
In „Echt – Der Wert der Einzigartigkeit in einer Welt der Kopien“ erkundet Wolf Lotter ein zentrales Thema unserer Zeit: die Bedeutung und den Wert des Echten, des Originals, und der Einzigartigkeit in einer Welt, die zunehmend von Nachahmung, Fälschung und dem Kopieren dominiert wird. Durch eine tiefgründige Analyse, die sich über Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft erstreckt, beleuchtet Lotter, wie sich unsere Welt immer weiter von der Wertschätzung des Unverwechselbaren entfernt hat, sodass das Echte mittlerweile als Luxus gilt.
Lotter kritisiert die oft fehlende Anerkennung des Originals und die Gleichgültigkeit gegenüber geistigem Eigentum, was insbesondere in der Kreativ- und Innovationsbranche schädliche Auswirkungen hat. Dabei betont er, dass gerade das Echte und das Original unsere größten Chancen in einer globalisierten Welt darstellen, und plädiert für eine Neubewertung und Stärkung des Echten als gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert.
Auszüge:
„Es wird gesampelt, recycelt und geklaut, was das Zeug hält. Mit gerechter Teilhabe, wie oft behauptet wird, hat das nichts zu tun. Es zeigt nur, wie kurzsichtig diejenigen sind, die das behaupten. Viele von ihnen wollen die Konsumgesellschaft und deren schieren Materialismus in die Schranken weisen. Wie soll das aber funktionieren, wenn die einzige Alternative dazu – innovatives Denken, geistige Arbeit, Ideen und Originalität – nicht geschätzt wird? Hinter so mancher Konsumkritik steckt kaum mehr als oberflächlich getarnter Konsumismus. Das Internet ist so, wie es sich heute auf Plattformen und Social Media präsentiert, vor allen Dingen ein Vehikel eines rücksichtslosen Marketingkapitalismus, der keine Originale braucht, sondern von der Kopie lebt.
Das aktuell schlimmste Beispiel dafür ist Tiktok, eine chinesische Propagandaschleuder, in der die vorwiegend jugendlichen Nutzer dazu erzogen werden, sich die Kreativität anderer anzueignen. Wo scheinbar niemandem mehr etwas gehört, haben die Zentrale, die Partei, der Staat, der Konzern Oberwasser. Das ist die politische Botschaft der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten. Es ist eine Diktatur, die sich als Vielfaltswelt ausgibt. Ein falscher Fuffziger, der die Demokratie bedroht – und vorher den kritischen Verstand unserer Kinder beseitigt.“
„Echtheit ist Einzigartigkeit, die wiederum aus Know-how, also erlernten Fähigkeiten, Routinen, besteht sowie dem Verstand und Talent, diese Routinen zu neuen, schöpferischen, innovativen Dingen und Sachverhalten zu führen.“ Essenz der Innovation.
„Es wird nicht um körperliche Mühen gehen, sondern um Eigenmotivation, um eine neue Selbstverwirklichung. Wir denken auch dieses Wort meist falsch. Selbstverwirklichung ist schlicht der Realitätssinn fürs eigene Leben, inklusive der Fähigkeiten, die man zum Nutzen anderer am besten ein- setzen kann. Es ist nicht Selbstoptimierung, bei der wir uns an fremde, unechte Bedürfnisse anpassen, keine Mühe, keine Aufopferung, keine Unterwerfung, sondern Entwicklung der Person. Das ist ein echtes Handwerk. Einzigartigkeit entsteht so, wirkliche Authentizität und Kenntlichkeit.“
„Der Homo faber, der schaffende Mensch, ist der, der Originalität und Einzigartigkeit schafft. Der Homo faber ist nicht einfach jenes »arbeitende Tier«, wie es Hannah Arendt in ihrer Vita activa gesagt hat, das geschäftig, fleißig Routinen erledigt, das wie ein Roboter durch die Welt geht und das so kennzeichnend ist für die Vorstellung von Arbeit und Existenz, weil es den selbstbestimmten, nach originellen Lösungen und Verbesserungen suchenden einzigartigen Homo faber eben so selten gibt. Das lateinische »faber« steht für alles, was diese Originalität ausmacht: Handwerker, Künstler, Verfertiger, Werkmeister. Richard Sennett hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Es gibt keinen Grund, Kopfarbeit und Handarbeit zu trennen. Beides setzt bewussten Verstand voraus. Erst in der Industrialisierung wurde beides entkoppelt. Alle Handarbeiter und Kopfarbeiter sind kreativ, wenn sie Probleme lösen, und sie verrichten stumpfsinnige Arbeit, wenn sie die immer gleichen Dinge tun und diese nicht hinterfragen. Der Homo faber ist schlicht und ergreifend die Normalität der menschlichen Kulturgeschichte. Die Kopiergesellschaft der Routinearbeit bleibt eine Episode.“
Prinzip Hoffnung, von dem der Philosoph Ernst Bloch in seinem gleichnamigen Buch berichtete: „Diese Hoffnungen auf eine bessere Welt versteht er als »konkrete Utopien«, also lebenspraktische, den Menschen – und nicht den Ideologien – gefällige Veränderungen.“
Simulation – Camouflage – Singularität:
Geschäft der Kybernetiker, die sich in der Managementlehre austoben, Menschen und sogar Staaten regulieren wollen oder gar sozialwissenschaftliche Ausflüge unternehmen, steht unter der Bedingung der Rechtfertigung. Google-Chefdenker Ray Kurzweil erklärt Eingriffe in den menschlichen Geist für wünschenswert, weil dadurch Charakterfehler behoben und Leistungssteigerungen ermöglicht werden könnten. Klingt irgendwie nach der Psychotherapie im Zukunftsroman „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess. Es ist an der Zeit, solche Steuerungsheinis in der Öffentlichkeit mit einer kritischen Debatte zu konfrontieren. Helfen könnten paradoxe Interventionen: Steuerungssysteme entlarven, so dass ihre Modelle ins Leere laufen. Systeme mit Daten zu scheißen, so dass am Ende falsche Muster rausspringen. Mein eigenes Verhalten kann dafür sorgen, dass das System durch die Aufdeckung der dahinter stehenden Logik nicht mehr funktioniert – ganz ohne Demut.
„Es gibt Greenwashing, das so heißt, weil Unternehmen, Politiker und Lobbyisten, die gar nichts Ökologisches im Sinn haben, sich als überzeugte Weltretter geben – was eine Zeit lang klappt, aber die Glaubwürdigkeit der Institutionen auf lange Sicht völlig zerstört. Wer kennt schon die Hintergründe der unzähligen Biozertifikate, Herkunftsgarantien, der ganzen »Naturrein«-Beteuerungen, die auf immer mehr Lebensmitteln prangen? Dabei ist der Anteil der Biolebens- mittel tatsächlich viel kleiner, als Marketing und Werbung behaupten. Im Jahr 2011 waren 4,1 Prozent des Gesamtumsatzes an Lebensmitteln in Deutschland echtes Bio, aus nachweislich biologischer Landwirtschaft, 2022 ganze 7 Prozent.“
Um 15 Uhr spreche ich mit dem Autor Wolf Lotter über sein neues Opus „Echt“.

