
Wenn Ludwig van Beethoven aus dem Jenseits in seine Geburtsstadt blickt, dann – so könnte man nach der Lektüre von Klaus Weises fiktivem Interview schließen – nicht ohne Verzweiflung. Oder zumindest mit dem spöttischen Blick eines Genies, das genau weiß, was ihm zusteht:
„Ich bin Beethoven. Punkt.“
Dieses fiktive Gespräch, veröffentlicht unter dem Titel „Autofahrt mit Nachtschattengewächs“ in der Anthologie „Bonner Bogen – Literarisches von A wie Beethoven bis Z wie Westerwelle“, herausgegeben von Harald Gesterkamp und Monika Littau (erschienen 2025), ist mehr als ein literarisches Kabinettstück. Es ist ein kulturpolitischer Kommentar – zugespitzt, klarsichtig und entwaffnend direkt.
Was stünde dem Schöpfer der Europäischen Hymne mehr zu als ein Festival, das nicht nur seinem Namen, sondern auch seiner radikal-humanistischen Botschaft gerecht wird? Kein Etiketten-Festival, keine lokalpolitische Pflichtübung, sondern ein Ereignis mit internationaler Strahlkraft. „Ein Fest, das weniger bietet, als für den größten Komponisten aller Zeiten nicht nur alle Menschen dieser Erde, sondern auch die Götter im Himmel in meine Geburtsstadt zu locken, wäre Majestätsbeleidigung“, so Beethoven in Weises Fantasie.
Sein Zorn richtet sich gegen die „Gurken, die doch da jährlich rum mit ihrem Fest gurken“ – gegen die ritualisierte Wiederholung des Immergleichen. Beethoven will mehr als Kulturkonsens, mehr als Bratschenidylle, mehr als ein weiteres Konzert im goldenen Abendlicht. Er will Reibung, Verstörung, Wirkung. Und Größe.
„Ich. Quellcode Beethoven.“
Mit diesem Satz fordert er nicht weniger als ein künstlerisches Update für die Stadt, die ihn geboren hat – aber zu Lebzeiten nicht halten konnte. „Weißt du, warum ich abgehauen bin?“ – „Um dich in der Hauptstadt der Musik zu entfalten.“ – „Quatsch. Ich bin der Frauen wegen abgehauen. Und willst du noch was wissen? Ich bin schwerhörig geworden, weil meine Musik nirgendwo so schön klingt wie in meinem Kopf.“
Dazwischen flackert immer wieder ein popkultureller Sarkasmus auf. Als Beethoven vom Bekanntheitsgrad wie Coca-Cola spricht, fragt er: „Sieht sie gut aus?“ – „Schon viel von der CC gehört. Üppig?“ – „Ich nehme die Üppige. Ach was, ich nehme beide.“ Ein Genie im Zeitalter des Marketings? Vielleicht. Aber auch ein unmissverständlicher Appell: Macht endlich etwas daraus.
Was Klaus Weise, ehemaliger Generalintendant von Theater und Oper Bonn (2003–2013), daraus ableitet, ist nicht minder deutlich. Ein „weltweit strahlendes Festival“ schwebt ihm vor – spartenübergreifend, mutig, nur in Bonn realisierbar. Keine Beethovenpflege, sondern ein Beethoven-Projekt. Opern- und Schauspielpremieren, die „thematisch eingebunden nur im Festival-Rahmen in Bonn zu erleben sind“. Ein Format, das Musik, Schauspiel und Bildende Kunst zusammenführt – und Institutionen wie die Bonner Museen, die Universität, die UN, das Arp Museum oder das Ludwig Museum Koblenz/Köln einbindet.
Und nicht nur Beethoven: Robert und Schumann, der Tanz, internationale Perspektiven. Für Weise ist das ein „unwiderstehlicher Dreiklang“. Kein Nachahmen von Bayreuth, kein Kopieren von Salzburg. Sondern ein Bonner Original.
Dass so ein Projekt in dieser Stadt denkbar ist, zeigt ein Blick in die Geschichte. Bonn war einmal Residenz – und keine schlechte. Kurfürst Clemens August verstand sich als europäischer Kulturakteur: mit seiner Baupolitik, seinen höfischen Künsten, seiner Nähe zu Rom und Paris. Ein Festival neuer Prägung hätte darin sein Vorbild – nicht in der Verwaltungsvorlage D-479/2022.
Der fiktive Beethoven in Weises Text spricht auch von einem Fidelio, der „schmerzen und wehtun“ müsse – als Befreiungsoper für die „Unterdrückten, Beladenen, Verfolgten“, wie Paul, sein Gesprächspartner, ergänzt: „für Sinti, Roma, Indigene.“ Beethoven herrscht ihn an: „Halt die Klappe! Der Fidelio muss schmerzen.“ Keine moralisierende Pflichtaufführung also, sondern eine künstlerische Zumutung – genau das, was ein Festival heute wieder wagen müsste.
Und der Zeitpunkt ist günstig. Im September ist Kommunalwahl. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wo ist der kulturpolitische Wagemut, der über Ausschüsse hinaus denkt? Wo die Vision, aus der Beethovenstadt eine Kulturstadt neuen Typs zu machen – mit Rückgrat, aber ohne Kultur-Kitsch?
Klaus Weise hat seinen Entwurf geliefert. Die Stadtgesellschaft ist nun am Zug. Und der große Ludwig, er wartet – in der jenseitigen Unruhe eines Künstlers, dem jede Provinzialität zuwider ist. „Die Ohren für meine Musik müssen erst noch erfunden werden“, sagt er. Dann lasst uns endlich damit anfangen.
Die andere Hauptstadt der Aufklärung
Ein kulturpolitischer Exkurs zur Bonner Blütezeit am Ende des 18. Jahrhunderts
Bonn, um 1790: keine Hauptstadt, aber ein Kraftzentrum der Kultur. Als Ludwig van Beethoven hier als junger Musiker aufwuchs, war die Stadt keine verschlafene Kurie am Rhein, sondern ein pulsierendes Experimentierfeld der Aufklärung. Die Kurfürstenresidenz unter Max Franz, dem jüngsten Sohn Maria Theresias, blühte auf – politisch, künstlerisch, geistig. Bonn war damals eine Stadt der Möglichkeiten, eine Versuchsanordnung für das, was Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft sein könnten.
Max Franz war kein typischer Kirchenfürst. Er war aufgeklärt, reformfreudig und musisch gebildet. Unter seiner Regentschaft wurde das Bonner Hoftheater gegründet, das heute allenfalls noch eine Randnotiz im Gedächtnis der Stadt ist. Die Hofkapelle, in der Beethoven als Bratschist spielte, entwickelte sich zu einem führenden Ensemble ihrer Zeit – experimentierfreudig, virtuos, offen für neue musikalische Formen. Der junge Beethoven war Teil dieser Atmosphäre, in der Musik nicht bloß klang, sondern auch als Idee gedacht wurde.
Diese Jahre prägten ihn – und sie prägten Bonn. Die neu gegründete Kurkölnische Universität, Vorläuferin der heutigen Universität Bonn, zog progressive Denker an: Naturwissenschaftler, Philosophen, Juristen, Literaten. Eulogius Schneider, einer ihrer bekanntesten Dozenten, lehrte revolutionäre Ideale und wurde später als Jakobiner hingerichtet. In den Gassen diskutierte man Kant, in den Konzerten hörte man Mozart, Haydn und bald: Beethoven.
Was ist davon geblieben?
Heute ist Bonn stolz auf seine Universität, auf seine Beethovenhalle, auf das Beethovenfest – doch die kulturpolitische Vision jener Zeit scheint vergessen. Keine der damaligen Initiativen – weder das spartenübergreifende Denken noch die Verbindung von Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft – hat institutionell überlebt. Bonn hat sich eingerichtet im Status der „ehemaligen Hauptstadt“ und in der Verwaltung eines großen Erbes. Doch das Erbe allein nährt nicht. Es fordert.
Wenn heute kulturpolitische Konzepte diskutiert werden, dann ohne Rückgriff auf die gelebte Bonner Aufklärung. Max Franz würde in heutigen Stadtratsdebatten als Utopist gelten – oder als Kostgänger des Kulturhaushalts. Dabei war er ein Realist im besten Sinn: jemand, der begriff, dass Kunst kein Beiwerk, sondern Herzschlag eines zivilisierten Gemeinwesens ist.
Der junge Beethoven profitierte von dieser Haltung – und verließ die Stadt dennoch. Nicht aus Undankbarkeit, sondern weil Bonn damals zu klein wurde für das, was sein Geist wollte. Die Stadt, die ihm einst Flügel verlieh, konnte ihn nicht halten.
Heute wäre es umgekehrt: Bonn ist nicht zu klein – aber seine Kulturpolitik ist es. Wer Beethoven ehren will, sollte nicht seine Büsten polieren, sondern sein Umfeld neu erschaffen: ein Zusammenspiel von Experiment, Bildung, Kunst und Freiheit. Eine Stadt, die wieder weiß, dass Kultur nicht dekorativ ist, sondern konstitutiv.
Man muss nicht Max Franz heißen, um das zu verstehen. Aber man könnte sich an ihm orientieren. Jetzt, im Kommunalwahlkampf. Bevor erneut eine Epoche vergeht, ohne dass sie begonnen hätte.
Ich würde übrigens Klaus Weise zum Festival-Chef in Bonn ernennen.
4. September 2025, um 19 Uhr folgt die nächste Lesung zur Anthologie „Bonner Bogen“: Bezirksbibliothek Bad Godesberg, Moltkestraße 2-8, 53173 Bonn
Mit Dominik Dombrowski, Anja Eichbaum, Cornelia Frettlöh, Harald Gesterkamp, Alexa Thiesmeyer, David Wagner und Klaus Weise. Moderation: Monika Littau

