
Na klar, Mannesmann, das europäische Apple. Logisch! Und das D2-Netz war quasi das erste iPhone, nur eben mit Antenne, monochromem Display und einem Tarifmodell, das sich nur mit einem promovierten Mathematiker durchblicken ließ. Klaus Esser, der Ex-Chef, malt uns heute ein Bild, das so schön leuchtet wie eine alte Neonreklame aus den 90ern. „Wir wären das europäische Apple geworden“, erklärt er nach einem Bericht des Manager Magazins, und irgendwo in Cupertino explodiert ein Lachanfall.
Mannesmann-D2 war nicht das europäische Apple, sondern eher das europäische Finanzamt: Behäbig, bürokratisch, feucht von Jubiläumssekt und wahnwitziger Selbstüberschätzung. Wer einmal eine PowerPoint-Präsentation vor dem Top-Management gehalten hat, weiß, was gemeint ist: Es war der digitale Feudalismus. Das Intranet diente nicht etwa dazu, Ideen zu teilen oder gar Innovationen zu fördern – Gott bewahre! – sondern war eine Art moderner Ablasshandel. Nur wer die richtigen Inhalte mit den richtigen Absegnungen durch die Kommunikationsabteilung übermittelte, durfte am Informationsfluss teilnehmen.
Und dann kam da so eine kleine Rebellion namens Backweb. Die wahren Digitalen, die in den Kellern von o.tel.o saßen, nicht oben in den luftleeren Chefetagen, die hatten eine ganz andere Idee von Vernetzung. Agenten-Technologie, Personalisierung von Nachrichtenströmen, Echtzeit-Informationen, alles, was ein modernes Unternehmen gebraucht hätte. Doch für die altgedienten Herren im Vorstand klang das wie Anarchie. Die Belegschaft sollte informiert werden? Von selbst? Ohne die heilige Kommunikationsabteilung? Das konnte man nicht zulassen.
Die Realität war also: Unten in den Technik- und Entwicklungsabteilungen tobte die Zukunft, während oben in den Teppichetagen die Zukunft in der Stärke des Papiers gemessen wurde, auf dem die unternehmenseigene Mitarbeiterzeitschrift gedruckt wurde. Als o.tel.o dann in den großen Magen von Mannesmann-Arcor verschwand, durfte man sich immerhin darauf freuen, dass Innovation nun aus der Chefetage kommen würde. Denkste. Die Visionäre hielten sich mit der Herausgabe von Pressemitteilungen für bahnbrechende Fortschritte in der Faxkommunikation auf.
Und dann Vodafone. Die Briten mit dem dicken Scheckbuch und dem Hunger nach globaler Expansion. Das Duell war keine Schlacht um die Zukunft des Mobilfunks, es war eine Auktion. Die Frage war nicht, ob Deutschland einen Mobilfunk-Champion braucht, sondern wie viel er kostet. Und als die Hämmer fielen, fielen sie laut. Esser bekam sein 15-Millionen-Trostpflaster, Ackermann grinste mit seinem Victory-Zeichen, und Mannesmann? Geschichte. Nicht Apple. Nicht einmal Nokia.
Heute, Jahrzehnte später, können wir mit einem nostalgischen Seufzer zur Kenntnis nehmen, dass die digitale Revolution damals von jenen ausgebremst wurde, die sie eigentlich hätten antreiben sollen. Hätte, wäre, könnte. Schöne Rückspiegel-Rhetorik. Aber Innovation lebt nicht in gedruckten Firmenblättchen. Und wenn Mannesmann wirklich Apple gewesen wäre, dann wohl nur in der Version, in der Steve Jobs nie zurückgekehrt ist und das Unternehmen sich stattdessen auf die Produktion von edlen Telefonbüchern spezialisiert hätte.

