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Fettleber an Großhirn: Warum das Gespräch mit Christina Steinbach auf der Zukunft Personal Süd zeigt, dass Kantinenpolitik längst eine Frage der Unternehmenskultur ist #ZPSued

Der Gesundheitsstaat in der Schnitzelschlange

Die deutsche Arbeitswelt liebt das Paradox. Sie veranstaltet Gesundheitstage, plant Aktionsstände, verteilt Broschüren zur Prävention, spricht über Resilienz, Wohlbefinden und Achtsamkeit – und zur Sicherheit legt die Kantine noch schnell Wiener Schnitzel auf. Christina Steinbach, Ernährungswissenschaftlerin und für Dr. Ambrosius auf der Zukunft Personal Süd unterwegs, erzählte im Messe-TV genau von diesem Moment. Wochenlang wird an guter Ernährung gearbeitet, dann tritt der Ernstfall der betrieblichen Wirklichkeit ein, und ausgerechnet an diesem Tag triumphiert das panierte Beruhigungssystem der Republik.

Man sollte diesen Vorgang nicht unterschätzen. In ihm steckt die ganze Dramatik der betrieblichen Gesundheitsförderung. Das Unternehmen will Veränderung, aber bitte ohne Verstörung. Es möchte modern erscheinen, ohne die innere Ordnung des Alltags ernsthaft zu berühren. Also stellt es den Obstkorb neben die Fritteuse, lädt zur Ernährungsberatung und rettet zugleich das alte Ritual des Trostessens über die Mittagspause. Das Ergebnis kennt jeder: Gesundheit wird zur Kulisse, die Currywurst bleibt das Regime.

Das Schnitzel ist nie nur ein Schnitzel

Steinbach war in diesem Gespräch gerade deshalb interessant, weil sie sich der üblichen Moralrhetorik entzog. Kein missionarischer Furor, kein pädagogisches Schmalz, kein Feldzug gegen Fleisch, Fett und Freude. Ihr Ansatz war viel klüger und, wenn man so will, gefährlicher. Sie sprach nicht von Verboten, sondern von Strukturen. Nicht von guten und bösen Lebensmitteln, sondern von Alltagslogiken. Nicht von Schuld, sondern von Zusammensetzung.

Darin liegt der entscheidende Unterschied. Das Ernährungsproblem der Gegenwart beginnt selten bei der Haxe als solcher. Es beginnt bei der Gewohnheit, beim Rhythmus, bei der Erreichbarkeit, bei den Situationen, in denen Essen zum Nebenprodukt eines überlasteten Tages wird. Steinbach bringt dafür das Beispiel der ambulanten Pflegekraft, die von A nach B hetzt und oft schon daran scheitert, Mahlzeiten überhaupt verlässlich in einen Tag einzubauen. Genau an dieser Stelle kippt der Gesundheitsdiskurs. Er verläßt die moralische Bühne und betritt die soziale Wirklichkeit.

Das ist der Punkt, an dem das Thema plötzlich ernst wird. Fettleber, Übergewicht, Erschöpfung, Blutzucker, Konzentration, all das ist nicht nur eine medizinische Angelegenheit. Es ist auch eine Frage von Arbeitsorganisation. Wer keine Zeitstruktur hat, ißt anders. Wer unter Dauerstress steht, ißt anders. Wer in einem Unternehmen arbeitet, das Gesundheit als Event und nicht als Kultur behandelt, ißt ebenfalls anders.

Von der Hausärztin zur Unternehmenskantine

Das Gespräch wurde besonders stark, als der private Befund in die betriebliche Frage hineinrutschte. Die Diagnose Fettleber kam zur Sprache, jener stille Warnschuss, der zunächst nicht weh tut, aber irgendwann die Oberfläche des Lebens durchbricht. Genau darin steckt ja die Tragik dieses Themas. Es meldet sich lange nicht. Kein Donner, kein Zusammenbruch, kein sofortiges Drama. Nur Zahlen, Werte, Laborbefunde, irgendwann der Satz der Ärztin, daß jetzt etwas geändert werden müsse.

Und dann beginnt in Deutschland gewöhnlich die Liturgie der Liste. Das dürfen Sie nicht mehr. Das wäre jetzt besser. Mehr davon, weniger davon, hier bitte aufpassen, dort besser verzichten. Steinbach hat gegen diese Praxis einen klugen Einwand vorgebracht. Ärzte, sagt sie im Kern, arbeiten oft mit knappen Tipps, während echte Ernährungsberatung tiefer ansetzen müßte: beim Alltag, beim Essrhythmus, bei der Kombination der Mahlzeiten, bei der Frage, wie jemand überhaupt lebt. Das ist der Unterschied zwischen Verordnung und Verstehen.

Die Pointe dabei ist von einer gewissen Komik. Jahrzehntelang interessiert man sich nicht sonderlich dafür, wie der eigene Stoffwechsel organisiert ist. Dann kommt eine Diagnose, und aus dem übermütigen Esser wird ein Systemdenker mit Gemüsemarkt und schwarzem Kaffee. Die deutsche Seele liebt auch hier das Entweder-oder. Vorher Haxe, nachher Humus. Vorher Cola, nachher radikale Abstinenz. Steinbach hält dem kein asketisches Gegenmodell entgegen. Sie wirbt für ein Baukastenprinzip, für das Bewußtsein, daß eine Mahlzeit als Ganzes wirkt und nicht als moralisch isolierte Einzelzutat.

Nudging auf dem stillen Örtchen

Wirklich erheiternd wurde das Gespräch dort, wo die Gesundheitsförderung ihre niederschwellige Seite zeigte. Weniger Wurst, mehr Wums – ein Spruch, so Steinbach, den man auch aufs Klo hängen könne, damit Menschen im denkbar stillsten Moment des Betriebsalltags einen kleinen Impuls mitnehmen. Man kann darüber lachen. Man sollte sogar. Denn in dieser heiteren Kleinform steckt womöglich mehr Wahrheit als in vielen großspurigen BGM-Konzepten.

Der Gesundheitstag scheitert oft an seiner Feierlichkeit. Er tritt auf wie eine pädagogische Sonderzone. Alle wissen, daß heute wieder etwas für das Wohlbefinden getan wird. Man hört zu, nickt, nimmt vielleicht einen Apfel und geht danach zurück in die Organisation, die alles beim alten läßt. Steinbach setzt dagegen auf kleine Irritationen, auf beiläufige Anstöße, auf Bilder und Gespräche, die im Alltag auftauchen. Nicht der große Bannspruch gegen das Falsche, eher die langsame Verschiebung des Möglichen.

Das ist sehr modern gedacht und zugleich sehr alt. Kulturen ändern sich selten durch Anweisung. Sie ändern sich durch Wiederholung, durch Sichtbarkeit, durch das, was erreichbar, greifbar, billiger, leckerer und normaler wird. Genau deshalb insistiert Steinbach so stark auf der Kantine. Nicht als Randthema, nicht als Serviceeinheit, nicht als logistischer Anhang des Unternehmens, sondern als tägliches Kommunikationsmedium. Über kaum etwas wird in Büros so zuverlässig gesprochen wie über Kaffee, Snacks, Mittagessen, die Qualität des Angebots und die Enttäuschungen des Tabletts.

Die Kantine als ideologisches Gerät

Man muß diesen Gedanken nur einen Schritt weiterdenken, und schon wird daraus ein Essay über Macht. Die Kantine ist kein neutraler Raum. Sie organisiert Gewohnheiten, Prioritäten, Zugriffe, Verfügbarkeiten. Sie ist ein kleines ideologisches Gerät der Arbeitsgesellschaft. Dort wird sichtbar, was ein Unternehmen über Fürsorge, Leistung, Preis, Bequemlichkeit und den Wert des eigenen Personals wirklich denkt.

Steinbach formulierte das bemerkenswert offen. Das Gesündere müsse leichter erreichbar sein, grifftechnisch günstiger liegen, im Idealfall preiswerter sein und häufiger vorkommen als das weniger Förderliche. Genau so spricht jemand, der verstanden hat, daß Ernährungsförderung nicht bei der Einsicht beginnt, sondern bei der Architektur der Wahl. Der Mensch ist nicht zuerst vernünftig, er ist zunächst verfügbar. Er nimmt, was nahe liegt, was vertraut ist, was nicht extra Kraft kostet.

An diesem Punkt wird aus Ernährungswissenschaft plötzlich Sozialtheorie. Das Problem ist nicht die mangelnde Belehrung. Das Problem ist die falsche Anordnung der Welt. Wer Menschen zwölfmal am Tag zwischen Termindruck, Meetingrest und Müdigkeit entscheiden läßt, produziert vorhersehbare Ergebnisse. Wer ihnen zugleich ein Unternehmen baut, in dem Gesundheitsmanagement und Betriebsrestaurant in verschiedenen Zuständigkeiten voneinander getrennt sind, darf sich über die Folgen nicht wundern.

Die Republik der Ernährungs-Influencer

Natürlich gehört zur Komik des Themas auch seine ungeheure Meinungsfreudigkeit. Kaum ein Gebiet bringt mehr selbsternannte Experten hervor als Ernährung. Fußball und Essen sind in Deutschland die beiden letzten großen Volksuniversitäten ohne Zulassungsbeschränkung. Jeder hat eine Theorie, eine Tante mit Geheimwissen, einen Influencer mit Cortisolwarnung, eine morgendliche Regel, eine späte Bekehrung, einen kleinen Kult. Steinbach erzählt von genau dieser Lage mit wohltuender Gelassenheit. Kaffee zur falschen Uhrzeit, Butter gegen Frischkäse, Fett gegen Zucker, Zucker gegen Gluten, Gluten gegen Glück – die Erregungsmaschine läuft ständig.

Ihr Einwand dagegen ist von entwaffnender Klarheit. Nicht das Mikromanagement der Einzelminute entscheidet, sondern die Basis. Mehr Pflanzen, mehr Gemüse, mehr Obst, mehr Hülsenfrüchte, bessere Kombinationen, mehr Verständnis dafür, wie Mahlzeiten im Körper zusammenwirken. Es ist fast rührend, daß diese einfache Wahrheit immer wieder gegen das hysterische Kleinklein der digitalen Ernährungsöffentlichkeit verteidigt werden muß.

Gerade hier zeigt sich ein tieferer Zug der Gegenwart. Die Gesellschaft verliert das Maß für das Große und flüchtet ins Detail. Sie diskutiert über die Minute des Kaffeekonsums und übersieht die Struktur des Tages. Sie streitet über Hafermilch und übersieht den Dauerstress. Sie moralisiert Zutaten und ignoriert Arbeitsbedingungen. Steinbachs Gespräch war in diesem Sinn auch ein Einspruch gegen die Zerfaserung der Vernunft.

Attraktive Arbeitgeber essen anders

Der Titel ihres Vortrags hatte Witz und Wahrheit: Attraktive Arbeitgeber essen anders. Man könnte diesen Satz leicht für ein gefälliges Messebonmot halten. In Wirklichkeit steckt darin ein ernstes Programm. Ein Unternehmen, das Menschen gewinnen und halten will, muß die materiellen Formen seines Alltags ernst nehmen. Nicht nur Gehalt, nicht nur Benefits, nicht nur Purpose-Rhetorik. Auch die Frage, wie gegessen, pausiert, zugegriffen und gesprochen wird.

Denn Essen im Unternehmen ist nie bloß Nahrungsaufnahme. Es ist Kultur, Beziehung, Taktung, Milieu. Es verrät etwas über Wertschätzung, über Klassenverhältnisse, über die innere Verfassung eines Betriebs. Wer nur zur Imagepflege einen Gesundheitstag veranstaltet und am nächsten Morgen wieder das alte Ernährungschaos regieren läßt, dokumentiert vor allem seine eigene Halbherzigkeit.

Steinbach fordert deshalb keine Kampagne, sondern Konzeptarbeit. Nicht einen Vortrag für die Kulisse, nicht einen Aktionstag für den Jahresbericht, vielmehr eine über Jahre gedachte Strategie, die Gesundheitsförderung in den Alltag des Unternehmens einschreibt. Genau hier endet die Folklore des Betrieblichen Gesundheitsmanagements und beginnt Kulturpolitik.

Von der Leber ins Denken

Der schönste Satz dieses Gesprächs stand unausgesprochen im Raum: Die Leber denkt mit. Das klingt übertrieben, ist aber gar nicht so falsch. Wer regelmäßig falsch, hektisch, planlos oder gegen die Logik seines eigenen Alltags ißt, erlebt die Folgen nicht nur im Blutbild. Es verändert Energie, Konzentration, Stimmung, Arbeitsfähigkeit, Müdigkeit, Reizbarkeit, Belastbarkeit. Gesundheit ist kein Nebenschauplatz der Produktivität. Sie ist eine ihrer stillen Voraussetzungen.

Vielleicht erklärt das auch, warum dieses Gespräch auf der Zukunft Personal Süd mehr war als ein kleiner Exkurs über Kantinen. Es handelte von der Frage, wie Unternehmen überhaupt auf Menschen schauen. Als zu optimierende Leistungsträger, denen man ab und zu einen Gesundheitstag gönnt? Oder als Wesen mit Stoffwechsel, Gewohnheiten, Schwächen, Rhythmen, Bedürfnissen, kurz: als ganze Personen?

Die Antwort entscheidet sich oft nicht in Leitbildern, sondern zwischen Currywurst, Krautsalat und der Anordnung des Buffets. Das klingt klein. Ist es aber nicht. Denn viele große Probleme der Arbeitswelt beginnen bekanntlich im Kleinen. Mit einem Termin zu viel. Mit einer Pause zu wenig. Mit einer Leber, die sich lange nicht meldet. Und mit einem Großhirn, das alles weiß und trotzdem erst nach der Diagnose anfängt, vernünftig zu werden.

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