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#POV: Das Internet schaut sich selbst beim Reden zu

Szene-Lokal, irgendwann.
Bildschirmhell. Hirn dunkel.
Und das Netz spricht. Nein: es phraset.

POV.
POV ist die große moralische Zwangsjacke der Gegenwart: “POV: du bist ein Croissant und ich bin Trauma”.
POV heißt: Ich erfinde eine Kamera im Kopf, damit ich so tun kann, als wäre ich Film, nicht Leben.
POV heißt: Ich sitze im Bus und schreibe POV, damit es nicht so peinlich ist, dass ich im Bus sitze.
POV ist Entschuldigung in drei Buchstaben.
POV ist: Bitte nimm mich ernst, obwohl ich gerade Quatsch mache.
Spoiler: Wir nehmen dich ernst. Das ist ja das Problem.

Dann literally.
„Literally“ ist der kleine, schmierige Notar der Übertreibung.
„I’m literally dead“ – nein bist du nicht. Du bist in einer Küche und suchst einen Löffel.
„Literally“ ist das Pflaster auf der Wunde, die „Ich fühle zu viel“ heißt.
Und weil du zu viel fühlst, musst du es beurkunden, damit es nicht lächerlich aussieht.
Es sieht trotzdem lächerlich aus.
Aber: süß.
(Und ja: literally.)

Cringe.
Cringe ist die Polizei, die man sich selbst gebaut hat, um nicht frei zu sein.
Cringe ist: Ich bewerte dich, bevor ich dich verstehen muss.
Cringe ist die Abkürzung für Angst: Bitte werde nie so, wie ich heimlich bin.
Cringe ist das Geräusch, wenn Empathie rückwärts eingeparkt wird.
Und jeder ruft Cringe, damit bloß niemand merkt, wie sehnsüchtig er eigentlich ist.

Dann Rizz.
Rizz ist Charisma, aber als Coupon.
Rizz ist: Ich will Magie, aber mit Bedienungsanleitung.
Rizz ist der Versuch, Erotik zu rationalisieren wie eine Excel-Tabelle:
Spalte A: Blick. Spalte B: Spruch. Spalte C: Outcome.
Rizz ist, wenn du „Chemie“ sagst, aber „Algorithmus“ meinst.
Rizz ist: Liebe als Trick.
Und alle so: „Bro hat Rizz“ – ja, und du hast Gänsehaut vor Einsamkeit.

Delulu.
Delulu ist die neue Höflichkeit.
Früher sagte man: „Das wird schon.“ Heute sagt man: „Bleib delulu.“
Delulu ist der Affirmations-Klebstoff für kaputte Tage.
Delulu ist Selbstschutz im Glitzerkostüm.
Und gleichzeitig: der Eintritt in den Club der Leute, die nicht mehr so tun wollen, als hätten sie alles im Griff.
Delulu ist ehrlich.
Das macht es so gefährlich.

Slay.
Slay ist ein Mordwort für den Wunsch, einmal nicht klein zu sein.
Slay ist: Ich bin müde, aber ich will wirken.
Slay ist der Kampfschrei aus dem Schminkspiegel: „Ich existiere als Ereignis!“
Und in der Ecke sitzt die Realität und tippt höflich auf die Schulter:
Du musst nichts slayen.
Du darfst auch einfach sein.
Aber sein hat keinen Sound.

Touch grass.
Touch grass ist der digitale Klaps auf den Hinterkopf.
Touch grass sagt man, wenn einem die Welt zu komplex wird und man den anderen kurz auf Offline stellen will.
Touch grass ist die Sehnsucht nach Erdung als Beleidigung verpackt.
Touch grass ist: Ich schicke dich in die Natur, damit ich nicht antworten muss.
Und alle so: Haha, touch grass.
Niemand fasst Gras an.
Gras fasst uns an. Allergie. Pollen. Ende.

Lore.
Lore ist, wenn Biografie als Franchise verkauft wird.
Lore ist: Ich habe ein Leben, aber ich erzähle es wie Marvel.
Lore ist die Höflichkeitsform von Trauma-Striptease: „Hier ein bisschen Background, damit ihr mich liebt.“
Lore ist: Das Private wird Content, damit es nicht umsonst weh getan hat.

Main Character Energy.
Main Character Energy ist das Aspirin gegen das Gefühl, Statist im eigenen Alltag zu sein.
MCE heißt: Ich will bedeutsam sein, ohne die Arbeit der Bedeutung zu machen.
MCE heißt: Ich gehe zum Rewe, aber cinematic.
Und dann: Kasse 3, Kartenzahlung geht nicht, und du stehst da wie ein Indie-Film ohne Fördergeld.

Und jetzt: Six Seven.
Six Seven ist das Geräusch der Gegenwart, wenn sie so tut, als hätte sie ein Geheimnis.
Six Seven ist eine Zahl, die sich als Persönlichkeit verkleidet hat.
Six Seven ist: „Du verstehst das nicht“ – doch, ich verstehe: Es ist nichts.
Aber es ist unser Nichts.
Ein Nichts mit Beat.
Ein Nichts mit Hook.
Six Seven ist die kleine, schillernde Münze, die man sich in die Tasche steckt, um später zu beweisen: Ich war dabei, als Sinn kurz aus dem Fenster sprang.

Und so rollt es weiter, das Phrasenkarussell.
Jede Woche neue Wörter, damit man nicht merkt, dass darunter immer dieselben Gefühle liegen:
Angst. Gier nach Nähe. Scham. Wut. Wunsch, gesehen zu werden.
Und weil das zu groß ist, machen wir es klein.
Machen es handlich.
Machen es Meme.

Das Internet ist eine riesige Selbsthilfegruppe, die so tut, als wäre sie ein Witz.
Und wir lachen, weil weinen zu intim wäre.
POV: Wir sind alle online.
Literally.

Neue, völlig sinnlose Memes (bitte ab morgen überall benutzen)

“Klinkenputzer-Core” – alles wirkt wie ein Lifestyle, sobald man „-Core“ dranhängt. Auch Haustürgriffe.

“Erdbeerkabel” – Kommentar unter JEDEM Foto: „Erdbeerkabel.“ Keine Erklärung.

“Gabel-Update” – wenn jemand eine Meinung ändert: „Gabel-Update: ich sehe das jetzt anders.“

“Mikrowellen-Aura” – wenn jemand unangenehm warmherzig ist: „Boah, Mikrowellen-Aura heute.“

“Parkbank-Manifest” – dramatische Aussagen nur noch als: „Parkbank-Manifest: …“

“PDF-Phonk” – wenn etwas bürokratisch, aber irgendwie catchy ist.“WLAN im Herzen” – als pseudo-tiefer Trostsatz: „Du hast WLAN im Herzen.“

“Socken-Algorithmus” – wenn etwas komplett willkürlich passiert: „Socken-Algorithmus hat entschieden.“

“Kühlschrank-Gospel” – für jeden nächtlichen Snack: „Kühlschrank-Gospel, Kapitel

Siebenminus” – statt „cringe“ sagt man nur noch: „Siebenminus.“

“Bro, ich bin eine Laterne” – universelle Ausrede für alles. (Bitte ernsthaft vortragen.)

“Six-Seven-Seasonal” – einfach unter Wetterposts schreiben. Auch im Sommer. Gerade dann.

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