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Faul? Falsch gerechnet. Warum der Mythos vom arbeitsscheuen Deutschen ein statistisches Märchen bleibt @bundeskanzler

Es ist ein Muster, das sich regelmäßig wiederholt: Wenn wirtschaftliche Leistungsdaten nicht den Erwartungen entsprechen, rückt das Bild des angeblich arbeitsscheuen Deutschen in den Mittelpunkt. Diesmal ist es Bundeskanzler Friedrich Merz, der mit einem Vorschlag aufhorchen lässt, der wie aus der Mottenkiste stammt – ein Feiertag müsse weg, damit mehr gearbeitet werde. Eine einfache Rechnung: Ein Tag mehr Arbeit, acht Milliarden Euro mehr Wirtschaftsleistung. Doch wie so oft steckt die Tücke im Detail – oder genauer: in der Statistik.

Dr. Katharina Schüller, Statistikerin, KI-Expertin und CEO von STAT-UP, liefert mit ihrer Analyse zur „Unstatistik des Monats“ die notwendige Korrektur dieser politischen Kurzschlusshandlung. Deutschland sehe in internationalen Vergleichen schlechter aus, als es in Wirklichkeit sei, sagt sie. Das liege vor allem an einem blinden Fleck der OECD-Daten: Die hohe und weiter steigende Teilzeitquote – vor allem bei Frauen – werde nicht ausreichend berücksichtigt. Dadurch entstehe ein verzerrtes Bild von der tatsächlichen Arbeitsleistung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Rechnet man sauber um, zeigt sich: Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf hat sogar zugenommen.

Wer trotzdem am Mythos der deutschen Trägheit festhält, ignoriert nicht nur die Realität des modernen Arbeitsmarkts, sondern auch die strukturellen Ursachen für bestehende Produktivitätsprobleme. Schüller benennt diese klar: Es geht nicht um Faulheit, sondern um demografische Effekte, unzureichend qualifizierte Arbeitsmigration und ein unzeitgemäßes Maß an Bürokratie. Hinzu komme der schleppende Einsatz neuer Technologien, insbesondere künstlicher Intelligenz – all das bremse die tatsächliche Produktivität der deutschen Wirtschaft.

In der Sendung „Zukunft Personal Nachgefragt“ wird das Thema Arbeitszeit von einem weiteren Experten seziert: Guido Zander, Arbeitszeitstratege und langjähriger Unternehmensberater, geht in die Offensive gegen den politischen Aktionismus. Für ihn ist die Debatte um Vier- oder Sechs-Tage-Woche nichts weiter als eine Ablenkung. „Wir brauchen keine Hypes, sondern Wahlfreiheit“, lautet sein Mantra. Wer pauschal mehr arbeiten will, der ignoriert die Realität eines sich ausdifferenzierenden Arbeitsmarkts. Zander fordert: Lasst die Menschen selbst entscheiden, wie viel sie arbeiten wollen. Für manche bedeutet das 30 Stunden, für andere 40 – je nach Lebensphase, Gesundheit, familiärer Situation.

Dabei kommt der produktive Kern seiner Argumentation zum Vorschein: Der entscheidende Hebel liegt nicht in pauschaler Mehrarbeit, sondern in intelligenter Verteilung. Statt neue Belastungen auf diejenigen zu schichten, die ohnehin schon arbeiten, müsse es darum gehen, neue Gruppen in Beschäftigung zu bringen – ältere Menschen, Eltern, Migranten. Dafür brauche es gute Kinderbetreuung, flexible Rentenmodelle und weniger gesetzliche Hindernisse. Es ist ein Aufruf zu mehr Pragmatismus in der Arbeitszeitpolitik – fernab von ideologischen Grabenkämpfen.

In dieser Gemengelage wird deutlich, dass es weniger um den Umfang der Arbeit geht, als vielmehr um ihre Organisation, Verteilung und Effizienz. Die Arbeitswelt hat sich längst verändert. Die lineare Logik der Industriegesellschaft, in der mehr Stunden automatisch mehr Wohlstand bedeuteten, trägt nicht mehr. Auch das unterstreicht Schüller in ihrem Befund. Produktivität, nicht Präsenz, ist der Maßstab. Das politische Narrativ von der „Kraftanstrengung“ ist daher nicht nur irreführend, sondern auch gefährlich – weil es die eigentlichen Probleme verschleiert.

Denn, so die Schlussfolgerung: Die wahre Herausforderung liegt nicht in der Zahl der Feiertage, sondern in der Fähigkeit, strukturelle Hindernisse zu beseitigen, technologische Rückstände aufzuholen und den Mut zur Flexibilisierung aufzubringen. Schüller mahnt an, dass überbordende Bürokratie und fehlende Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz in der Summe dazu führen, dass Deutschland weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

Zudem lohnt ein Blick in die Literatur, genauer gesagt in den Roman „Wer sich zuerst bewegt hat verloren“ von Zoé Shepard. In Tagebuchform seziert sie die Absurditäten moderner Büroarbeit: Wie aus jeder Geschäftsreise eine Weiterbildungs-Exkursion wird, aus jeder Notiz ein Bericht zur Projektprüfung, aus jedem Telefonat eine Telefonkonferenz – und aus jedem belanglosen Gedanken ein Strategiepapier.

Shepard beschreibt damit nicht nur eine Kultur der Überformung, sondern einen strukturellen Anwesenheitswahn, der mit echter Wertschöpfung wenig zu tun hat. Flexibles Arbeiten sieht anders aus – und hat nichts mehr mit der Wirtschaftswunder-Logik eines Ludwig Erhard zu tun. Stattdessen braucht es ein radikales Umdenken: weg von der Quantität, hin zur Qualität. Das ist die wahre „gewaltige Kraftanstrengung“, vor der wir stehen.

Siehe auch:

https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1474780.html

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