
Wenn es dunkel wird, beginnt der Ernstfall
Die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland kreist derzeit um Wörter, die groß klingen und klein anfangen: Resilienz, KRITIS, NIS2, hybride Bedrohungen. Gemeint ist eine Welt, in der Störungen nicht mehr als Ausnahme auftreten, sondern als Methode. Ein Stromausfall ist dann nicht nur ein technischer Defekt, sondern ein Multiplikator. Ein Cyberangriff ist nicht bloß IT-Kriminalität, sondern ein Eingriff in das Nervensystem von Versorgung, Verwaltung und Vertrauen. Und Drohnen sind nicht mehr nur Spielgeräte, sondern fliegende Sensoren – oder fliegende Störer.
Man erwartet solche Sätze in Ministerien, bei Nachrichtendiensten, in Lagezentren. Man hört sie aber inzwischen auch dort, wo man zunächst über ganz andere Dinge spricht: auf einer Personalmesse.
Eine Sicherheitsfirma auf der HR-Messe
Auf der Zukunft Personal Süd in Stuttgart, in Halle 10, direkt gegenüber der Keynote-Bühne, steht Sandy Oschinger, Geschäftsführer WISAG Sicherheit & Service Süd, im Messe-TV-Interview und redet über Erwartungsmanagement im Bewerbungsprozess. Das Thema klingt nach HR-Handwerk: Was erwarten Bewerber, was erwarten Arbeitgeber, wie kommt ein Match zustande?
Doch schon nach wenigen Minuten wird klar, dass Erwartungsmanagement in der Sicherheitswirtschaft mehr ist als eine Frage von Tonalität. Es ist eine Frage der Betriebsfähigkeit. Denn Sicherheit ist kein Produkt, das im Regal liegt. Sie muss jeden Tag neu hergestellt werden – und zwar ausgerechnet dann, wenn der Rest der Gesellschaft Pause macht.
Der Bewerber als Wunschzettel
Oschinger beschreibt eine Beobachtung, die vielen Personalverantwortlichen vertraut vorkommen dürfte, die aber in seiner Branche besondere Konsequenzen hat: Bewerber, sagt er sinngemäß, kämen oft mit Forderungen. Firmenwagen, Firmenhandy, Laptop, Benefits, Prämien, Ticketmodelle. Auf der Messe könne man das überall sehen. Was dabei zu kurz komme, sei die Gegenfrage: Was bringe ich dem Unternehmen? Welche Qualifikationen, welcher Einsatzwille, welcher Mehrwert?
Hinzu komme, dass viele Kandidaten nicht einmal Grundwissen über den potenziellen Arbeitgeber mitbrächten. Wie viele Mitarbeiter? Wie ist der Konzern aufgestellt? Was macht er eigentlich? Das sei alles ohne Mühe auf jeder Homepage nachzulesen, werde aber offenbar oft nicht getan. Die Konsequenz: Von hundert Bewerbungen, sagt Oschinger, seien im Schnitt nur neun Kandidaten tatsächlich geeignet. Der Auswahlprozess werde dadurch langwierig und teuer.
Der Arbeitsmarkt kippt – aber nicht überall
Interessant ist dabei Oschingers Differenzierung. Im mittleren und oberen Management, so seine Einschätzung, habe sich die Lage in den vergangenen ein bis zwei Jahren deutlich verändert: Man bekomme mehr Bewerbungen, als man einstellen könne. In der „einfachen Dienstleistung“, also bei Anlerntätigkeiten in der Bewachung, bleibe Personal dagegen weiterhin knapp. Das entspricht einem Arbeitsmarkt, der sich nicht einheitlich dreht, sondern segmentiert: In einigen Branchen und Qualifikationsstufen wächst die Auswahl, in anderen bleibt der Mangel.
Politisch wird diese Beobachtung, weil sie zeigt, wie dünn die Personaldecke in jenen Bereichen ist, die im Krisenfall nicht weniger, sondern mehr leisten müssen. Wer von kritischer Infrastruktur spricht, muss auch von kritischer Personallage sprechen.
„Sicherheit wird dann produziert, wenn andere nicht arbeiten“
Für Oschinger ist das keine Metapher, sondern Dienstplanlogik. Sicherheit entstehe dann, wenn andere nicht arbeiten: nachts, am Wochenende, an Feiertagen. Wer sich auf einen Wachdienstposten bewerbe und zugleich nur Montag bis Freitag tagsüber arbeiten wolle, passe schlicht nicht. Das sei keine Frage der Wertschätzung, sondern der Realität des Berufs.
In dieser Nüchternheit liegt eine politische Pointe. Denn auch der Staat erlebt Krisen nicht im Bürofenster. Wenn um fünf Uhr morgens jemand kurzfristig ausfällt, kann ein Posten nicht einfach unbesetzt bleiben. In einer 24/7-Bewachung muss ersetzt werden, sofort. Das verlangt alte Tugenden, wie Oschinger sagt: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit. Und es zeigt zugleich, dass Resilienz nicht am Leitbild entsteht, sondern an der Fähigkeit, Schichten zu füllen.
Planung als Resilienz
Bemerkenswert ist, dass Oschinger nicht nur fordert, sondern auch beschreibt, wie man die Härte des Betriebs abfedern kann. Bei WISAG plane man Schichtmodelle weit im Voraus – bis zu zwölf Monate –, um Verlässlichkeit zu schaffen. Man versuche zudem, Hintergrundinformationen zu berücksichtigen: Wer möchte eher Nacht? Wer braucht tagsüber gemeinsame Zeit, weil der Partner ebenfalls im Schichtdienst arbeitet? Das ist kein „nice to have“, sondern ein Stabilitätsfaktor. Ein System, das die Lebenswirklichkeit seiner Leute ignoriert, erzeugt Fluktuation – und Fluktuation ist im Sicherheitsbetrieb eine operative Schwäche.
Vom Bewerbungsprozess zur Staatsfrage
An diesem Punkt schwenkt das Gespräch auf das „gesamtstaatliche Sicherheitsökosystem“, also die Frage, wie Behörden, Betreiber kritischer Infrastrukturen und private Sicherheitsakteure in Krisen zusammenspielen. Oschinger verweist auf NIS2, die europäische Vorgabe zur Verbesserung der Netz- und Informationssicherheit, und auf BCM, das Business Continuity Management, also die Fähigkeit, nach einem Treffer weiterzuarbeiten oder schnell wieder anzulaufen. Man arbeite, sagt er, mit Kunden an Notstrom, an analogen Mitteln wie Taschenlampen und an organisatorischen Notfallprozessen. Er nennt außerdem Drohnenabwehr und Cybersecurity als Felder, in denen Angriffe zunehmen und in denen Zusammenarbeit mit Behörden wie LKA, BKA, Feuerwehr und THW notwendig sei.
Das Wort, das dabei immer wieder auftaucht, heißt „Schnittmenge“. Die Schnittmengen zwischen den Silos müssten kleiner werden, sagt Oschinger – gemeint ist: weniger Reibung, weniger Informationsverlust, weniger Doppelarbeit, weniger Zeitverzug.
Föderalismus als Tempo-Problem
Die schärfste Passage folgt, als Oschinger den Föderalismus ins Spiel bringt. Es sei ein Problem, dass jedes Bundesland sein eigenes Vorgehen habe – „die Bayern anders als die Hessen“. Man habe das in Krisen erlebt. Für Lagen, die das ganze Land betreffen, brauche es einen starken Krisenstab auf Bundesebene, der einheitlich reagiere und Entscheidungen treffe. Unterschiedliche Meinungen dürften sein. Am Ende brauche es eine Marschrichtung.
Man kann diese Forderung politisch kontrovers diskutieren. Sie berührt Verfassungsrealitäten, Kompetenzverteilungen, gewachsene Zuständigkeiten. Aber sie benennt ein echtes Dilemma: Krisen eskalieren in Stunden, föderale Abstimmung in Tagen. Und im digitalen Raum kann ein Tag zu lang sein.
Die stille Lehre der Messe
Eine Personalmesse ist nicht der Ort, an dem man gewöhnlich über nationale Sicherheitsarchitektur entscheidet. Aber sie ist ein Ort, an dem man sieht, woraus Sicherheitsarchitektur im Alltag besteht: aus Personal, aus Planung, aus Verlässlichkeit, aus Informationswegen, die funktionieren müssen, wenn die Lage unfreundlich wird.
Oschingers Gespräch ist deshalb mehr als ein Recruiting-Statement. Es ist eine Erinnerung daran, dass staatliche Handlungsfähigkeit nicht nur an Gesetzen und Budgets hängt, sondern an Menschen, die Dienst tun, an Systemen, die kommunizieren, und an Entscheidungen, die rechtzeitig fallen. Wer über ein Sicherheitsökosystem spricht, sollte sich weniger für Schlagworte interessieren als für die banale Frage: Wer ist da – wenn es wirklich darauf ankommt?
