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„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – Hans Blumenbergs Jagd nach der Metapher

„Der Mythos ist kein Irrtum, sondern eine Notwendigkeit“, schreibt Blumenberg. Er sagt es nicht beiläufig, sondern mit einer Dringlichkeit, die zeigt, dass hier eine entscheidende Verteidigung geführt wird. Wer glaubt, der Logos habe den Mythos besiegt, sei einem Selbstbetrug erlegen. „Die Wirklichkeit ist absolut“, stellt Blumenberg fest, und weil sie absolut ist, weil sie drängt, überwältigt und vernichtet, bleibt dem Menschen keine Wahl: Er muss sich Distanz schaffen.

Der Absolutismus der Wirklichkeit und die Metapher als Waffe

„Der Mensch ist ein Mängelwesen“, zitiert Blumenberg eine alte anthropologische Einsicht. Aber er fügt hinzu: Gerade aus diesem Mangel erwächst seine Freiheit. Weil er nicht direkt überlebensfähig ist, weil er nicht scharf sieht wie ein Adler, nicht riecht wie ein Hund und nicht beißt wie ein Löwe, muss er sich andere Mittel suchen. Er entwickelt „Distanzwaffen“, zunächst im wörtlichen Sinne – Speer, Bogen, Falle. Aber dann auch auf einer anderen Ebene: „Die Metapher ist die Distanzwaffe des Denkens.“

Die Metapher ist kein Ornament, sie ist kein bloßes Bild, das den Gedanken schmückt. Sie ist das Fundament, auf dem das Denken ruht. „Wir können die Welt nicht begreifen“, schreibt Blumenberg, „aber wir können sie umkreisen, wir können uns Brücken bauen, und diese Brücken sind unsere Metaphern.“

Deshalb ist jede Philosophie eine Metaphorologie. Wer verstehen will, wie eine Epoche denkt, muss ihre Metaphern entschlüsseln. „Das Licht der Vernunft“, „die Tiefen des Geistes“, „der Sturm der Revolution“ – all dies sind keine zufälligen Wendungen, sondern Weltentwürfe.

Der Nominalismus als Sprengsatz der Theologie

Blumenberg wendet sich gegen die Säkularisierungsthese, die behauptet, die Moderne sei nichts anderes als ein entgöttlichtes Christentum. „Die Neuzeit versteht sich selbst falsch“, schreibt er, „wenn sie sich als einen Bruch mit dem Christentum sieht. Sie ist vielmehr eine Folge der Selbstentfaltung des Monotheismus.“

Der Okkasionalismus spielt hier eine Schlüsselrolle. William von Ockham, sagt Blumenberg, hat einen Gottesbegriff geschaffen, der „den Menschen ratlos zurücklässt“. Denn wenn Gott allmächtig ist, kann er auch seine eigenen Gesetze brechen. „Die Wege des Herrn sind nicht nur unergründlich, sie sind unergründbar.“ Und wenn das so ist, dann wird dieser Gott irrelevant – er ist kein verlässlicher Akteur mehr, sondern ein metaphysischer Spielverderber.

„Seitdem ist erlaubt, whatever helps“, bemerkt Blumenberg trocken. Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen. Ein solcher Monotheismus ist funktional äquivalent zum Atheismus.

Aber Blumenberg bleibt nicht bei der Analyse stehen. Er blickt auf das Christentum selbst zurück und stellt eine noch radikalere These auf: „Am Kreuz ist nicht nur Christus gestorben, sondern auch Gott, der Vater.“ Wenn Gott den Tod seines eigenen Sohnes als Sühne fordert, dann ist er nicht mehr denkbar. Ein „sich selbst preisgebender, ja aufgebender Gott“ hinterlässt eine Welt, die keinen metaphysischen Halt mehr hat.

Das Denken als Jagd, nicht als Besitz

Die Philosophie ist keine Schatzkammer der Wahrheiten, sondern ein Jagdgebiet. „Der Philosoph ist nicht der Besitzer der Wahrheit“, sagt Blumenberg, „sondern der Verfolger der Wahrheit.“ In Platons Politeia gibt es eine Stelle, die er besonders hervorhebt: „Nun, Glaukon, machen wir es wie die Jäger und umstellen das ganze Gebüsch mit wachem Verstand!“

Nicht das Ergebnis zählt, sondern die Bewegung, das Aufspüren, das Nachstellen der Begriffe, das Anschleichen an die Wirklichkeit. „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – diese Kinderregel beschreibt die Methode der Philosophie treffender als jede akademische Definition.

Blumenberg kritisiert deshalb auch die Vorstellung, Philosophie sei die Disziplin, die zur nackten Wahrheit vordringen wolle. „Es gibt keine nackte Wahrheit“, schreibt er, „nur verschiedene Arten der Bekleidung.“ Die Vorstellung, man könne alle Metaphern abstreifen und die reine Essenz der Dinge erkennen, sei eine Illusion.

„Metaphern sind keine Fehler der Sprache, sie sind ihre Substanz.“ Wer das erkennt, der weiß: Die Philosophie ist nicht die Feindin des Mythos, sondern seine Fortsetzung mit anderen Mitteln.

Die Metapher als Überlebensstrategie

Blumenberg greift immer wieder auf die Anthropologie zurück, aber nicht, um eine Essenz des Menschen zu bestimmen. „Wesen sind Konstruktionen“, sagt er, „aber Beschreibungen sind notwendig.“ Der Mensch ist das Tier, das nicht in der Welt sein kann, ohne sie sich erzählend zu erschaffen.

Deshalb ist die Geschichte der Kultur eine Geschichte der Metaphern. „Die Moderne ist nicht die Epoche, die die Mythen abgeschafft hat“, schreibt Blumenberg, „sondern die Epoche, die neue Mythen erfunden hat.“

Er verweist auf die Fortschrittsmythen des 19. Jahrhunderts, auf den Mythos der Maschine, auf den Mythos des Marktes. „Wo eine Welt ist, da ist auch ein Mythos“, sagt er. Und wo kein Mythos ist, da bleibt nur „der Absolutismus der Wirklichkeit“, gegen den sich der Mensch nicht wehren kann.

Die Ironie als Schutz gegen die Dogmen

Blumenberg misstraut denjenigen, die behaupten, sie hätten die Vernunft auf ihrer Seite. „Die Rhetorik der Vernunft ist oft nur die Vernunft der Rhetorik“, schreibt er. Wer sich auf die „Gerichtsbarkeit der Vernunft“ beruft, will nicht argumentieren, sondern herrschen.

Deshalb rehabilitiert er die Ironie. „Ironie ist die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken, ohne sich dabei zu zerstören“, sagt er. Wer ironisch ist, erkennt die Macht der Metaphern, aber er verwechselt sie nicht mit der Wirklichkeit.

Blumenberg ist kein Dogmatiker. Seine Texte sind keine Systeme, sondern Expeditionen, keine Beweise, sondern Experimente. Er ist ein Philosoph der offenen Fragen, ein Forscher, der sich mit Leidenschaft über eine alte Handschrift beugt und dabei nicht nur analysiert, sondern auch staunt.

Jenseits der Vernunft – das Denken als Spiel

„Philosophie beginnt, wo der Ernst aufhört“, schreibt Blumenberg. Das ist keine Absage an die Erkenntnis, sondern eine Absage an den Totalitarismus der Eindeutigkeit. Wer denkt, muss spielen können, muss Hypothesen wagen, muss die Welt in Metaphern übersetzen und dabei wissen, dass jede Metapher nur ein vorläufiges Gehege ist.

„Wir brauchen die Metaphern nicht, weil wir zu dumm sind, ohne sie auszukommen“, sagt er. „Wir brauchen sie, weil sie das Denken selbst erst möglich machen.“

Und so bleibt Blumenbergs Werk ein offenes Spiel – nicht ein System, sondern eine Haltung; nicht eine letzte Antwort, sondern eine Technik der Befragung; nicht eine Jagd auf endgültige Wahrheiten, sondern eine unermüdliche Bewegung im Unterholz der Möglichkeiten.

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