demokratie einsickert – nicht als politisches System, sondern als metaphysische Konsequenz. Die Unterscheidung zwischen Heiligen und Nicht-Heiligen, zwischen Berufenen und Vergessenen, wird in der liturgischen Erfindung von Allerseelen suspendiert: Der Kult des Einzelnen wird ergänzt durch das Gedächtnis der Vielen. Hier, sagt Sloterdijk, liegt der Ursprung des egalitären Prinzips.

Identität als Übung, nicht als Besitz
Wer so spricht, kann nicht einfach von „Identität“ reden, als ginge es um ein Etikett für Kultur oder Herkunft. Identität, verstanden in diesem Sloterdijkschen Sinne, ist kein Besitz, sondern eine Übung. Sie entsteht durch Exerzitien – nicht militärischer, sondern spiritueller Art. Europa ist nicht, was es ist. Es übt sich darin, zu werden, was es nicht mehr zu sein wagt.

Der Mensch als Exerzitienwesen
Und Meister Eckhart? Er wird zur Chiffre eines Denkens, das auch heute noch zumutbar wäre, wenn man denn den Mut zur Leere aufbrächte. Du gehst – und Gott kann an deiner Stelle treten, sagt Sloterdijk, und meint damit keine Rückkehr zur Religion, sondern ein Angebot zur Entlastung. In Zeiten, in denen das Ich sich über seine Sichtbarkeit definiert, wird Eckharts Gelassenheit zur subversiven Kraft. Nicht die Selbstdarstellung, sondern die Selbstabgabe ist der radikale Akt.

Demokratie aus dem Geist von Allerseelen
Sloterdijk denkt Europa nicht als Machtprojekt, sondern als seelischen Aggregatzustand. Als Kontinent, der seine Geschichte nur überlebt, wenn er aufhört, sie zu glorifizieren. Und der seine Zukunft nur findet, wenn er sich auf jenes Unspektakuläre einlässt, das der Moderne abhandenkam: Übung, Disziplin, Stille.

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