
Wer heute durch die stillen Gänge des Musée des Beaux-Arts in Rouen streift, mag sich fragen, was Jacques-Émile Blanche mit seinen Porträts wohl gedacht hat. Die Gesellschaft, wie Blanche sie auf die Leinwand warf, taumelt zwischen Dekor und Dekadenz. Aber der wahre Kern des Dramas, das hier gespielt wird, liegt nicht auf der Leinwand, sondern in der Tiefe der Texte.
Prousts Brief an Camille Vettard, fast entschuldigend, beinah erschöpft: eine Feder, die schreibt, obwohl sie nicht mehr will. „Morand, den ich hunderttausend Mal weniger bewundere als Giraudoux, dem ich aber hunderttausend Mal mehr verbunden bin,“ schreibt Proust, als wäre die Welt ein absurdes Theater, in dem er gezwungen ist, ein Vorwort zu verfassen. Und doch: Zwischen den Zeilen schimmert keine Bewunderung für Morand, sondern ein zögerlicher, fast widerwilliger Respekt vor der persönlichen Nähe, die sie verbindet – während Giraudoux in Prousts Augen die Eleganz verkörpert, die er selbst sucht. Es ist, als ob Proust in diesem Brief eine unsichtbare Linie zieht: Hier das Handwerk, dort die Kunst. Hier der Diplomat Morand, dort der Literat Giraudoux.
Im Vorwort zu Morands „Amouren“ entfaltet sich Prousts literarischer Sarkasmus in voller Blüte. Er lobt, nur um dann gleich wieder zu entzaubern: „Besser keine Bilder,“ schreibt er, und meint doch eigentlich: Besser kein Morand. Es ist fast grausam, wie er Morands Stil seziert, seine „nicht notwendigen Bilder“ als Stolpersteine in einem Labyrinth entlarvt, das niemand durchschreiten will. Und dennoch bleibt eine seltsame Ambivalenz: die Verbindung zu einem Mann, den er weniger bewundert als er muss, der aber in seiner Welt existiert wie ein notwendiges Relikt.
Prousts wahre Leidenschaft aber gilt Giraudoux. Er ist für Proust das, was Blanche für die Kunst war: ein Beobachter, ein Chronist, ein Visionär. Der Gedanke, dass Giraudoux der Nachfolger sein könnte, der die literarische Fackel trägt, flackert in jeder Zeile, die Proust ihm widmet. Doch bleibt Proust auch hier sich treu: kein einfacher Lobgesang, sondern ein kompliziertes Netz aus Bewunderung, Kritik und literarischer Reflexion.
Das Musée des Beaux-Arts zeigt also mehr als nur Porträts: Es zeigt eine Welt in Nuancen, in Kontrasten. Und während Proust und Blanche auf den Leinwänden und in den Texten miteinander ringen, bleibt die Frage: Wer wird die Fackel wirklich tragen? Vielleicht ist es weder Morand noch Giraudoux. Vielleicht ist es das Labyrinth selbst, das uns führt, wo wir nie hinwollten.
Eine kleine Ergänzung zur Exkursion der Marcel-Proust-Gesellschaft.
