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Faschismus ist kein Etikett – Warum Erinnerung nicht zur Pose werden darf

Faschismus hat in meiner Familie kein Denkmal hinterlassen. Kein Ehrenmal, keine Bronzeplatte, keine feierliche Inschrift im Schulbuch. Er hat Leben zerstört. Zuerst die wirtschaftliche Existenz, dann die Würde, schließlich das Leben meines Großvaters. Wilhelm Sohn war Jude, Gastwirt, Landwirt – und er starb unter ungeklärten Umständen im Mai 1942, kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz. Die Nazis hatten ihm alles genommen: Haus, Heimat, Namen, Beruf, Rechte, Identität. Am Ende blieb nur noch ein Verwaltungsakt: eine Sterbeurkunde mit dem Zusatz „ohne Beruf, israelitisch“. Das war das letzte Wort des Staates über ihn.

Wenn ich heute sehe, wie sorglos, ja beinahe kokett mit dem Begriff Faschismus hantiert wird – auf Konferenzen, in Talkshows, auf LinkedIn – spüre ich Wut. Und Trauer. Nicht, weil ich gegen scharfe Begriffe bin. Sondern weil diese Schärfe stumpf wird, wenn man sie auf alles anwendet, was einem verdächtig erscheint: Plattform-Kapitalismus, technokratische Eliten, Künstliche Intelligenz, Social Scoring, neoliberale Bildungsökonomie, Twitter-Algorithmen.

All das mag kritikwürdig sein – durchaus auch gefährlich. Aber faschistisch?

Es gehört zu den ironischen Paradoxien unserer Zeit, dass ausgerechnet jene, die sich gegen autoritäre Denkmuster stemmen, selbst eine Rhetorik des Absoluten pflegen. Wer heute Peter Thiel oder Elon Musk als „Tech-Faschisten“ bezeichnet, verharmlost nicht nur den historischen Faschismus. Er ersetzt Analyse durch Affekt. Er bastelt sich eine Welt, in der moralische Überlegenheit ausreicht, um komplexe Zusammenhänge zu erklären – und Schuldige gleich mitzuliefern.

Doch Faschismus war kein Mem. Es war keine politische Tendenz, keine Technologiefrage, kein Stil. Es war ein konkretes, mörderisches Regime: mit Lagern, Gestapo, V-Leuten, Rassegesetzen, Arisierungen, Ghettos, Deportationen, Gaskammern. Faschismus war nicht metaphorisch. Er war administrativ. Er war organisiert. Er war industriell.

Mein Großvater starb nicht an einem Diskurs. Er starb in einem System, das Menschen selektierte, registrierte, entrechtete und schließlich vernichtete – Schritt für Schritt. Daran erinnert keine Ethik-Tagung über „digitale Repression“, sondern ein Blick auf seine Todesurkunde.

Ich sage das nicht, um heutige Gefahren kleinzureden. Im Gegenteil: Die Welt ist voll von neuen Formen der Kontrolle, Ausgrenzung und Überwachung. Aber gerade deswegen brauchen wir präzise Begriffe, keine moralischen Nebelkerzen.

Es ist ein Akt der Selbstermächtigung, sich kritisch mit Macht auseinanderzusetzen. Aber es ist ein Akt der Selbstvergessenheit, dabei auf jene Worte zurückzugreifen, die einst den Widerstand gegen ein tödliches Regime beschrieben – und nun als Etikett für alles gelten, was einem nicht passt.

Was mich besonders schmerzt: Diese begriffliche Entgrenzung höhlt die Erinnerung aus. Sie macht das Grauen verfügbar für aktuelle Erregungen – und entzieht es damit dem, was es eigentlich verlangt: stille Wut, historische Tiefe, Verantwortung.

Die Geschichte meiner Familie ist kein Stoff für Hashtags. Sie ist Teil einer Erinnerung, die nicht fragmentarisch, nicht symbolisch, sondern konkret weitergegeben werden muss. Sie erzählt vom Verlust eines Namens, vom Verlust eines Berufs, vom Verlust eines Lebens. Und sie endet nicht mit einer Replik im Kommentarbereich.

Ich sehe es als meine Aufgabe, dieser Erinnerung Raum zu geben – gegen die Pose, gegen die Projektion, gegen die neue Gemütlichkeit des Moralischen. Wer über Faschismus spricht, sollte wissen, wovon er spricht. Und wer ihn bekämpfen will, muss seine Geschichte kennen – nicht nur seine Schablone.

Denn eines ist sicher: Der Faschismus war kein Algorithmus. Er war ein Mordregime. Und er beginnt nicht mit Technologie. Er beginnt mit der Ausgrenzung des Anderen.

Soweit meine Gedanken zum Beitrag von Klaus Janowitz: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus (Rezension)

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