Website-Icon ichsagmal.com

Räume als stille Wettbewerbsstrategie – Warum Kultur bei den Wänden beginnt #PersonalmesseMünchen

In einer Zeit, in der Strategiepapiere, Leitbilder und Purpose-Statements ganze Wände füllen, übersieht man oft das Naheliegende: die Wände selbst. Samir Ayoub, geschäftsführender Gesellschafter der designfunktion Gruppe, hat auf der Personalmesse München gezeigt, dass Räume längst zu einer unterschätzten Wettbewerbsressource geworden sind – nicht als Designfrage, sondern als betriebswirtschaftliche.

Raum als Renditefaktor

Ayoub argumentiert nüchtern und präzise, wie ein Controller, der gelernt hat, mit Quadratmetern zu rechnen statt mit Budgets zu träumen. „In fast jedem Unternehmen passt der Anzug Arbeitswelt nicht mehr“, sagt er sinngemäß. Nach der Pandemie sind viele Büros leer, aber teuer. Wer Flächen neu denkt, kann mit 30 bis 50 Prozent weniger Raum auskommen – und dabei Millionen sparen.

Der Business Case ist messbar: geringere Mietkosten, höhere Produktivität, stärkere Identifikation. Die Hälfte der Einsparung fließt bei designfunktion in die Profitabilität, die andere in bessere Räume – eine stille Umverteilung von Fläche in Motivation.

Architektur als Teil der Unternehmensführung

Diese Logik erinnert an Prinzipien des industriellen Denkens: Effizienz durch Präzision. Doch Ayoub geht weiter. Er sieht Raum als Managementsystem – als sichtbaren Ausdruck von Kultur. Ein Unternehmen, das Hierarchien räumlich zementiert – separate Chefetagen, verschlossene Türen, Statusmöbel –, kann keine offene Führung erwarten. Ein Unternehmen, das Austausch und Nähe architektonisch ermöglicht, fördert Teamgeist, Lernen und Innovation.

Räume wirken wie stille Lehrer: Sie formen Verhalten. Churchill formulierte es einst treffend – erst gestalten wir unsere Gebäude, dann gestalten sie uns. Ayoub macht daraus eine Formel der Gegenwart: Raum als Werkzeug der Transformation.

Der Fehler des „Desksharing 1.0“

Viele Organisationen glauben, sie seien modern, wenn sie Arbeitsplätze einfach reduzieren. Doch Ayoub warnt vor dieser simplen Gleichung. „100 Menschen, 80 Tische – das ist keine Innovation, das ist Verknappung.“ Echte Transformation entstehe erst, wenn Räume differenzierter gedacht werden: Zonen für Konzentration, Telefonkabinen für Rückzug, modulare Workshopflächen für agile Methoden. Raumgestaltung wird so zur Managementaufgabe – mit klaren Regeln und sichtbarer Kultur.

Vom Luxus zur Pflicht

Noch immer betrachten rund 80 Prozent der Unternehmen – und auch viele Behörden – Raumgestaltung als Luxus. Doch diese Haltung ist gefährlich rückwärtsgewandt. Räume sind keine Kostenstelle, sie sind ein strategisches Kapitalgut. Ihre Wirkung auf Produktivität, Employer Branding und Identität lässt sich messen.

Ayoub nennt Beispiele: Bei Thomann, dem Musikinstrumentenhändler, wurde die DNA des Unternehmens in Architektur übersetzt – bis hin zu Theken in Form von Stimmgabeln. Die Sparkassenakademie Baden-Württemberg erhielt offene Lernräume statt langer Flure. In beiden Fällen stieg nicht nur die Zufriedenheit, sondern auch die Außenwirkung – ein immaterieller Return, der in keiner Bilanz steht, aber in jeder Belegschaft spürbar ist.

Ayoub ist kein Architekt im klassischen Sinn, sondern ein Unternehmer, der den Raum als Produktivfaktor denkt. Seine Formel ist einfach, fast hermetisch: Raum = Kultur × Wirtschaftlichkeit.
Wer Räume investiv versteht, statt sie nur zu belegen, steigert Wertschöpfung auf leisen Sohlen.

Denn am Ende entscheidet nicht das schönste Möbel über den Erfolg eines Unternehmens, sondern die Frage, ob Menschen dort arbeiten wollen – und ob der Raum das leise „Ja“ dazu flüstert.

Die mobile Version verlassen