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Komplexität, Chaos und KI: Warum der Mittelstand eine neue Politik braucht @BMWE

Es war kein Technologiekongress im Glasturm, keine Start-up-Bühne mit polierter Rhetorik – es war das Future Forum Bonn. Dort, wo Mittelständler, Handwerkerinnen und Praktiker zusammentrafen, wurde nicht über abstrakte Visionen diskutiert, sondern existenzielle Fragen gestellt: Zukunft, Stillstand oder Untergang?

Mittendrin: Christoph Krause. Kein Prophet der digitalen Transformation, sondern ein Mann der Tat. Was er schilderte, war kein Alarmismus, sondern eine sachlich begründete Systemkritik: Über 80 Prozent der mittelständischen Betriebe seien digital nicht ausreichend aufgestellt. Schnittstellen fehlen. Prozesse sind fragmentiert. Systeme veraltet. Und dennoch: „Alle wollen jetzt KI“, sagt Krause. Eine paradoxe Bewegung. Denn was helfen neuronale Netzwerke, wenn es im Betrieb noch nicht einmal eine durchgängige Datenstruktur gibt?

Vom Hackathon zum Rückschritt – wenn der Kontext fehlt

Krause organisiert Workshops und Hackathons, die Maßstäbe setzen – etwa im Kloster Benediktbeuern, wo Handwerkerinnen auf Prompt Engineers und KI-Tüftler treffen. Was dort entsteht, klingt wie Science-Fiction im Blaumann: Eine gehackte Meta-Brille, die per WhatsApp-Videoanruf Baustellenbegehungen dokumentiert und automatisch Protokolle erstellt. Ein Installateurmeister, der seine gesundheitlich bedingte Abwesenheit über Augmented Reality kompensiert.

Doch Krause bleibt nüchtern: „Nach dem Hackathon kommt der Betriebsalltag – und der ist oft nicht vorbereitet.“ Was fehlt, ist nicht Innovation, sondern Struktur. Der Wille ist da, aber das Fundament bröckelt. KI wird zur Lupe, unter der sichtbar wird, wie viel in den Betrieben unverbunden nebeneinandersteht. Wer keine Daten fließen lassen kann, wird vom Tempo der Entwicklungen überrollt.

Zahlen, die nicht lügen – aber auch nicht helfen, wenn sie folgenlos bleiben

Claus-Bernhard Pakleppa brachte es in seinem Eröffnungsimpuls auf den Punkt. Nur zwölf Prozent der mittelständischen Unternehmen gelten als digital führend. Ein Drittel der Familienbetriebe hat keinen Nachfolgeplan. Über fünfzig Prozent haben sich noch gar nicht mit KI beschäftigt. Und: Jedes zehnte Unternehmen musste Innovationsprojekte wegen Personalmangel aufgeben.

Das sind keine Detailzahlen – das sind makroökonomische Alarmsignale. Wenn diese Dynamik nicht gestoppt wird, gerät der Mittelstand – eigentlich das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – ins Schleudern. Pakleppa warnt: „Der Mittelstand kann Wandel – wenn er nicht allein bleibt.“

Digitalisierung als Haltung: Was wir von Olivia Schmitz lernen können

Wie Digitalisierung mehr sein kann als Technik, zeigt das Beispiel von Olivia Schmitz, Geschäftsführerin der WSR Services GmbH. Ihr Unternehmen reinigt nicht nur Gebäude – es organisiert eine digital unterstützte Dienstleistungskette, in der Wertschätzung der Schlüssel ist. Jede Leistung wird in einer App dokumentiert. Die Abnahme erfolgt digital. Die Rechnung kann unmittelbar erstellt werden. Und: Der Cobot hat eine Personalnummer.

„Fachkräftemangel sehe ich vor allem dort, wo Wertschätzung fehlt“, sagt Schmitz. Ihre Vision: Räume schaffen, in denen sich Menschen wohlfühlen – damit sie lernen, arbeiten, genesen können. Reinigung als Voraussetzung für gesellschaftliches Leben, nicht als Restkategorie. Digitalisierung ist in diesem Fall keine Technik, sondern Haltung.

Katherina Reiche: Jetzt muss KI zur Chefsache werden

Die neue Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche kommt aus der Energiewirtschaft. Gut – aber das allein reicht nicht mehr. Christoph Krause bringt es auf den Punkt: „Ich hatte in Köln 43 Lehrlinge in einem Hackathon-Format – von denen wussten nur drei überhaupt, was ChatGPT ist. Die anderen 40 hatten davon noch nie gehört.“ Das ist kein individuelles Versäumnis – das ist ein bildungspolitischer Offenbarungseid. Und es zeigt: Wer glaubt, dass der Mittelstand oder das Handwerk bereits im KI-Zeitalter angekommen sind, lebt in einer digitalen Parallelwelt.

Krauses Appell ist ebenso klar wie unbequem: „Wir müssen uns engagieren – nicht irgendwann, sondern jetzt. Es gibt keinen, der das zentral übernimmt. Weder eine Behörde, noch eine Kammer, noch ein Träger. Es ist unser aller Aufgabe.“ Der Mittelstand wird nicht abgeholt, er muss eingeladen werden. Mit Lernräumen, mit Schulklassen in Betrieben, mit konkreter Begleitung. Nur dann kann KI mehr sein als ein weiteres Schlagwort im Förderkatalog.

Reiche muss diesen Ball aufnehmen – und KI zum zentralen Thema ihrer Mittelstandspolitik machen. Nicht als abstraktes Innovationslabel, sondern als infrastrukturelle Verpflichtung. Damit die kleinen Unternehmen das tun können, was große Konzerne längst begonnen haben: selbstbestimmt die Werkzeuge der Zukunft nutzen.

Der radikale Bäcker: Warum Max Kugel nicht skaliert – und gewinnt

Max Kugel hat eine Bäckerei in der Bonner Südstadt. Keine Kette, keine Filialen, keine Sortimentsflut. Nur Brot. Und zwar eines, das mit solchem Selbstbewusstsein gebacken wird, dass es fast trotzig wirkt. Kugel verzichtet bewusst auf alles, was nach klassischer Betriebswirtschaft riecht: kein Convenience, kein Preiswettbewerb, keine Verfügbarkeitsillusion. Er hat sich gegen Skalierung entschieden – nicht aus Angst, sondern aus Einsicht.

Denn was große Organisationen brauchen, um zu wachsen – Prozesse, Standards, Taktung – ist für ihn irrelevant. Seine Wertschöpfung liegt im Wissen seiner Hände, im täglichen Rhythmus, im Dialog mit den Kunden. Er braucht keine App, um seine Kundschaft zu verstehen. Er steht morgens selbst in der Backstube.

Kugel verkörpert ein Unternehmertum, das im digitalen Zeitalter überraschend aktuell ist: hochspezialisiert, eigenständig, nicht digitalisiert um der Digitalisierung willen, sondern fokussiert auf das, was Technologie nicht kann – Geruch, Gefühl, Geschmack. Und gerade darin liegt seine Modernität: Er zeigt, dass Reduktion eine Form von Intelligenz ist. Und dass Fokus der eigentliche Luxus unternehmerischen Denkens ist.

Jetzt handeln – bevor andere die Regeln schreiben

KI ist nicht das Ende der Geschichte – sondern ihr neues Kapitel. Doch ob es ein Kapitel der Selbstbestimmung wird oder der Fremdsteuerung, entscheidet sich jetzt. Wenn Deutschland weiter zögert, werden die Standards in Kalifornien geschrieben – nicht in Köln, nicht in Chemnitz, nicht in Bonn.

Katherina Reiche hat die Chance, das zu ändern. Sie kann aus dem Flickenteppich der Initiativen ein robustes digitales Fundament für den Mittelstand bauen. Nicht als Prestigeprojekt – sondern als neues Betriebssystem für eine Wirtschaft, die ihre Zukunft nicht länger verwaltet, sondern gestaltet.


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Denn über die Zukunft des Mittelstands sollten wir nicht nur sprechen – wir müssen sie bauen.

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