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Neoliberalismus ist keine Blaupause für Rednecks – Eine Replik zum Beitrag von Klaus M. Janowitz

Lieber Klaus,

es ist immer ein intellektuelles Vergnügen, Deine Analysen zu lesen – auch (und gerade), wenn man ihnen widersprechen muss. Dein Beitrag über die strategische Rolle von Murray Rothbard und seine Wirkung auf rechtspopulistische Bewegungen ist kenntnisreich, durchdacht und streckenweise erschreckend aktuell. Doch gerade wegen dieser Stärke überrascht es umso mehr, wie sehr Du den Begriff Neoliberalismus überdehnst – oder besser: missverstehst.

In Deinem Text entsteht der Eindruck, als ließe sich Rothbards Spätwerk genealogisch mit den neoliberalen Reformüberlegungen der 1930er-Jahre verbinden – als wäre der Begriff „Neoliberalismus“ von Anfang an eine antidemokratische, antisoziale Strategie gewesen, deren logische Konsequenz Trump und Milei heißen. Das ist, bei allem Respekt, eine historiografische Kurzschlusshandlung. Eine, die den Begriff „Neoliberalismus“ zum politischen Totem umfunktioniert, das mehr verdeckt als erklärt.

Dass Du dabei auf Rothbards Rhetorik und Bannons Leninismen eingehst, ist nachvollziehbar. Doch es entsteht der Eindruck, als habe die neoliberale Bewegung ihren Ursprung nicht im Widerstand gegen Totalitarismus, sondern in den Südstaatenbars von Middle America. Und da setzt meine Einwendung an.

Der Urknall des Neoliberalismus war kein Redneck-Seminar

Das Walter-Lippmann-Kolloquium von 1938 war keine Versammlung libertärer Anarchokapitalisten. Es war eine intellektuelle Notwehrmaßnahme gegen den Totalitarismus – gegen Stalin wie gegen Hitler. Hayek, Röpke, Rüstow, Mises, Lippmann: Das waren keine anti-demokratischen Strategen der Massenmobilisierung, sondern Intellektuelle im Exil, Philosophen der Rechtsordnung, Ökonomen der Ordnungspolitik. Sie suchten nicht die populistische Zuspitzung, sondern den rationalen Neuaufbau liberaler Prinzipien in einer von Planwirtschaft und Diktatur dominierten Welt.

Wie man angesichts dieser historischen Tiefenschärfe Rothbards spätes, auf kalkulierte Demagogie ausgelegtes Redneck-Pamphlet von 1992 in einen genealogischen Zusammenhang zum „Neoliberalismus“ des Jahres 1938 stellen kann, bleibt das Geheimnis einer soziologischen Chuzpe, die ideologische Schimären jagt, anstatt sich die Mühe historischer Differenzierung zu machen.

Rothbard ist kein „Neoliberaler“ – er ist sein Zerrbild

Rothbard ist, was Lippmann und Rougier verabscheuten: ein Ideologe der Entstaatlichung um jeden Preis. Seine Bewunderung für Lenin, sein Hass auf jede Form institutioneller Ordnung, seine Kaderphantasien – das alles ist nicht Ausdruck des „Neoliberalismus“, sondern dessen nihilistischer Mutation. Rothbard war kein Reformliberaler, sondern ein anarchokapitalistischer Radikaler, dessen „libertäres“ Projekt nicht auf eine Erneuerung, sondern auf die Sprengung jeglicher rechtsstaatlicher Fundamente hinauslief.

Er war in seiner Methodik leninistisch, in seiner Zielsetzung feudalistisch, in seiner Menschenauffassung sozialdarwinistisch. Dass er mit dem Begriff Neoliberalismus überhaupt in Verbindung gebracht wird, ist entweder ein Fehler der Analyse – oder ein Symptom jener strategischen Vermengung, die selbst dem rechten Populismus zur Methode gereicht: alles nivellieren, alles vermengen, bis Begriffe ihre Form verlieren.

Neoliberalismus: Die Urszene war eine Differenzleistung

Die Protagonisten des Lippmann-Kolloquiums standen eben nicht für das „Laissez-faire“ der Manchester-Schule. Sie brachen mit diesem. Sie suchten nach einem konstruktiven Liberalismus, der die sozialen Zumutungen der Marktwirtschaft auffängt, ohne in Etatismus zu kippen. Walter Lippmann forderte progressive Einkommensteuern, massive öffentliche Investitionen, Erbschaftssteuern – keine anarchokapitalistischen Enklaven. Und Ludwig von Mises, selbst als Vertreter der restriktivsten Richtung, war bei aller Staatskritik kein Verächter von Rechtsordnung und bürgerlicher Zivilisation.

In diesem Kontext von Intellekt, Moral und Reformvorschlag ist Rothbards Denken eine politische Groteske. Seine angebliche „strategische Stringenz“ ist nichts weiter als die Taktik des Rattenfängers: Radikale Rhetorik, vermummt in theoretische Fußnoten. Kein Wunder, dass Steve Bannon sich hier bedient. Es passt ins postfaktische Zeitalter. Doch es passt nicht in das Koordinatensystem des Neoliberalismus, wie es 1938 aufgestellt wurde.

Schluss mit dem Papst-und-Dolly-Buster-Vergleich – und dann: mehr Kritik!

Lieber Klaus, ich schätze Deine Lust an der Zuspitzung. Aber gerade deshalb wäre es hilfreich, die Trennschärfe zwischen Neoliberalismus, Libertarismus, Anarchokapitalismus und Rechtspopulismus nicht zu vernachlässigen – zumal, wenn sie historisch und begrifflich so deutlich ist. Rothbard war nie Teil des neoliberalen Gründungsmilieus, so wie Lippmann kein Vordenker des Kulturkampfs war. Wer hier genealogisch argumentiert, betreibt keine kritische Gesellschaftsanalyse – sondern Mythologie.

Was bleibt? Eine Einladung. Lass uns weiter darüber streiten. Aber bitte mit sauberen Begriffen, hellwachen historischen Koordinaten und der Bereitschaft, nicht jeden Gegner der Planwirtschaft gleich als Steigbügelhalter von Bannon und Co. zu brandmarken.

In diesem Sinne: auf bald – beim nächsten Glas Wein und mit genügend Papier auf dem Tisch.

Herzlich
Gunnar

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