
Führung, ein Begriff so alt wie die Menschheit selbst. Doch in einer Welt, die sich immer schneller dreht, entstehen neue Modelle, die diesen Begriff radikal neu interpretieren. Topsharing, Shared Leadership, Collective Leadership – Begriffe, die uns um die Ohren fliegen wie Blätter im Herbstwind. Randolf Jessl, Founder der Auctority GmbH und Autor des Fachbuchs „Shared Leadership“, proklamiert im Podcast von „neues lernen“ den Aufbruch in eine neue Ära. Doch was steckt wirklich dahinter?
Der Reiz des Neuen
Jessl erklärt, dass für Collective Leadership alle Mitarbeitenden Führungsverantwortung übernehmen müssen. Ein revolutionärer Ansatz, der alte Glaubenssätze über Bord werfen will. Doch wie bei jeder revolutionären Idee stellt sich die Frage: Was ist Vision und was ist Illusion?
Tom van der Lubbe von Viisi ergänzt im Podcast die Perspektive: Collective Leadership soll konkret umsetzbar sein. Aber ist das wirklich machbar? Kann jeder Mitarbeiter tatsächlich eine Führungsrolle übernehmen? Oder führt dieser Ansatz nicht vielmehr zu einem verwässerten Führungsbegriff und einer Überforderung der Mitarbeitenden?
Die Realität hinter den Buzzwords
Ein Heer von Managementberatern und Umstrukturierungsexperten plädiert für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität. Ohne die Machtstrukturen zu ändern, bleibt alles nur schöner Schein. Abteilungen werden als eigenständige „Profit Centers“ etabliert, um mehr Spielraum und Unternehmergeist zu fördern. Doch in der Praxis ändert sich wenig. Die alten Machtstrukturen bleiben bestehen, nur hübsch verpackt in neuen Begriffen.
Tanja Berg, Leadership-Expertin, bringt es auf den Punkt: Shared Leadership kann noch funktionieren, aber Collective Leadership wird schnell zur Utopie. Nicht alle Mitarbeitenden können, wollen oder sollten Führungsrollen übernehmen. Formale Entscheidungsbefugnisse, Verantwortung und Kompetenz sind im Wirtschaftskontext unerlässlich. Informelle Führung mag derzeit gehypt sein, aber das macht sie nicht automatisch zur besseren Lösung.
Die subtile Steuerung der Massen
Die Flexibilisierungsideologen predigen Freiheit, Autonomie und Spontanität, doch in Wahrheit geht es ihnen um die Steuerung. Libertärer Paternalismus nennt sich das, eine vermeintlich individuelle Wahlfreiheit, die in Wahrheit durch unsichtbare und informelle Autoritätsfiguren gesteuert wird. Eine „freiheitliche Bevormundung“, die den Eindruck erweckt, frei und eigenverantwortlich zu handeln, während man in Wirklichkeit in vorgegebene Bahnen gelenkt wird.

