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Hans-Jürgen Krahl oder: Theorie als Risiko, nicht als System

Ein Raum. Neonlicht. Grauer Linoleumboden. Seminarstuhlkreis. Jemand räuspert sich. Ein anderer tippt bereits ins MacBook. Die Vorlesung beginnt mit einem PowerPoint-Foliensatz. Thema: Theorie der Gesellschaft. An der Wand: eine systematisierte Gliederung. Pfeile. Kästen. Bulletpoints.

Fehlt nur noch Krahl.

Nicht auf der Folie. Sondern im Raum. Krahl, wie er war. Immer zu spät. Immer zu laut. Immer zu sehr im Denken, als dass es in eine Vorlesung gepasst hätte. Theorie für ihn: keine Methodik, sondern Aufstand. Denken im Furor. In Splittern. Im Widerspruch zur Ordnung.

Hans-Jürgen Krahl, Theoretiker im Überdruck. Theorie bei ihm: ein Körperzustand, kein Curriculum. Wenn er sprach, hatte man das Gefühl, dass da einer an der Oberfläche der Wirklichkeit kratzt, bis sie aufreißt. Seine Texte: voller Spannung, fragmentarisch, eruptiv. Seine Rede von der reellen Subsumtion des Intellekts – eine frühe, unversöhnliche Diagnose der Durchökonomisierung aller Denkformen. Eine Theorie, die dem Silicon Valley etwas entgegensetzen konnte, wie Alexander Kluge einmal sagte. Eine Theorie, die wusste: Es gibt keinen harmlosen Gedanken mehr.

Und genau deshalb passte Krahl nie wirklich hinein. Nicht in die Universität. Nicht in die Partei. Nicht in das, was man damals „Bewegung“ nannte. Weil er die Bewegung kritisierte. Weil er begriff, dass auch die Revolte sich systemisch stabilisieren kann. Dass die Auflehnung selbst Teil der Struktur werden kann. Und das war sein Verhängnis. Der Intellektuelle, der zu weit dachte, wurde zum Feindbild. Zum Objekt der Ausgrenzung. Genosse Krahl, du bist objektiv ein Konterrevolutionär. So wurde es ihm zugerufen. Ironie der Geschichte.

Daneben, in einem anderen Jahrhundert: Arthur Schopenhauer. Auch er am Rand. Auch er ein Anti-Professor. Ein Mann mit Hund, der sich weigerte, mitzuspielen. Der seine Vorlesungen neben dem großen Hegel hielt – und verloren ging. Theorie als Einsamkeit. Als Rückzug. Als Trotz. Und doch: seine Parerga und Paralipomena, seine Aphorismen – das war Theorie in ihrer frei flottierenden Form. Kein System, kein Apparat, keine Didaktik. Nur Denken.

Was beide verbindet: Sie wollten nicht lehren. Sie wollten stören. Theorie war für sie kein Werkzeug, sondern ein Risiko. Kein Konsens, sondern ein Kampf mit der Wirklichkeit. Theorie als existenzielle Bewegung.

Und heute? Theorie wird verkauft. Als Kurs. Als Zertifikat. Als Expertise. Als etwas, das man sich aneignen kann. Inflationär, flach, flau und belanglos. Dabei ist sie etwas, das einen überfällt. Was Schopenhauer für die Professoren sagte – sie leben von der Philosophie, aber nicht für sie – das gilt heute für die meisten Theorieagenturen, Konferenzen und Sammelbände. Theorie ist geworden, was sie nie sein wollte: Inhaltsverzeichnis.

Und doch gibt es sie. Die Splitter. Die Nebensätze. Die Zettel. Peter Gente war so einer, der sie sammelte. Der den Merve-Verlag gründete, um den vergessenen, den zornigen, den unabschließbaren Gedanken eine Bühne zu geben. Seine Bücher waren keine Dekoration fürs Regal. Sie waren Störsignale. Miniaturen. Widersprüche. Kein ISBN-Design. Nur Geist.

Diese Idee lebt fort. In Zettelkastenprojekten. In der Wiederentdeckung von Christian Thomasius, dem barocken Vorläufer aller Theorie-Avantgardisten. Er, der im 17. Jahrhundert mit den Mitteln der Satire und der Debatte gegen die dumpfe Ordnung des Lehrbetriebs wetterte. Für ihn war die Universität ein Ort der Geselligkeit, nicht der Kontrolle. Lernen durch Lehren. Denken durch Streit. Theorie als Kaffeehaus, nicht als Curriculum.

Und dann Alexander Kluge. Oder besser: sein Satz über Krahl. Dass nur zwei Denker dem Silicon Valley wirklich etwas entgegensetzen: Luhmann und Krahl. Nicht wegen ihrer Gemeinsamkeit. Sondern wegen ihrer Systemradikalität. Der eine durch die kühle Beobachtung der Form. Der andere durch den heißen Furor der Theorie.

Krahl, der erkannte, dass technische Revolutionen einfacher sind als soziale. Dass der SDS scheiterte, weil er die Systemmechanismen nicht begriff. Und dass Theorie eben nicht bedeutet, dass man verstanden hat – sondern dass man im Moment des Sprechens an seine Grenze stößt.

Theorie ist kein Fach. Kein Beruf. Keine Methode. Sie ist ein Zustand. Eine Unruhe. Eine Erschütterung. Krahl lebte sie. Schopenhauer auch. Und wir? Sollten vielleicht aufhören, nach Lehrplänen zu fragen. Und anfangen, wieder Sätze zu schreiben, die uns selbst aus der Bahn werfen.

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