
Man stelle sich vor: Helmut Schmidt, in seinem Hamburger Reihenhaus, eine Mentholzigarette zwischen den Fingern, die Stirn in Falten gelegt. Der Altkanzler schaut sich die jüngsten Eskapaden der hessischen Grünen an und murmelt etwas von „verlotterter Sittenstrenge“. Neben ihm ein Stapel Papiere über die Ewald-Reisen, die Rücktrittserklärung von Kathrin Anders und ein Memorandum über die Kunst des moralischen Gleichgewichts, das offenbar längst vergessen wurde.
Es ist keine Kleinigkeit, was hier diskutiert wird. Die Grünen, einst moralische Speerspitze und moralisches Mahnmal der Republik, taumeln. Doch nicht wegen klassischer Intrigen, sondern wegen etwas viel Subtilerem: der Erosion des moralischen Anspruchs. Schmidt hätte dazu vermutlich mit einer Mischung aus Verachtung und Erstaunen gesagt: „Man kann nicht mit der Signatur des Landesvorsitzenden Gratisreisen einfordern und das dann privat nennen. So etwas nennt man in Hamburg Scharlatanerie.“
Die Episode erinnert an Schmidts Maxime: „Handle stets so, dass deine private Moral Grundlage einer allgemeinen Moral werden könnte.“ Doch hier? Die Parteiführung agiert, als sei Moral eine Buffetoption, etwas, das man nach Belieben nehmen oder liegen lassen kann. Die Antwort auf die brennende Frage nach der Legalität der Reisen: externe Prüfungen? Nein, danke. Transparenz? Nur, wenn’s passt. Es ist, als ob man Schmidt gefragt hätte, ob man die Inflation nicht einfach mit mehr Geld drucken lösen könnte.
Die Parallelen zu Schmidts politischem Ethos und den heutigen Akteuren sind frappierend und entlarvend. Schmidt, der selbst in Zeiten größter politischer Spannungen Bescheidenheit zelebrierte – Suppen, Cola, ein Reihenhaus, das nicht mal genug Platz für Leibwächter bot –, hätte wohl gesagt: „Politik verlangt nicht nur Kompetenz, sondern auch Charakter. Und Charakter zeigt sich, wenn keiner hinschaut.“ Doch hier scheint es, als hätten Ewald und Co. sich entschlossen, den Schein über das Sein zu stellen. Eine pragmatische, aber höchst riskante Strategie.
Der eigentliche Skandal aber ist nicht, dass Ewald reiste, sondern wie mit dem Skandal umgegangen wird. Eine Partei, die Transparenz predigt, schafft es nicht, ihre eigenen Grundsätze einzuhalten. Schmidt hätte das als „Verlust des inneren Kompasses“ bezeichnet und dabei wahrscheinlich noch eine Schachtel Zigaretten durchgezogen.
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Moral, so wie Schmidt sie verstand, ist keine Sache des Marketings, sondern des Seins. Die Grünen hätten gut daran getan, ihn nicht nur als historische Figur zu bewundern, sondern als Maßstab zu nehmen. Doch stattdessen: Wiesbaden im Chaos, die Bundestagswahl im Nacken, und irgendwo sitzt Ewald mit einem Latte Macchiato, während Kathrin Anders sich fragt, ob es das alles wert war.

