
Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE) sieht Wasser zunehmend als zentrales Thema der Kreislaufwirtschaft. Im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview auf der IFAT in München sagte Sascha Roth, Bereichsleiter Biomasse, Elektronik, Textilien und Wasser beim BDE, in Deutschland werde über Wasser noch zu wenig nachgedacht. Nach der Nutzung setze jedoch ein aufwendiger Prozess der Abwasserentsorgung und Aufbereitung ein, um Wasser im Kreislauf zu halten.
Thomas Beutel von Lutz-Jesco verwies darauf, dass Wasser nicht verbraucht, sondern gebraucht werde. „Es geht kein Tropfen verloren“, sagte Beutel. Entscheidend sei, Wasser nachhaltiger zu nutzen, aufzubereiten und wiederzuverwenden. Dies geschehe bereits in vielen Prozessen, nach seiner Einschätzung aber noch nicht ausreichend.
Roth sieht die größten Herausforderungen der kommenden Jahre bei neuen Belastungen in Kläranlagen. Neben klassischen Stoffeinträgen rückten Mikroverunreinigungen, Spurenstoffe, Mikroplastik, Düngemittel und Arzneimittelrückstände stärker in den Fokus. Deutschland verfüge zwar über leistungsfähige Klärwerke und Technologien zur Nährstoffentfernung. Zugleich steige aber die Zahl neuer Stoffe, die in die Anlagen gelangten.
Beutel nannte als technische Schwerpunkte hochwertige Filtertechnik, Membrantechnik, Ionentauscher und präzise Dosiertechnik. Deutschland habe trotz vergleichsweise guter Wasserverfügbarkeit starke Technologien entwickelt, die auch international gebraucht würden. Forschung in Deutschland könne helfen, Wasseraufbereitungslösungen in Regionen zu übertragen, in denen Wasser knapper sei.
Mit Blick auf die kommunale Abwasserwirtschaft sprachen Roth und Beutel von erheblichen finanziellen Herausforderungen. Die verschärften europäischen Vorgaben und die Diskussion um die vierte Reinigungsstufe erhöhten den Investitionsdruck auf Kommunen und Betreiber. Roth sprach von „exorbitanten“ Herausforderungen für die Gebietskörperschaften. Gleichzeitig müsse die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Beutel verwies darauf, dass zusätzliche Kosten für Privathaushalte bei einzelnen Maßnahmen überschaubar bleiben könnten, wenn man sie auf den Haushalt herunterrechne.
Beide Gesprächspartner sprachen sich für eine stärkere Produzentenverantwortung aus. Roth sagte, aus der Abfallwirtschaft sei bekannt, dass allein gebührenfinanzierte Systeme zu wenig Lenkungswirkung entfalteten. Wer Stoffe in den Kreislauf einbringe, solle an den Folgekosten beteiligt werden. Dabei müsse die Diskussion nicht bei der Pharmaindustrie enden; auch Pestizide könnten einbezogen werden. Voraussetzung sei eine gute Datengrundlage.
Beutel bezeichnete das Verursacherprinzip als richtigen Weg. Zwar würden Kosten am Ende häufig beim Verbraucher ankommen. Die Verschiebung sei aber gerecht, weil sie Produzenten Anreize gebe, sich mit Inhaltsstoffen und Folgewirkungen ihrer Produkte zu befassen.
Roth warb zudem für Public-Private-Partnerships in der Wasserwirtschaft. Der BDE wolle keine Privatisierung von Wasserressourcen. Es gehe um Management, Betriebskompetenz und Unterstützung der kommunalen Daseinsvorsorge. Angesichts von Fachkräftemangel, alternden Belegschaften und hohen technischen Anforderungen könnten private Unternehmen Kommunen entlasten, etwa durch Spezialisten, Betreiberkompetenz oder Konzessions- und Betreibermodelle.
Eine wichtige Rolle sehen Roth und Beutel auch bei technischen Standards und Normung. Beutel sprach von technischer Selbstverwaltung als wichtigem Instrument. Gesetze sollten stärker Ziele beschreiben und Fachleuten mehr Raum lassen, Lösungen über Normen und Regeln zu entwickeln. Normung dürfe bei Deregulierung nicht pauschal zurückgefahren werden. Vielmehr sollten Gesetze flexibler werden und Behörden in Normungsprozesse eingebunden bleiben.
Roth forderte mehr Aufmerksamkeit für Wasserwiederverwendung, etwa für Stadtbegrünung in trockener werdenden Regionen. Außerdem mahnte er klare Vorgaben zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlämmen an. Die Pflicht zur Rückgewinnung solle ab 2029 kommen; der Markt brauche verlässliche Fristen. Auch Energieeffizienz und Energieneutralität von Kläranlagen müssten stärker vorangetrieben werden, da Energiekosten für Kommunen ein großer Posten seien.
