
Die Macht der Medien beginnt bei der Auswahl
Wer über Medienmacht spricht, landet fast reflexhaft bei Plattformen, Algorithmen und Desinformation. Der entscheidende Vorgang liegt oft früher: bei der Auswahl. Was wird zur Schlagzeile, was zur Randnotiz, was zum Aufmacher, was zur Eilmeldung, was zur Talkshow-Frage? In dieser ersten Sortierung entsteht politische Wirkung. Walter Lippmann hatte das früh erkannt, als er die Zeitung als Ergebnis einer langen Kette von Selektionen beschrieb. Im digitalen Zeitalter gilt das erst recht. Nur sind es heute nicht mehr allein Redaktionen, die auswählen, verdichten und zuspitzen. Auch Plattformen, Influencer, Videoformate, Suchmaschinen und politische Akteure greifen in diese Ordnung ein.
Das ändert nichts an der Verantwortung der professionellen Medien. Je zersplitterter die Öffentlichkeit wird, desto größer wird das Gewicht jener Instanzen, die noch immer Reichweite, Relevanz und Deutungsmuster bündeln.
Trump lieferte das Lehrstück für eine Medienlogik, die sich selbst antreibt
Donald Trump hat dieses Prinzip vorgeführt wie kaum eine andere Figur westlicher Demokratien. In den republikanischen Vorwahlen 2016 gab seine Kampagne bis März gerade einmal rund zehn Millionen Dollar für bezahlte Fernsehwerbung aus. Der von mediaQuant geschätzte Gegenwert seiner unbezahlten redaktionellen Präsenz lag dagegen bei knapp 1,9 Milliarden Dollar – also beim ungefähr 190-Fachen der bezahlten TV-Werbung. PolitiFact bewertete die entsprechende Aussage John Kasichs als „Mostly True“ und verwies zugleich auf die methodischen Grenzen solcher Werbewert-Rechnungen.
Als Symbol bleibt die Zahl stark: Trump verstand die Reizökonomie besser als viele Redaktionen, die sich für Beobachter hielten und praktisch zum Resonanzkörper wurden. Neuigkeit, Konflikt, Regelbruch und Spektakel schlugen Programm, Kompetenz und Plausibilität.
Das Stöckchen liegt bereit – und alle springen
Dieses Muster ist heute leider noch wirksamer als 2016. Der Mechanismus hat sich auf mehrere Ebenen verteilt. Ein provozierender Post wird von Aktivisten und Gegnern geteilt, von Plattformen hochgespült, von Nachrichtenseiten aufgegriffen, in Talkshows nachverhandelt und am nächsten Morgen in Kommentaren moralisch eingerahmt. Der Empörungszyklus läuft nicht trotz der Medien. Er läuft durch die Medien.
Genau hier beginnt das Problem, das seit Jahren unterschätzt wird. Demokratische Öffentlichkeiten reagieren oft nicht aus eigener Agenda. Sie reagieren auf gesetzte Reize. Autoritäre Akteure von rechts wie von links haben dieses Spiel perfektioniert. Sie brauchen kein durchdachtes Programm, wenn es ihnen gelingt, mit einem Satz, einem Bild, einer Grenzüberschreitung oder einer kalkulierten Entgleisung die Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. Der Rest folgt fast automatisch: Empörung, Gegenempörung, Einordnung, Debatte, Verstärkung.
So springt man über jedes Stöckchen, das hingehalten wird. Medien halten sich dann für kritisch, arbeiten praktisch aber im Takt der Provokation. Die demokratische Öffentlichkeit verteidigt sich vermeintlich gegen den Angriff und verbreitet dabei dessen Dramaturgie.
Die neue Öffentlichkeit ist zersplittert – die alte Verantwortung bleibt
Die Medienlandschaft hat sich grundlegend verändert. Die alten Gatekeeper sitzen nicht mehr allein an der Tür. Die Öffentlichkeit ist segmentiert, beschleunigt, emotionalisiert. Eigene Gegenöffentlichkeiten lassen sich mit geringem Aufwand erzeugen. Was früher mühsam über Zeitungen, Rundfunkanstalten und Verlage kanalisiert wurde, zirkuliert heute parallel in Podcasts, Streams, Messenger-Ketten, Clips und Posts.
Diese neue Lage hat eine politische Nebenwirkung, die lange unterschätzt wurde: Die offene Gesellschaft stellt auch die Werkzeuge bereit, mit denen ihre Feinde ihre Wirkung entfalten können. Niedrige Eintrittsschwellen, hohe Anschlussfähigkeit, maximale Geschwindigkeit – all das schafft Freiräume für Pluralität, öffnet zugleich aber das Feld für organisierte Aggression, ideologische Mobilisierung und strategische Verwirrung.
Darum greift es zu kurz, nur nach mehr Regulierung zu rufen. Regulierung ist nötig. Sie heilt jedoch nicht den redaktionellen Reflex, jede Provokation zur Hauptsache zu machen.
Das doppelte Meinungsklima entlarvt die Schieflage
Besonders deutlich wird die Verzerrung beim Blick auf die wirtschaftliche Stimmung. Die Langzeitgrafiken der Forschungsgruppe Wahlen im Politbarometer sind in ihrer Aussage fast schon vernichtend für den Krisenbetrieb vieler Medien.
Oben die Bewertung der eigenen Wirtschaftslage, unten die Einschätzung, wohin sich die Wirtschaft insgesamt entwickelt. Das Bild ist eindeutig: Eine große Mehrheit beurteilt die eigene Lage weiterhin als gut oder zumindest akzeptabel. Zugleich kippt die Einschätzung der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung stark ins Negative.
Die obere Grafik zur eigenen Wirtschaftslage zeigt seit Jahren eine stabile Grundstruktur. Die grüne Linie für „gut“ liegt deutlich über den negativen Bewertungen. Die rote Linie für „schlecht“ bleibt niedrig. Die Menschen erleben ihre konkrete wirtschaftliche Lage also mehrheitlich nicht als persönlichen Absturz. Die untere Grafik zur allgemeinen Wirtschaftsentwicklung erzählt ein anderes Bild: Der Anteil jener, die eine Abwärtsbewegung sehen, schießt immer wieder nach oben und dominiert zuletzt deutlich die Wahrnehmung.
Diese Kluft ist kein Randphänomen. Sie ist Ausdruck eines strukturellen Problems, das Edgar Piel, früher Sprecher des Instituts für Demoskopie Allensbach, seit Jahren beschreibt. Die mediale Verzerrung der Wirklichkeit lasse sich in vielen Bereichen des Alltags beobachten. Die eigene Situation werde mehrheitlich gut beurteilt, doch viele hielten diesen Eindruck für eine Ausnahme, weil sie das Allgemeine vor allem aus den Medien kennen – und glauben. Genau darin liegt das doppelte Meinungsklima.
Nahsicht ist erfahrungsnah, Fernsicht ist medienvermittelt
Die Nahsicht fällt oft robuster aus. Menschen kennen ihr Einkommen, ihre Auftragslage, ihren Arbeitsplatz, ihren Alltag, ihre unmittelbaren Lebensumstände. Die Fernsicht entsteht weit weniger aus eigener Anschauung. Sie wird vermittelt. Wer die allgemeine Wirtschaftslage beurteilt, orientiert sich stark an Schlagzeilen, Krisenframes und medial gesetzten Großthemen. Und dort dominieren seit Jahren Inflationsangst, Krieg, Terror, geopolitische Spannungen, Rezessionsszenarien, Standortpanik und Kontrollverlust.
Damit ist nicht gesagt, die Probleme seien eingebildet. Deutschland steckt tatsächlich in einer Phase ökonomischer Unsicherheit. Energiepreise, Investitionsschwäche, Bürokratie, geopolitische Risiken, Fachkräftemangel und demografischer Druck sind reale Belastungen. Doch zwischen Analyse und Alarmismus verläuft eine Grenze. Wenn ein Mediensystem fast nur noch im Krisenmodus sendet, entsteht ein verzerrtes Gesamtbild. Wer den ganzen Tag Rezessionswarnungen, Konfliktkulissen und Abstiegsmetaphern serviert bekommt, wird das Allgemeine dunkler sehen als das Eigene. Nicht weil die Menschen irrational wären. Sie reagieren auf das, was ihnen als gesellschaftliche Wirklichkeit präsentiert wird.
Schwer überprüfbare Sachverhalte werden so zum Schlachtfeld der Meinungskämpfe. Je abstrakter das Thema, desto leichter lässt es sich über Frames, Bilder und semantische Übermacht bewirtschaften.
Journalisten müssten das doppelte Meinungsklima im ersten Semester lernen
Dieses Phänomen müsste eigentlich zur Grundausbildung des Journalismus gehören. Wer Stimmungen abbilden will, muss wissen, wie stark Stimmungen bereits von medialen Mustern geprägt sind. Genau hier liegt das Unbehagen. Denn das Wissen um das doppelte Meinungsklima stört die tägliche Dramatisierung. Es erschwert jene Routinen, in denen aus Einzelfällen Trends und aus Trends Untergangserzählungen werden.
Die Medien beobachten das Klima nicht nur, sie erzeugen es mit. Sie sind nicht bloß Thermometer, sie wirken als Heizkörper. Wer eine Woche lang jeden Konflikt maximal zuspitzt, jede Unsicherheit als Vorstufe der Katastrophe behandelt und jeden statistischen Rückgang in einen Epochenbruch verwandelt, darf sich am Ende nicht wundern, wenn das allgemeine Lagebild abstürzt.
Konstruktiver Journalismus wäre Pflichtübung, kein Wellness-Programm
Darum ist der Ruf nach konstruktiverem Journalismus keine Einladung zur Beschönigung. Gemeint ist keine PR, keine Beruhigungspädagogik, kein Weglächeln von Problemen. Gemeint ist ein Journalismus, der vollständiger arbeitet. Einer, der nicht nur fragt, was schiefläuft, auch was tragfähig bleibt, welche Gegenkräfte wirken, welche Lösungen erprobt werden, welche Daten eine These wirklich tragen und wo der Unterschied zwischen Krise und Krisengerede liegt.
Gerade in einer Öffentlichkeit, die im Social Web ohnehin unter semantischem Dreck leidet, wäre mehr Präzision ein Gewinn. Wer auf Plattformen von Hatespeech, Klickjagd und Erregung umgeben ist, braucht im professionellen Journalismus keine Verdopplung dieser Logik. Er braucht Distanz, Einordnung, Gewichtung.
Regulierung allein wird diese Schieflage nicht beheben
Mehr Regulierung für Plattformen ist sinnvoll. Transparenzpflichten, Regeln für politische Werbung, mehr Nachvollziehbarkeit bei Moderationsentscheidungen – all das kann helfen. Nur greift die Diagnose zu kurz, wenn man die Vergiftung des Diskurses allein als Plattformproblem behandelt. Die klassischen Medien dürfen sich nicht aus der Affäre ziehen. Auch sie müssen sich fragen, wie oft sie Krisengerede verstärken, wie oft sie sich von extremen Akteuren treiben lassen und wie oft sie durch permanente Zuspitzung das Meinungsklima verdunkeln. Der Punkt lautet daher nicht nur: Hater blockieren, Trolle ignorieren, Plattformen wechseln. Der Punkt lautet auch: Redaktionen müssen ihre eigenen Verstärkungsmechanismen überprüfen.
Nicht jede Provokation verdient Nachrichtenwert
Was folgt daraus? Vor allem dies: Nicht jede kalkulierte Entgleisung verdient die Würde einer Nachricht. Nicht jede Provokation muss zur politischen Hauptsache werden. Nicht jede Grenzüberschreitung verlangt nach einem Brennpunkt. Medien müssen wieder lernen, zwischen Relevanz und Reiz zu unterscheiden.
Ein professionelles Kriterium wäre schon viel gewonnen: Dient die Berichterstattung der Aufklärung – oder dient sie nur der Fortsetzung des Spektakels? Liefert ein Vorgang neue Einsichten, echte Folgen, materielle Auswirkungen? Oder lediglich einen neuen Trigger für den nächsten Empörungszyklus? Die liberale Öffentlichkeit verteidigt sich nicht, indem sie jeder Provokation maximale Reichweite verschafft. Sie verteidigt sich, indem sie urteilsfähig bleibt.
Mehr positive Stimmung wagen heißt: genauer hinschauen
Mehr positive Stimmung wagen – das klingt in deutschen Debatten schnell nach Verharmlosung. In Wahrheit meint es etwas Nüchterneres: die Wirklichkeit nicht systematisch dunkler zu zeichnen, als sie ist. Die Diskrepanz zwischen Nahsicht und Fernsicht ernst zu nehmen. Den Menschen nicht fortwährend einzureden, sie lebten in einer allgemeinen Verwüstung, obwohl ihre konkrete Lebenslage oft weit stabiler ausfällt.
Wer autoritären Akteuren nicht auf den Leim gehen will, muss ihre Reizökonomie unterbrechen. Das beginnt bei der Nachrichtenselektion. Und es endet bei einem Journalismus, der nicht dem nächsten Crash hinterherläuft, nur weil sich Untergang besser klickt als Differenzierung.
Wenn das Social Web schon genug semantischen Dreck produziert, muss man ihn nicht auch noch durch die Hauptkanäle des professionellen Journalismus schleusen. Genau darin läge heute ein medienpolitischer Fortschritt: weniger Alarmroutine, mehr Urteilskraft, weniger Stöckchenspringen, mehr Wirklichkeitssinn.
Ich sehe nicht ganz so schwarz wie Stefan Pfeiffer.
Siehe auch:
In der Krise demokratischer Institutionen Kommunikation neu denken
