
Vor der Buchhandlung Böttger steht ein schwarzer Notenständer. Zwei junge Stimmen lesen in den Junivormittag hinein. Hinter der Scheibe blickt James Joyce aus einem Schaufenster, das Alfred Böttger mit Ernst, Witz und bibliophiler Regie gebaut hat. Auf einem kleinen Plakat steht der Satz, der den Tag auf die freundlichste Weise entlastet: „Joyce kommt, aber nicht persönlich!“ Unterhalb hängt das Foto aus der Pariser Buchhandlung Shakespeare and Company: Sylvia Beach, James Joyce und ein unbekannter Mann, aufgenommen um 1920. Ein Fenster genügt, und der Tag hat seine Genealogie: Dublin, Paris, Bonn.
Der 16. Juni gehört Leopold Bloom. In Bonn führt sein Weg seit rund fünfzehn Jahren in die Maximilianstraße. Alfred Böttger nennt diese Feier mit trockenem Buchhändlerhumor eine „kleine James-Joyce-Institution“. Das klingt bescheiden, trifft die Sache aber nur halb. Die Buchhandlung Böttger hat sich zu einem literarischen Ort entwickelt, der weit über Bonn hinaus ausstrahlt. Wer dort eine Lesung erlebt hat, kennt diese Verbindung aus Buchliebe, Gedächtnis, Improvisation und stillem Eigensinn. Literatur darf dort vor einer Ladentür beginnen. Motto: Schlange stehen erlaubt – in leiser Verbeugung vor Herbert Anton.
Ein schweres Buch bekommt eine Straße
Der Ablauf folgt einer einfachen, klugen Dramaturgie. Aus sechzehn der achtzehn Kapitel von „Ulysses“ werden Ausschnitte gelesen. Über den Tag hinweg liefern kurze Inhaltsangaben Orientierung. Die zehn wichtigsten Figuren des Romans bekommen knappe Porträts. Böttger nennt das ausdrücklich „höchst oberflächlich“. Gerade diese Selbstironie schützt vor falscher Ehrfurcht. „Ulysses“ verlangt genug Geduld; der Roman braucht keine zusätzliche Sakralbeleuchtung.
Die Lesungen wechseln zwischen Englisch und Deutsch. Im Original hört man den Druck der Silben, die Härte der Alliteration, die Lust am Geräusch. Die deutsche Fassung gibt Halt im Sinn. Aus diesem Wechsel entsteht kein Seminar, eher ein Zugang. Böttger erzählt, Besucher hätten ihm gesagt, durch diese Lesung sei ihnen der Sprung ins Buch endlich gelungen. Dieser Satz trägt den ganzen Tag. Joyce wird dabei nicht geglättet. Man legt dem Leser eine kleine Bohle über den ersten Abgrund.
Dass fast ausschließlich junge Leute lesen, gehört zu den besten Einfällen des Formats. Viele von ihnen verfügen über keine gesicherten Joyce-Kenntnisse. Sie eignen sich das Buch lesend an. Die Stimme kommt vor der Expertise. Das passt zu Joyce, der die Sprache von der Straße, aus Kneipen, Kirchen, Zeitungen, Schlafzimmern und Reklamen in Literatur verwandelte. „Ulysses“ verlangt keine Weihe. Der Roman verlangt Ohren.
Das Schaufenster als zweite Lesung
Böttgers Schaufenster arbeitet wie eine zweite Lesung. Samuel Beckett hängt neben Joyce. Unten stehen verschiedene Ausgaben von „Ulysses“, daneben „Dubliner“, „Finnegans Wake“, Homer, „Odyssee“-Ausgaben, Beckett-Bände, kleine Fundstücke, Querverweise. Die Bücher liegen dort nicht als Dekoration. Sie bilden eine Grammatik. Das Fenster erzählt von Joyce als europäischem Ereignis, von der irischen Moderne, von Paris als Zufluchtsort der verbotenen Literatur, von der erstaunlichen Karriere eines Romans, der in englischsprachigen Ländern unter Obszönitätsverdacht stand und lange mit Verboten, Zensur und Beschlagnahmung verbunden blieb.
Sylvia Beach wird in dieser Bonner Fensterdramaturgie zur entscheidenden Figur. Traditionelle Verlage wichen vor dem Manuskript zurück. Beach nahm das Risiko auf sich. Am 2. Februar 1922, dem vierzigsten Geburtstag von Joyce, nahm sie die ersten druckfrischen Exemplare entgegen. In der Maximilianstraße hängt das Foto dieser Weltliteratur-Vorgeschichte zwischen Plakaten, Büchern und Spiegelungen der Straße. Man sieht darin Paris und Bonn, Moderne und Gegenwart, Ladenfenster und Literaturgeschichte in einem Bild.
Gedichte zwischen Zürich, Triest und Paris
In diesem Jahr erweiterte Böttger das Programm um zehn plus ein Gedicht. Die Auswahl stammt aus den Jahren, in denen Joyce an „Ulysses“ arbeitete. Am Anfang und am Ende steht ein Ausschnitt aus „Post Ulixem Scriptum“, jenem nachträglichen, komisch-melancholischen Blick auf Molly Bloom. Joyce spricht darin nach dem Roman noch einmal aus dem Schatten seines eigenen Werks. Molly ist fort, der Dandy-Look dahin, der Erzähler bleibt zurück mit Tränen, Eifersucht, Witz und körperlicher Komik. Der große Roman erhält einen Nachsatz, der klingt wie eine Kneipennummer nach der Weltliteratur.
Die übrigen Gedichte führen in die Jahre von Triest, Zürich und Paris. „Watching the Needleboats at San Sabba“ hört junge Herzen über dem Ruderschlag. „A Flower Given to My Daughter“ richtet sich an die kindliche Zartheit der Tochter. „Tutto è sciolto“ löst die Liebeserinnerung in Dämmerung und Ferne. „Simples“ spielt mit Sirenengesang und Mondkräutern. „Alone“ verwandelt See, Uferlampen und den Namen der Geliebten in ein kleines Scham- und Lustbild. Dann folgen die Spottstücke, die Reime auf Sax, David, Budgen und die politische Groteske Europas. Joyce zeigt darin eine lyrische Beweglichkeit, die den Roman nicht erklärt, aber seinen Klangraum erweitert.
Besonders reizvoll wirkt der Bezug zum „Sirenen“-Kapitel. In der Gedichtauswahl taucht die Variation auf Bellinis „All is lost now“ auf. Joyce’ Lyrik braucht keinen Schlüsselbund. Sie gibt dem Bloomsday einen zweiten Atem: leiser, knapper, manchmal spöttisch, manchmal verletzlich. Der Roman schreitet durch Dublin. Die Gedichte flackern an seinen Rändern.
Sirenen an der Hotelbar
Im elften Kapitel, „Sirenen“, wird „Ulysses“ selbst zur Partitur. Der Schauplatz ist die Bar des Ormond Hotels. Die Sirenen sind die Bardamen. Bloom weiß, dass Molly in dieser Stunde Blazes Boylan erwartet. Was für andere Gäste Klang, Flirt, Gesang und Gesellschaft bedeutet, trifft ihn als Eifersucht. Die Musik geht durch die Sätze. Wörter stoßen aneinander, Motive kehren wieder, Laute verschmelzen, Geräusche drängen in den Text. Joyce schreibt hier musikalisch.
Bei einer öffentlichen Lesung entfaltet dieses Kapitel seinen eigenen Zauber. Die Stimme muss Sprünge, Wiederholungen und Klangpartikel tragen. Man hört, wie der Text atmet, schneidet, lockt, ausweicht. Eine junge Leserin am Mikrofon, ein schwarzer Notenständer, ein paar Stühle vor der Buchhandlung: Schon rückt die Ormond-Bar an den Bonner Bürgersteig. Der Straßenraum liefert seine Begleitung. Schritte, Rollerklingeln, Gläser aus den Cafés, Stimmen der Passanten. Joyce hätte an dieser Konkurrenz vermutlich seine Freude gehabt.
Skylla, Charybdis und der Lärm der Gegenwart
Das neunte Kapitel, „Skylla und Charybdis“, führt in die Nationalbibliothek. Stephen Dedalus trägt seine Theorie über Shakespeare und „Hamlet“ vor. Um ihn herum sitzen George Russell, John Eglinton, Mr. Best, Mr. Lyster, später Buck Mulligan. Die Szene handelt von Literatur, Vaterschaft, Geist, Körper, Spekulation, Fakten und Eitelkeit. Aus der homerischen Gefahr wird ein intellektuelles Verfahren. Auf der einen Seite steht Skylla, das Ungeheuer der idealistischen Überhöhung. Auf der anderen Seite lauert Charybdis, der Strudel der Tatsachen, der alles verschlingt, was nicht sofort beweisbar erscheint.
Für heutige Debatten besitzt diese Szene eine unheimliche Nähe. Wer sich im Social Web bewegt, kennt beide Gefahren. Links die Skylla der reinen Gewissheit, rechts die Charybdis der Sofortanklage. Dazwischen versucht man, einen Satz zu retten: Geduld, Witz, Genauigkeit, Großmut, Schlaf, Lust am Denken. Stephen manövriert zwischen Platon und Aristoteles. Wir manövrieren zwischen moralischer Selbsterhöhung und digitaler Zertrümmerungslust. Das Kapitel liest sich heute wie eine Bibliotheksszene über Kommentarspalten. Jeder will die Deutung besitzen. Kaum jemand hört lange genug zu.
Joyce lässt Stephen brillant wirken und verletzbar bleiben. Er ist klug, witzig, prahlerisch, einsam. Wer im Netz eine These formuliert, betritt oft jene enge Passage zwischen Skylla und Charybdis. Sechs Gefährten gehen schnell verloren. Das Schiff fährt weiter. Der Preis bleibt im Körper.
Der Kyklop als Kommentarspalte
Im zwölften Kapitel, „Kyklop“, sitzt Bloom in Barney Kiernans Pub. Der nationalistische „Bürger“ herrscht mit großem Ton. Ein anonymer Erzähler führt durch die Szene. Bloom sucht Martin Cunningham, gerät in eine Kneipenrunde, trinkt kein Bier, gibt keine Runde aus, steht unter dem Verdacht, beim Pferderennen gewonnen zu haben, und zieht den Zorn der Anwesenden auf sich. Joyce nennt die Technik dieses Kapitels „Gigantismus“. Alles wächst ins Übermaß. Der Ton schwillt an. Mythische, nationale, journalistische und religiöse Stile blähen das Geschehen auf.
Das Kapitel zeigt, wie schnell ein Raum kippt, sobald Gerücht, Alkohol, Kränkung und kollektiver Stolz zusammenkommen. Der Kyklop sieht nur mit einem Auge. Darin liegt seine Modernität. Er sieht viel, aber nur aus einer Richtung. Aus einer Kneipe wird ein Tribunal. Aus Bloom wird ein Verdächtiger. Aus einer Lappalie entsteht eine moralische Eskalation.
Auch hier drängt sich die Gegenwart auf. Digitale Debatten lieben kyklopische Sichtfelder. Ein Auge genügt, sofern es groß genug auftritt. Der kleine Verdacht wird zum Urteil. Die Pose ersetzt die Prüfung. Joyce hat diese Mechanik lange vor Plattformen und Timelines beschrieben. Barney Kiernans Pub ist keine ferne irische Folklore. Er ist der Vorraum vieler heutiger Empörungsrituale.
Irrfelsen zwischen Kirche und Staat
Auch die „Irrfelsen“ gehören an diesem Bloomsday zum Bonner Parcours. Joyce folgt in diesem Kapitel vielen kleinen Bewegungen durch Dublin. Pater Conmee geht nach Artane. Am Ende fährt der Vizekönig mit seiner Kavalkade zur Eröffnung eines Basars. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich Bürger, Nebenfiguren, Fragmente, Wege und Zufälle. Kirche und Staat stehen wie Felsen, zwischen denen Irland zerrieben werden kann.
Das Kapitel bildet den Roman im Kleinen ab. Dublin wird zum Netz aus Gängen, Blicken, Begegnungen und Ausweichbewegungen. Kein Zentrum hält alles zusammen. Die Stadt selbst montiert den Text. Für eine Lesung auf der Straße passt das ausgezeichnet. Die Buchhandlung öffnet ihre Tür, die Stadt liefert Bewegung, und der Roman legt sich über den Bürgersteig wie eine zweite Karte. Bonn bleibt Bonn. Für einige Stunden darf die Stadt nach Dublin klingen.
Bonn liest, Joyce lächelt hinter Glas
Am Ende bleibt das Bild des Schaufensters. Joyce im Hut, Beckett als Nachbar, Sylvia Beach im kleinen Foto, darunter die Bücher. Ein Plakat verspricht die Ankunft des Autors und zieht den Satz sofort wieder zurück: „Joyce kommt, aber nicht persönlich!“ Literatur lebt von solchen Abwesenheiten. Der Autor fehlt. Die Stimmen sind da. Das Buch liegt im Fenster. Die Straße hört zu.
Alfred Böttger hat für diese Art literarischer Gegenwart ein außergewöhnliches Gespür. Seine Buchhandlung ist Bühne, Archiv, Salon, Auslage, Treffpunkt. Am Bloomsday geschieht das mit Joyce. Der große Dubliner Roman kommt nach Bonn, ohne seine Fremdheit zu verlieren. Er bleibt schwierig, komisch, musikalisch, obszönitätsverdächtig, gelehrt, körperlich und unverschämt lebendig.
Der Sprung ins Buch gelingt so: durch eine Stimme vor einer Buchhandlung, durch ein Fenster voller Zeichen, durch einen Satz, der einen zum Lachen bringt, und durch die Ahnung, dass man dem Jahrhundertroman nicht allein im Lesesessel begegnen muss. Man kann ihm auch auf der Straße begegnen. In Bonn. Am 16. Juni. Vor Böttger.

