
Drei mehr oder weniger ältere Herren (bin ja auch schon alt) diskutieren engagiert über das Fediverse – und was sie alles tun müssten, um die jungen Leute von TikTok in eine dezentrale Parallelwelt aus Pixelfed, Mastodon und sonstigen Retro-Inseln zu überführen. Die Analyse klingt überzeugend, der Ton ist dringlich, der Habitus: ein wenig ratlos, ein wenig rettend.
Man hat das Gefühl, als stünde das Fediverse kurz vor dem Renteneintritt, ohne je jugendlich gewesen zu sein. Das, was hier als Lösung propagiert wird – öffentliche Mediatheken, Unis, Forschungseinrichtungen als Träger einer digitalen Erweckungsbewegung – riecht nach Verwaltungsinnovation. Es ist die kulturelle Strategie der Broschüre: sauber gefalzt, nie gelesen.
Natürlich stimmt es: Kommerzielle Plattformen zersetzen Debattenkultur, algorithmische Tribalismen befeuern Polarisierung, Big Tech agiert jenseits demokratischer Kontrolle. Aber die Antwort darauf kann doch nicht sein, dass man versucht, mit E-Mail-Analogien und Login-Kooperationen das Fediverse zur Pflichtveranstaltung für Studierende zu erklären.
Wer glaubt, man könne ein digitales Ökosystem durch akademische Single-Sign-On-Lösungen in die Breite bringen, hat aus der Geschichte der Popkultur wenig gelernt. Das Internet wurde nicht groß, weil man es von oben plante. Es wurde groß, weil es anziehend war. Verführerisch. Chaotisch. Frech. Und: weil man dort sein wollte. Nicht, weil die Hochschule es bereitgestellt hatte.
Die Missionierung des Fediverse durch Hochschulen, öffentlich-rechtliche Mediatheken und EU-Prototypenschmieden ist ein groß angelegtes Missverständnis von Reichweite. Wenn es nicht attraktiv ist, kommen die Leute nicht. Wenn es ein Missionierungsprojekt wird, bleiben sie weg.
„Wir haben nicht ewig Zeit“, sagt Leonhard Dobusch. Stimmt. Aber es wäre hilfreich, mit dieser Zeit nicht auch noch das letzte Restchen Charme zu verspielen. Ein dezentraler Marktplatz lebt nicht vom Regelwerk, sondern vom Gewusel. Vom Klang. Vom Humor. Vom Meme. Vom Dissens. Von der Lust am Anderen.
Solange das Fediverse als Projektionsfläche für digitaldemokratische Hoffnung dient – getragen von Universitäten, öffentlich-rechtlichen Thinktanks und Menschen mit viel Freizeit –, wird es immer wie eine Fortbildung in einem schlecht beleuchteten Seminarraum wirken. Vielleicht sollten wir erst einmal aufhören, das Netz retten zu wollen, und anfangen, es wieder zu beleben.
Ich halte es da mit meinem alten Grundsatz: Wenn etwas für mich interessant ist, wird es mich finden. Das Fediverse darf gern finden. Aber bitte nicht mit Mediathek-Login und EU-Case-Slider. Danke.
