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Nach der Abrissbirne: Was Ulf Poschardt beim based Podcast meets taz lab sichtbar machte @ulfposh @based_medien @JafJan @taz_lab

Die Versuchsanordnung: Poschardt bei der taz

Was passiert, wenn man Ulf Poschardt, „Welt“-Herausgeber und Autor von Shitbürgertum, bei der taz vor ein linkes Publikum setzt? Einen Mann also, der öffentlich erklärt hat, er glaube nicht mehr ans Brückenbauen, sondern sei dabei, Brücken abzureißen – ausgerechnet an einem Ort, der wie kaum ein anderer vom Mythos des linken Gesprächs, der Gegenöffentlichkeit und des publizistischen Widerspruchs lebt?

Genau diese Versuchsanordnung haben Dominik Steffens, Benjamin Scherp und Jan Feddersen beim based Podcast meets taz lab hergestellt: nicht als Tribunal, nicht als Talkshow-Schlacht, sondern als Experiment. Kann man mit jemandem reden, der erklärtermaßen vier Fünftel dessen kaputt machen will, was in diesen Milieus verhandelt wird? Und wichtiger noch: Was erfährt man, wenn man es tatsächlich tut? Die erste Antwort lautet: Man kann. Die zweite ist komplizierter. Denn die eigentliche Frage beginnt erst nach dem Gespräch.

Jan Feddersen und die Kunst des produktiven Widerspruchs

Jan Feddersen war in dieser Runde mehr als Moderator oder taz-Zeremonienmeister. Er stand für eine alte linke Tugend, die heute fast altmodisch wirkt: Man muss nicht einer Meinung sein, um sich für die Gedanken des anderen zu interessieren. Feddersen formulierte das nicht defensiv, sondern mit der Gelassenheit eines Redakteurs, der schon genug Lagerkämpfe gesehen hat, um sich vor Reibung nicht zu fürchten.

Er sagte sinngemäß: Ich teile fast nichts von dem, was Poschardt sagt, aber ich lese ihn trotzdem. Nicht aus Masochismus, sondern weil der kluge Widerspruch produktiver ist als das nächste Selbstgespräch. Genau darin lag der republikanische Kern der Veranstaltung.

Poschardts Diagnose: Die Brücken tragen nicht mehr

Poschardt lieferte, was man von ihm erwartet – und gerade deshalb auch nicht. Er kam nicht als Versöhner, sondern als Abrissunternehmer. Er sprach von dysfunktionalen Brücken, von falschen Verbindungen, von Milieus, die sich nur noch gegenseitig bestätigen. Die taz sei großartig, wenn sie Unerwartetes tue; schwer auszuhalten werde sie dort, wo sie nur noch die Blasenlogik einer ökologisch-moralischen Regierungsvernunft verkörpere. Das ist grob, unfair, zugespitzt – und nicht einfach falsch.

Der treffendste Punkt seiner Intervention liegt dort, wo er der Linken ihre fehlende Selbstkritik vorhält. Eine Linke, die Macht, Klasse, Habitus und Privilegien überall analysiert, nur nicht bei sich selbst, verliert ihre beste Tradition. Sie wird moralisch, wo sie materialistisch sein müsste. Sie wird pädagogisch, wo sie politisch sein müsste. Sie erkennt die Pose der Bürgerlichkeit bei anderen, aber nicht die eigene Heroisierung einer bourgeoisen Moralelite.

An dieser Stelle trifft Poschardts Polemik einen wunden Punkt. Nicht, weil sie immer gerecht wäre. Sondern weil sie an etwas rührt, das viele spüren: Der linksliberale Betrieb hat sich an vielen Stellen eine Sprache der Selbstbestätigung gebaut, in der Widerspruch zwar beschworen, aber selten wirklich ausgehalten wird.

Schrebergärten als politische Metapher

Das gilt auch für Poschardts Kritik am Schrebergarten-Spießertum – und das sage ich als Schrebergartenkind. Man braucht nur entlang der Bahnstrecke zwischen Bonn Hauptbahnhof und Bad Godesberg zu schauen: Plastikplanen, Wellblech, Zaunreste, private Parzellen, improvisierte Zweckarchitektur. Abgrenzung statt Stadtpark. Kunststofffolie statt Waldduft. Kleinnutzen statt öffentlicher Schönheit.

Das Problem ist nicht der Garten. Das Problem ist die Verwandlung von Stadtraum in abgezäunte Privatbehaglichkeit. Der Schrebergarten wird dann zur politischen Metapher: Jeder verteidigt seine kleine Ordnung, niemand denkt mehr die gemeinsame Form.

Poschardt überzeugt an solchen Stellen, weil seine Kritik ästhetisch und politisch zugleich funktioniert. Er greift nicht nur ein Argument an, sondern eine Lebensform. Er attackiert das Kleine, Enge, Verwaltete, Reglementierte – und trifft damit linke, konservative und liberale Spießigkeit gleichermaßen.

Die entscheidende Frage: Was kommt nach dem Kaputtmachen?

Aber genau hier beginnt die Schwäche von Poschardts Denken. Denn eine gute Polemik ersetzt noch keine politische Architektur. Was passiert nach dem Kaputtmachen? Was kommt nach Crash, Disruption und Abrissbirne?

Über das Spießertum von links und rechts und die Komplettverblödung des politischen Diskurses kann man sich lange und erregt unterhalten. Vieles davon ist richtig. Vieles ist sogar notwendig. Aber irgendwann muss die Frage folgen: Was ergibt sich daraus institutionell, sozial, ökonomisch, rechtlich?

Welche Maßnahmen stehen nach dem Abriss? Welche Ordnung soll an die Stelle der verachteten Routinen treten? Welche Institutionen müssen gestärkt, welche reformiert, welche tatsächlich abgeschafft werden? Und wie verhindert man, dass die Lust an der Zerstörung am Ende nur denjenigen nutzt, die gar keine bessere Republik wollen?

Schumpeter ist keine Abrissgenehmigung

Der ständige Verweis auf Joseph Schumpeter hilft hier nur begrenzt. Schumpeter ist nicht Rio Reiser mit wirtschaftstheoretischem Fußnotenapparat. „Schöpferische Zerstörung“ meint bei ihm gerade nicht Zerstörung um ihrer selbst willen. Sie beschreibt eine Dynamik, in der alte Produktionsweisen, Unternehmen, Institutionen und Marktordnungen verdrängt werden, weil neue Verfahren, neue Technologien und neue Organisationsformen überlegen sind.

Disruption ist bei Schumpeter kein Gefühl, sondern ein Prozess. Sie hat Akteure, Anreize, Institutionen und Folgekosten. Sie bringt nicht automatisch Freiheit hervor. Sie kann auch Konzentration, Monopol, Oligarchie und politische Entleerung produzieren.

Gerade deshalb reicht es nicht, die alte Ordnung verächtlich zu machen. Man muss sagen, welche neue Ordnung an ihre Stelle treten soll.

Der ordnungspolitische Einwand

Hier liegt der ordnungspolitische Einwand gegen Poschardt. Wenn man Schumpeter ernst nimmt, muss man auch Ludwig Erhard ernst nehmen. Der Kapitalismus zerstört, ja. Aber die soziale Marktwirtschaft war der Versuch, diese Dynamik in Regeln zu fassen: Wettbewerbsrecht, Kartellkontrolle, offene Märkte, Eigentum, Haftung, Aufstiegschancen, Begrenzung ökonomischer Macht.

Erhard reagierte nicht mit Kulturkampf auf die zerstörerische Dynamik des Kapitalismus, sondern mit Ordnungspolitik. Nicht: Lasst alles krachen. Sondern: Schafft eine Ordnung, in der Innovation nicht zur Herrschaft der Stärksten verkommt.

Genau diese Ebene bleibt bei Poschardt oft unterbelichtet. Er erkennt die Erstarrung, die Floskeln, die moralische Selbstversicherung, die staatstragende Sprache einer Klasse, die sich progressiv nennt und doch häufig nur ihre eigene Stellung verwaltet. Aber er wird ungenauer, sobald aus Diagnose Regierungskunst werden müsste.

Schloss Bellevue als Pointe, nicht als Programm

Seine Idee, Schloss Bellevue in eine Problemschule umzuwandeln, ist eine gelungene Volte. Sie ist witzig, symbolisch, sogar auf eine Weise richtig. Bildung wäre tatsächlich der bessere republikanische Ernstfall als die nächste salbungsvolle Bundespräsidentenrede. Ein Land, das über seine Zukunft reden will, müsste zuerst über seine Schulen reden: über Aufstieg, Disziplin, Sprache, Leistungsversprechen, Verwahrlosung, Migration, Bildungsbürgerlügen und die soziale Sortiermaschine des deutschen Schulsystems.

Aber als politisches Programm bleibt die Bellevue-Pointe zu wenig. Sie ist Kabarett mit Verfassungsrandnotiz. Sie zeigt, wohin Poschardt will: runter vom hohen Ross, raus aus der staatstragenden Rhetorik, rein in die materiellen Probleme. Doch sie beantwortet nicht, wie man diese Probleme politisch löst.

Was die Runde leistete

Gerade deshalb war diese Runde gelungen. Dominik Steffens und Benjamin Scherp stellten nicht die bequemste, sondern die entscheidende Frage: Was ist dein Angebot? Nicht: Darf Poschardt das sagen? Nicht: Ist das zu hart? Sondern: Was folgt daraus?

Jan Feddersen wiederum zeigte, dass Gespräch nicht Konsens bedeutet. Man kann Poschardt widersprechen, ohne ihn auszuladen. Man kann seine Kritik ernst nehmen, ohne seinen Gestus zu übernehmen. Und man kann anerkennen, dass manches an seiner Analyse stimmt, ohne sich von seiner Abrisslust politisch hypnotisieren zu lassen.

Vielleicht war das der produktivste Moment dieses Abends: nicht die Provokation selbst, sondern ihre Begrenzung. Poschardt zwingt linke Milieus, sich zu fragen, ob sie noch lernen können. Das ist nötig. Aber er muss sich umgekehrt fragen lassen, ob seine Disruption mehr ist als die Lust, im erschöpften Betrieb die Scheiben einzuwerfen.

Die Linke muss sich selbst wieder zum Gegenstand machen

Für die Linke liegt in dieser Begegnung eine Zumutung, aber auch eine Chance. Sie muss nicht Poschardt folgen. Sie muss auch nicht seinen Ton übernehmen. Aber sie sollte die Frage ernst nehmen, warum ihre eigenen Institutionen, Codes und Milieus für so viele Menschen nicht mehr nach Befreiung klingen, sondern nach Verwaltung, Belehrung und Statussicherung.

Eine Linke, die sich selbst nicht mehr analysiert, hört auf, links zu sein. Sie wird Milieu. Sie wird Geschmack. Sie wird moralische Binnenkommunikation. Gerade deshalb braucht sie wieder mehr materialistische Kälte gegenüber sich selbst: Wer spricht? Aus welcher Position? Mit welchem kulturellen Kapital? Mit welchen Interessen? Und wer wird durch die eigene Sprache eigentlich ausgeschlossen?

Das wäre keine Übernahme von Poschardts Programm. Es wäre die Rückkehr zu einer Linken, die ihre eigenen Werkzeuge wieder auf sich selbst anwendet.

Nicht jede Brücke verdient Rettung

Am Ende braucht eine Republik nicht nur Leute, die falsche Brücken sprengen. Sie braucht Leute, die tragfähige bauen können. Nicht jede Brücke ist gut. Manche verbinden tatsächlich das Falsche. Manche stabilisieren Selbstbetrug. Manche führen zurück in alte Milieus, alte Phrasen, alte Sicherheiten.

Aber eine Politik, die nach dem Abriss nichts als Verachtung anbietet, baut keine Zukunft. Sie räumt nur die Bühne frei. Vielleicht lässt sich der Talk am Ende zwischen Jürgen Habermas und Friedrich Kittler begreifen. Von Habermas bleibt die Zumutung, dass Demokratie mehr sein muss als die Sortierung in Lager: der zwanglose Zwang des besseren Arguments, also die Bereitschaft, sich im Streit noch von Gründen treffen zu lassen.

Von Kittler bleibt der Verdacht, dass der Geist dort am bequemsten wird, wo er seine eigenen Apparate, Medien und Routinen nicht mehr erkennt. Genau da lag die Pointe dieser Runde: Poschardt zwingt linke Milieus, ihre eigenen Sprechmaschinen, Reflexe und moralischen Sicherheiten zu prüfen. Aber auch seine Abrisslust muss sich dem besseren Argument stellen. Denn wer nur kaputt macht, bleibt im Gestus stecken. Eine demokratische Öffentlichkeit braucht Streit, Störung und Dekonstruktion – aber am Ende auch Institutionen, Regeln und Räume, in denen aus Widerspruch mehr wird als Lärm.

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