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Im Schatten des KI-Fortschritts – Betrachtungen zur europäischen Disziplinierung der Maschinenvernunft

Es war, man muss es wohl so sagen, ein Schauspiel von unfreiwilliger Komik, das sich in den Räumen der europäischen Selbstvergewisserung abspielte, als der Begriff „Künstliche Intelligenz“ in den Diskurs einzog wie einst der Komet über Betlehem – allerdings ohne Sternstunde, dafür mit sogleich ausgerufener Gefahrenlage.

Kaum hatte man in Übersee begonnen, Maschinen nicht nur rechnen, sondern auch mutmaßen zu lassen, da eilten auf dem alten Kontinent schon die ersten Regulierungskommissionen zusammen. Mit der Würde von Hohepriestern des Datenschutzes – stets bemüht, den Schein einer mündigen Souveränität zu wahren – wurde ein Gesetzeswerk aufgesetzt, das weniger von technologischem Verständnis als von tief verinnerlichter Kontrollbedürftigkeit zeugt.

Der sogenannte AI Act, ein bürokratisches Panoptikum, das die Maschine von der Wiege an unter Beobachtung stellen will, war bald geboren. Dort, wo andere die Zukunft entwerfen, perfektioniert Europa seine Fähigkeit zur Aktenablage.

Ein besonders eifriger Vertreter dieser Verrechtlichungsfrömmigkeit war – randständig, aber laut – der ehemalige Bundesdatenschützer, dessen Name hier nur aus Anstand nicht ausgeschrieben wird. Er versuchte, ChatGPT zu untersagen, weil in Rom ein paar Tage lang der Zugang zu diesem Dialogsystem verweigert wurde. Als wäre Italien nun der Kompass technischer Weitsicht! Man verstand das Ganze eher als Reflex: Wenn irgendwo der Stecker gezogen wird, will man in Deutschland nicht zurückstehen – auch wenn man nicht weiß, worum es geht.

Doch der eigentliche Höhepunkt der moralischen Selbstüberhebung war der offene Brief der sogenannten „Future of Life“-Initiative, der im Frühjahr 2023 eine Aussetzung der KI-Entwicklung forderte – sechs Monate Bedenkzeit, um den drohenden Untergang der Menschheit zu verhindern. Unterzeichner: zahlreiche Forscher, einige Philosophen, viele PR-Aficionados – und natürlich: Elon Musk.

Musk!
Die moralische Doppelbelichtung aus dem Silicon Valley.
Er unterschrieb das Moratorium mit ernster Miene und ließ gleichzeitig eigene KI-Labore aufrüsten, als gäbe es einen geheimen Notausgang aus der Apokalypse. Während er öffentlich vor der totalen Maschinenherrschaft warnte, testete er intern bereits, wie man mit Hilfe neuronaler Netze die Belegschaft von Regierungseinrichtungen effizienter entlassen kann.

Das ist die neue Ehrlichkeit:
Die Maschinen sollen bitte innehalten – aber nur bei den anderen.
Man selbst nutzt die Pause zur Marktbereinigung.

In Europa indes tummelten sich die Mahner in Ausschüssen, Tagungen, Expertengruppen. Und siehe da: Viele von ihnen fanden sich bald in neuen Rollen wieder – als Berater für KI-Sicherheit, als Anbieter von Zertifizierungsverfahren, als Entwickler von Regeltreue-Software.

So verwandelt sich der Alarmismus der frühen Stunde in ein Geschäftsmodell der mittleren Reife.
Der moralische Furor wird zur Lizenzvergabe.
Die Sorge um den Menschen zur Absatzchance.

Was bleibt, ist das Bild eines Kontinents, der lieber reguliert als riskiert, lieber mahnt als handelt, lieber sich selbst verwaltet als die Zukunft mitzugestalten.

Währenddessen schreiben die Sprachmodelle anderswo Gedichte, entdecken Moleküle, optimieren Lieferketten.
Hierzulande füllt man Excel-Tabellen aus, um zu belegen, dass von alledem keine Gefahr ausgeht.

Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.
Aber er wird es schwer haben, durch die Eingangskontrolle der EU zu kommen.

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