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Fünfhundert Meilen

Wenn du den Zug verpasst, auf dem ich fahre,
dann weißt du, dass ich fort bin.
Und doch hörst du das Pfeifen.
Ein dünner, sehnsüchtiger Klang,
hundert Meilen entfernt –
aber in meinem Kopf ist er so laut,
als stünde der Zug direkt vor mir.

Ich höre das Lied immer wieder.
Es läuft, wenn ich auf dem Rad sitze.
Es läuft in meinem Kopf, wenn ich schweige.
Es lief, als ich am 16. Juli 2019 in Bonn losfuhr.
Und es läuft noch heute,
fast jeden Tag seit dem 6. Mai.

„Lord, I’m one, Lord, I’m two…
Lord, I’m five hundred miles from my home.“

Heimat – was ist das noch ohne Miliana?

Ich fahre durch Wälder,
über sanfte Hügel,
durch Städte,
die keine Bedeutung für mich hatten,
bis ich in ihnen weinte.
Die Tränen kamen leise,
manchmal zwischen zwei Akkuladungen,
manchmal mitten auf einem Campingplatz.
Und sie kamen immer dann,
wenn ich mich fragte:
Was wäre, wenn?

Nicht einmal ein Hemd auf dem Rücken,
keine Münze in der Tasche –
so fühlt sich Trauer an.
Nicht äußerlich,
sondern in den Schichten darunter:
dort, wo das Nichts pocht.

Ich konnte nicht zurück,
nicht so,
nicht mit dieser Leere.

Also fuhr ich.
500 Meilen.
Und noch einmal 500.
Und dann wieder 500.
Jede Meile eine Zeile,
jeder Kilometer ein Gedanke an dich.
Die Spree bei Lübbenau,
die Alpen bei Meran,
die Kathedrale in Straßburg.
Ich hinterließ Spuren,
aber keine sichtbaren.
Nur stille Zeichen.
Eine Schmetterlingswiese.
Ein Kerzenlicht.
Ein Blogbeitrag.
Ein letzter Blick zurück.

Die Leute sagten, ich sei stark.
Aber sie hörten nicht das Lied,
das nachts durch mein Inneres fuhr:
You can hear the whistle blow a hundred miles.

Vielleicht ist es das, was bleibt:
dieses leise Pfeifen in der Ferne.
Ein Echo,
das mich an die Liebe erinnert.
An den Verlust.
An die Reise.

Und irgendwann,
wenn ich still genug bin,
höre ich vielleicht,
wie Miliana mitsingt.

https://fuermiliana.com/category/reisetagebuch

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