
Die Luft in Bergen-Enkheim ist an diesem Spätsommertag erfüllt von Vorfreude, als Dinçer Güçyeter sich im Hessencenter den Bürgern als neuer Stadtschreiber vorstellt. Die kleine Stadt am Rande von Frankfurt hat einen neuen literarischen Repräsentanten, und sein Name ist Dinçer Güçyeter. Es ist eine Tradition, die bis ins Jahr 1974 zurückreicht, als Bergen-Enkheim, damals noch eine selbstständige Stadt, beschloss, die literarische Welt auf ihre ganz eigene Art zu bereichern. Ein Stadtschreiber, so die Idee, sollte nicht nur schreiben, sondern auch leben, atmen und Teil des pulsierenden Alltags sein. Eine Idee, die vielen Kommunen seitdem als Vorbild diente, doch in Bergen-Enkheim, so scheint es, bleibt sie etwas ganz Besonderes.
Güçyeter, geboren 1979 in Nettetal, ist ein Mann, der viele Leben in sich vereint. Seine Eltern, in den 1960er-Jahren auf der Suche nach Arbeit aus der Türkei nach Deutschland gekommen, haben ihm die Werte von Fleiß und Beharrlichkeit mit auf den Weg gegeben. Ein Weg, der ihn durch die rauen Arbeitswelten des Werkzeugbaus führte, bevor er schließlich, wie ein Fluss, der seinen Lauf findet, in die Literatur mündete. Er schrieb Gedichte, die ihn bekannt machten, gründete 2011 den Elif Verlag und wurde zu einer Stimme, die man in der deutschsprachigen Literaturszene nicht überhören konnte.
„Literatur im Festzelt? Dinçer Güçyeter findet das großartig: ‚Es wird schön.‘ Er bringt die Regeln gerne durcheinander, auch bei seinen Lesungen. ‚Ich erzähle gern, ich lese nichts vor‘,“ berichtet die FAZ. Güçyeter möchte, dass jeder Abend ein wenig anders ist, dass jede Lesung zu einem Erlebnis wird, das die Menschen in ihren Bann zieht. Mit seinem Versprechen, „wie am Theater sollte jeder Abend ein bisschen anders sein,“ weckt er die Neugier und lässt erahnen, dass die Einwohner von Bergen-Enkheim sich auf ein Jahr voller überraschender literarischer Begegnungen freuen dürfen.
Exkurs: Das literarische Sommerinterview in Bonn-Duisdorf 2021
Aber Bergen-Enkheim ist nicht der einzige Ort, der in diesem Sommer von Güçyeters literarischer Kraft verzaubert wurde. Bereits im Sommer 2021 war er zu Gast in Bonn-Duisdorf, wo er im literarischen Sommerinterview eine tiefe Spur hinterließ. Dort zeigte sich Güçyeter nicht nur als versierter Erzähler, sondern auch als ein Mann, der die Menschen mit seiner Präsenz und seiner ergreifenden Authentizität fesselt. Das Interview, das mehr ein intimes Gespräch als eine bloße Befragung war, gab Einblicke in die Gedankenwelt eines Dichters, der seine Herkunft und seine Erfahrungen tief in seinem Werk verwurzelt hat.
Güçyeter sprach über seine literarischen Anfänge, über die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die ihn prägten, und über die Kraft der Worte, die ihm letztlich den Weg in die Literatur ebneten. In Bonn-Duisdorf erzählte er von der Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen, die er nicht als Last, sondern als wertvolle Quelle seiner Kreativität empfindet. Seine Gedichte, so erklärte er, sind ein Spiegel dieser doppelten Identität, ein Geflecht aus Bildern und Erinnerungen, die er zu einem vielschichtigen poetischen Teppich verwebt.
Besonders eindrucksvoll war Güçyeters Offenheit, mit der er über seine Arbeit als Dichter und Verleger sprach. Er gab zu, dass das Schreiben für ihn nicht immer leicht sei, dass er oft mit sich und seinen Texten ringe, doch diese Kämpfe seien es wert, denn sie führten zu einer tieferen Wahrheit, zu einer Authentizität, die seine Werke auszeichnet. Diese Offenheit und Ehrlichkeit machten das Interview in Bonn-Duisdorf zu einem besonderen Erlebnis – einem, das den Zuhörern lange im Gedächtnis bleiben wird.
Gedicht für Dinçer: Im Schatten des Windes
Am Rand der Stadt,
wo die Winde sich verwehen,
schreitet ein Mann,
sein Schatten dehnt sich lang ins Licht.
Das Festzelt steht,
doch die Stimmen flüstern
von fernen Gassen,
die nur im Traum bestehen.
Er geht,
und hinter ihm schließen sich
die Tore aus Gedanken,
versiegelt im Atem der Nacht.
Die Bäume schweigen,
zeugen still von der Zeit,
und im Fernen ein Hauch,
das Echo verlorener Schritte.

