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Siegfähigkeit ist eine Systemfrage: Was Generalmajor Fleischmann und General a. D. Vollmer in Bonn über das gesamtstaatliche Sicherheitsökosystem sagen #AFCEA

Der Plenarsaal als Lagebild

Dass die Keynotes der AFCEA-Fachausstellung im ehemaligen Plenarsaal des Bundestages stattfinden, ist mehr als Symbolik. In diesem Raum wurde Politik jahrzehntelang nach Zuständigkeiten sortiert. Die Bedrohungslage sortiert anders: Sie ist vernetzt, kaskadiert, zeitkritisch. Generalmajor Armin Fleischmann, Vorsitzender der AFCEA Bonn, macht in seiner Eröffnung genau daraus eine Leitfrage und stellt sie ausdrücklich „gesamtstaatlich“: Verteidigung sei längst keine ausschließlich militärische Aufgabe mehr, sondern eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung – von kritischer Infrastruktur bis Katastrophenschutz, von Industrie bis Wissenschaft.

„Abschreckungs- und siegfähig“ – eine deutsche Zumutung

Der Satz, der an diesem Vormittag den höchsten Nachrichtenwert trägt, kommt von General a. D. Jörg Vollmer: „Verteidigungsfähigkeit heißt, abschreckungs- und siegfähig zu sein.“
Das ist in Deutschland immer noch eine Zumutung, weil sich die politische Sprache lange um das Wort „Sieg“ herumgeschlängelt hat. Vollmer meint damit keine martialische Pose, sondern einen nüchternen Maßstab: Abschreckung funktioniert nur dann, wenn der Gegner davon ausgehen muss, dass er nicht nur aufgehalten, sondern im Ernstfall auch geschlagen wird – und zwar bevor er irreversiblen Schaden anrichtet.

Vollmer zieht daraus eine zweite, für die öffentliche Debatte mindestens ebenso unbequeme Konsequenz. Die Ukraine sei nicht die Blaupause, sagt er sinngemäß; die Lehre sei nicht, fünf Jahre „durchzuhalten“, sondern den Krieg, wenn er kommt, „schnell und erfolgreich zu beenden“.
Das ist der Punkt, an dem „Siegfähigkeit“ aus dem Militärischen herauswächst. Wer einen Krieg schnell beenden will, braucht nicht nur Waffen, sondern vor allem Tempo in Aufklärung, Führung, Wirkung – und Schutz der eigenen Infrastruktur. Genau hier berührt sich die militärische Forderung mit Fleischmanns gesamtstaatlichem Ansatz.

Deutschland als Drehscheibe – und damit als Angriffspunkt

Vollmer macht außerdem unmissverständlich klar, was es heißt, wenn Deutschland im Bündnis als logistisches Drehkreuz gilt. Er nennt es die „berühmte Drehscheibe“: Versorgungs- und Verlegebewegungen laufen durch Deutschland – nach Norden, Nordosten oder Südosten.
Damit wird „Drehkreuz Deutschland“ zu einem operativen Risiko: Wer die Drehscheibe stört, stört die Bündnisverteidigung. Und wer sie schützen will, muss nicht nur Kasernen, sondern Netze, Knoten, Brücken, Energie, Kommunikationswege und Datenräume schützen.

Das ist der Moment, in dem die klassische Trennung zwischen äußerer und innerer Sicherheit brüchig wird. Denn ein Gegner, der Deutschland als Transit- und Logistikraum sieht, wird nicht zuerst Panzer angreifen, sondern Schnittstellen: GPS-Störungen, Unterseekabel, Cyberangriffe, Desinformation, Drohnen über kritischen Anlagen – Vollmer beschreibt diese hybride Wirklichkeit als bereits tägliche Realität.

2029 ist keine Zahl für Sonntagsreden

In der Diskussion kommt Vollmer auf die häufig genannte Jahreszahl 2029 zurück – und er entzieht ihr den Charakter einer bloßen Chiffre. Er erklärt die Zahl als Ableitung aus russischer Rüstungsproduktion, dem Aufbau neuer Verbände und steigenden Rekrutierungszahlen; sie sei „extrapoliert“ aus dem, was Russland derzeit leistet und parallel zur Front aufbaut. Entscheidend ist aber der Zusatz: Wenn man eine Zahl in den Raum setzt, müsse man sich auch daran orientieren und alles tun, damit der Eintritt dieser Lage verhindert werde. Damit wird 2029 zu einem Test politischer Ernsthaftigkeit: nicht als Deadline für Papiere, sondern als Taktgeber für Fähigkeiten.

Bonn als Beweis, dass Sicherheit in der Fläche beginnt

Der Bonner Oberbürgermeister Guido Déus setzt in seinem Grußwort einen lokalen Akzent, der in Wahrheit bundespolitisch ist: Bonn sei als Standort von Behörden wie dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, der Bundesbeauftragten für den Datenschutz und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in besonderer Weise Teil der gesamtstaatlichen Sicherheitsarchitektur. Das ist mehr als Stadtstolz. Es ist der Hinweis darauf, dass Resilienz nicht nur in Berlin produziert wird. In föderalen Strukturen entscheidet sich Handlungsfähigkeit im Krisenfall immer auch in Gebietskörperschaften: Leitstellen, kommunale Krisenstäbe, Betreiber kritischer Infrastruktur vor Ort. Wer „gesamtstaatlich“ sagt, muss Bund, Länder und Kommunen im selben Takt denken.

Fleischmanns Prüfauftrag: Lagebild, Meldeketten, Entscheidungstempo

Fleischmann macht in der Eröffnung deutlich, dass „vernetzt denken und sicher handeln“ nicht als Motto genügt. Er formuliert eine Prüfliste in Klartext: Wo entsteht heute ein gemeinsames Lagebild, wo existieren mehrere nebeneinander? Wo reißen Entscheidungsketten an Länder- und Organisationsgrenzen? Was muss vor der Krise geklärt sein, damit in der Krise nicht improvisiert wird?
Und er bleibt nicht im Appell. Er verweist auf eine kurze Community-Befragung und kündigt an, dass die gebündelten Ergebnisse im Oktober auf dem Bonner IT-Dialog vorgestellt werden.

Der Anschluss an das Sicherheitsökosystem 2030

Hier schließt sich der Kreis zur laufenden Untersuchung zum „Gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystem 2030“, die genau diese Integrationsfrage ins Zentrum stellt: Deutschland habe leistungsfähige Einzelsysteme, aber die Verbindungen fehlten; das System sei gut organisiert, aber schlecht vernetzt – und Krisen scheiterten wiederholt an Lagebildern, die nicht ankommen, und Entscheidungen, die zu spät fallen. Die Vorstudie formuliert daraus eine Logik, die auffällig gut zu Fleischmanns Eröffnungsfragen passt: Orchestrierung statt Zuständigkeitsdenken, Wirkung statt Struktur, Fähigkeiten statt Produktkatalog.

Der harte Befund

Vollmer liefert den militärischen Maßstab: Siegfähigkeit als Bedingung glaubwürdiger Abschreckung.
Fleischmann liefert die organisatorische Konsequenz: gesamtstaatliche Verteidigung als vernetzte Praxis – mit einem Lagebild, das geteilt wird, und Entscheidungswegen, die im Takt der Lage funktionieren.
Und Déus erinnert daran, dass die operative Wahrheit des Föderalismus nicht erst im Bundeskanzleramt beginnt, sondern in Bonn, in Behörden, in Kommunen, in Infrastruktur und Bevölkerungsschutz.

Die Nachricht aus Bonn lautet damit: Wer Siegfähigkeit fordert, muss das Sicherheitsökosystem liefern. Und wer das Sicherheitsökosystem ernst nimmt, muss akzeptieren, dass es nicht aus Zuständigkeiten besteht, sondern aus Verbindungen, die unter Druck halten.

Ausführlich unter:

https://www.smarter-service.com/2026/05/12/drehscheibe-deutschland-angriffspunkt-europa-was-bonn-ueber-resilienz-und-siegfaehigkeit-zeigt/

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