
Vom Parkplatz in Aha führt ein schmaler Waldweg zum Bildstein über dem Schluchsee. Danach glänzen die Kupferkessel der Staatsbrauerei Rothaus hinter Glas. In Saig wartet der Gasthof Ochsen, in dessen Nebenzimmer Redakteure nach 1945 an einer neuen deutschen Öffentlichkeit arbeiteten und aus dessen Geschichte später eine Gründungslegende der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wurde.
Dritter Tag, Dienstag, 11. August 2026
Das Buch steht auf dem weißen Autodach. Hinter ihm ziehen Wiesen, einzelne Häuser und bewaldete Höhen durch das Bild. Auf dem Umschlag von „Das Dorf der Visionäre. Aufbruch in die Bundesrepublik 1927–1947“ malt sich die Landschaft ein zweites Mal: ein Dorf über einem See, ein Mann mit Hut, dahinter die Berge.
Gestern lag der Band von Rainer Bayreuther und Gunilla Eschenbach auf dem ersten Tisch der Freiburger Buchhandlung zum Wetzstein. Heute steht er in Saig, wenige Schritte von den Häusern entfernt, die seine Kapitel tragen. Bücher kehren selten an ihre Schauplätze zurück. Dieses hat dafür kaum einen Tag gebraucht.
Am Vortag kannten wir Saig als Namen auf einem Wegweiser. Bei der Hochfirstwanderung waren wir am Saiger Kreuz vorbeigekommen. Nun fahren wir in das Dorf, nachdem wir am Schluchsee gewandert und in Rothaus vor den Sudkesseln stehen geblieben sind. Der Ausflug folgt zunächst der Landschaft. Im Gasthof Ochsen gerät er in die deutsche Nachkriegsgeschichte.
Aha heißt der Anfang
Aha heißt der kleine Ort am Schluchsee, an dem wir das Auto abstellen. Der Name klingt wie eine spontane Einsicht, doch der Weg zum Bildstein verlangt erst einmal Aufmerksamkeit für Wurzeln und lose Steine. Hinter den letzten Häusern zieht der Pfad in den Hang. Der See verschwindet, der Wald schließt sich.
Der Anstieg verläuft auf einem schmalen Band durch Fichten, Buchen und junge Triebe. Trockenes Laub liegt auf dem Boden. Manche Wurzeln treten quer über den Weg, größere Steine bilden natürliche Stufen. Links fällt der Hang ab, rechts steigt er weiter. Der Blick bleibt lange im Nahbereich: Schuhspitzen, Rinde, Moos, die nächste Kurve.
Die Sonne erreicht den Wald in einzelnen Flächen. Ein Stamm leuchtet auf, ein Felsblock tritt aus dem Halbdunkel, junge Blätter fangen das Licht. Wenige Schritte weiter nimmt der Schatten alles wieder zurück. Die Fotografien dieses Abschnitts verlangen Schwarzweiß. Die Farbe würde von der Ordnung der Stämme, den Diagonalen des Hangs und den hellen Bahnen auf dem Boden ablenken.
Unter den Kronen zeigt sich der Wald als trockenes, arbeitendes Gelände. Manche Zweige sind grau, zwischen den Bäumen liegen Spuren der Hitze. Zugleich betreibt der Wald seine eigene Erneuerung. Junge Buchen stehen zwischen älteren Fichten, Farne besetzen feuchtere Stellen, auf einer offenen Passage wachsen Weidenröschen. Ihre rosa Blüten ragen wie kleine Flammen vor den dunklen Nadelbäumen auf.
Der Bildstein kündigt sich durch Licht an. Die Bäume treten zurück, der Untergrund wird felsiger, dann öffnet sich der Blick. Der Schluchsee liegt tief unter uns, lang gezogen und blau, von Wäldern und helleren Wiesen eingefasst. Boote verschwinden in der Entfernung. Straßen und Parkplätze verlieren ihre Bedeutung. Aus der Höhe wirkt der See gelassener als am Ufer.
Auf dem Felsrücken hat der Sommer das Gras strohfarben werden lassen. Eine Bank steht fast ohne Schatten. Der Hochschwarzwald trägt an dieser Stelle Farben, die man eher südlich der Alpen erwartet: trockenes Gold, blasses Gestein, ein klarer blauer Himmel. Darunter beginnt wieder das dunkle Band der Tannen.
Beim Abstieg verändert sich der Wald. Der Boden beansprucht weniger Aufmerksamkeit; zwischen den Stämmen werden die Tiefe des Hangs, kleine Lichtungen und die feinen Unterschiede im Grün erkennbar. Unten am Schluchsee bleibt Zeit für das Wasser. Der Bildstein ist wieder im Wald verschwunden. Seine Aussicht begleitet uns weiter.
Kupfer hinter Glas
Von Aha fahren wir nach Rothaus. Vor dem Brauereigebäude trägt ein schmiedeeisernes Tor die Jahreszahl 1791. Zwei Greifen halten das badische Wappen. Hinter hohen Glasflächen stehen kupferne Sudkessel, groß, rund und warm glänzend. Draußen lehnt eine überdimensionierte Bierflasche an einem Findling. Die Inszenierung besitzt Humor und Selbstbewusstsein.
Die Badische Staatsbrauerei Rothaus liegt auf tausend Metern Höhe und gilt als Deutschlands höchstgelegene Brauerei. Eigentümerin ist die landeseigene Beteiligungsgesellschaft Baden-Württembergs. Der Staat erscheint hier in einer ungewohnten Rolle: Er hält Anteile an einem Betrieb, der Wasser, Malz, Hopfen und Hefe in eine regionale Institution verwandelt.
Seit Jahren hege ich eine private Vermutung. Brauereien in öffentlicher oder kommunaler Hand bewahren häufiger eine Geduld, die große Marken im Wettbewerb um Kosten und Durchsatz leicht verlieren. Rothaus liefert dafür ein anschauliches Indiz. Die Brauerei nennt sieben eigene Quellen, Sommergerste aus Baden-Württemberg und den angrenzenden Ländern, Aromahopfen aus Tettnang und der Hallertau sowie eine eigene Hefereinzucht. Die Reifezeit kann bis zu fünf Wochen dauern.
Im Geschmack erscheint die Eigentümerstruktur allenfalls indirekt. Man schmeckt, ob ein Bier Zeit bekommen hat. Das Rothaus-Weizenbier besitzt jene weiche Tiefe und saubere Würze, die bei beschleunigter Herstellung rasch verloren gehen. Der Besuch der Brauerei dauert kürzer als die Wanderung. Er gehört trotzdem zu den Vergnügungen dieses Tages: ein traditionsreicher Betrieb in staatlichem Besitz, Kupferkessel hinter Glas und ein Produkt, dessen Qualität für sich steht.
Rothaus bildet auf unserem Weg eine helle industrielle Zäsur. Danach führt die Straße nach Saig, zu einem Dorf, in dem Institutionen anderer Art verhandelt wurden: Zeitschriften, Zeitungen, Marktordnungen und die politische Sprache der jungen Bundesrepublik.
Saig, vom Buch aus gesehen
Die Straße steigt wieder in Richtung Titisee. Dann zweigen wir nach Saig ab. Das Dorf liegt in einer offenen Hochmulde. Wiesen ziehen sich zwischen Häusern und Waldrändern hin, Wegweiser versprechen den Alpenblick, rote Geranien stehen vor grünen Fensterläden. Die Einfahrt kündigt Zimmer, Gasthäuser und Aussicht an. Die publizistische Vorgeschichte der Bundesrepublik gehört erst der Lektüre.
„Das Dorf der Visionäre“ lässt den jungen Dichter Uli Klimsch im Sommer 1919 auf der Schwarzwaldbahn am Titisee ankommen. Er verlässt den See, steigt durch den Hochwald und erreicht oberhalb von tausend Metern die offene Landschaft von Saig. Nach der Enge des Waldes treten Wiesen, Höfe, Kirche und Fernsicht hervor. Der Aufstieg verändert die Wahrnehmung des Ortes, ehe die ersten Personen auftreten.
Diese Bewegung kennen wir inzwischen aus eigener Anschauung. Am ersten Tag sind wir vom Titisee zum Hochfirst gestiegen und am Saiger Kreuz vorbeigekommen. Tags darauf fanden wir in Freiburg das Buch. Nun steht es auf dem Autodach vor seiner Landschaft. Der Zufall besitzt hier die Präzision einer guten Buchhandlung.
Saig zog im vergangenen Jahrhundert Menschen an, die in den Städten Rang und Namen hatten und auf der Höhe Abstand suchten: Martin Heidegger, Edmund Husserl, Otto Dix, Marie Luise Kaschnitz, Walter Eucken, Leonhard Miksch, Hanns Martin Schleyer. Ferienaufenthalte, Liebesgeschichten, philosophische Gespräche, wirtschaftspolitische Entwürfe und publizistische Projekte überlagerten sich in einem Dorf, das äußerlich wenig von dieser Verdichtung preisgibt. Im Mittelpunkt steht der Gasthof Ochsen.
Ein Haus an alten Wegen
Der Ochsen trägt rosafarbene Schindeln. Rote Geranien füllen die Kästen vor den Fenstern, grüne Läden rahmen das Weiß der Sprossen. Neben der Eingangstür hängt ein gelber Briefkasten, davor steht eine schwarze Tafel. Der Gasthof bleibt Teil des Dorflebens; seine Vergangenheit wird an der Fassade kaum erklärt.
Das Buch beschreibt Saig als Hochmulde, die ein flacher Rücken in zwei Hälften teilt. Auf diesem Rücken stehen Kirche und Ochsen. Die Häuser gruppieren sich darum, die Bäche ziehen in verschiedene Richtungen ab, alte Wege verbinden den Titisee mit den Tälern von Wutach und Haslach. Der Gasthof lag damit an einem Knotenpunkt des früheren Verkehrs.
Der Ochsen war Bauernhof, Gastwirtschaft, Herberge und Relaisstation. Passagiere fanden Zimmer, Güter und Gepäck kamen unter, Tiere standen im Stall. Seine Wiesen und Wälder reichten bis zum Saiger Kreuz. Teile des Gebäudes gehen nach der Darstellung des Buches bis ins 15. Jahrhundert zurück. Reisende, Händler und Fuhrwerke stiegen über die Höhe, ehe Eisenbahn und neue Straßen die Bewegungen in tiefere Lagen verlagerten.
Mit der Bahnverbindung zum Titisee verlor Saig seine Rolle als Durchgangsort. Der Ort musste zum Ziel werden. Sommergäste ersetzten Reisende, Pensionen und Höhenhotels warben mit Aussicht und Luft. Der Ochsen geriet gegenüber neueren Häusern ins Hintertreffen. Anfang der vierziger Jahre sanken seine Einnahmen deutlich, während der Gasthof Hochfirst mehr umsetzte. Ein Käufer aus dem Ort übernahm das Haus und konzentrierte den landwirtschaftlichen Betrieb auf die Güter der Familie. Ein Verkehrsknoten war still geworden. Wenige Jahre später bekam das Haus eine andere Funktion. Redakteure brauchten einen Ort, an dem sie arbeiten, essen, schlafen und außerhalb der zerstörten Städte miteinander sprechen konnten. Der Ochsen wurde zum zeitweiligen Redaktionsbüro.
Redaktion im Nebenzimmer
Am Nachmittag des 15. Dezember 1945 fährt Erich Kurz mit einem klapprigen DKW nach Buchenbach hinunter. Er holt Guttmann, Ernst Benkard und Benno Reifenberg ab. Deutschland ist in Besatzungszonen geteilt, die Städte liegen in Trümmern, Millionen Menschen sind unterwegs. Im Ochsen warten Manuskripte, Satzspiegel und Umbruchbögen.
Die Männer arbeiten an „Die Gegenwart“, einer politischen und kulturellen Zeitschrift, die nach Diktatur und Krieg wieder eine deutsche Öffentlichkeit herstellen soll. Im Nebenzimmer liegen alte Texte und die neue Ausgabe auf den Tischen. Zwischen den Stühlen läuft Tarzan, der Schäferhund des Hauses. Maja Hess und weitere junge Frauen servieren Essen und Getränke. Das Provisorium besitzt einen genauen Arbeitsrhythmus: lesen, kürzen, sortieren, setzen, telefonieren, essen, weiterarbeiten.
Am nächsten Morgen, dem dritten Advent, sitzen fünf Redakteure am runden Tisch. Unterlagen müssen zum Zensurtermin nach Baden-Baden. Reifenberg schultert einen schweren Rucksack, Stückrath und Kurz begleiten ihn. Der Redaktionsbetrieb verteilt sich über Gasthof, Autos, Privatwohnungen, Druckerei und Besatzungsbehörden.
Die Auflage soll wachsen. Maryla Reifenberg berichtet ihrem Mann von 83.000 Vorbestellungen und schlägt 100.000 Exemplare vor. Papier bleibt knapp. Anzeigen müssen beschafft, Maschinen eingerichtet, Pakete verschickt werden. Am 22. Dezember beginnen die Druckmaschinen zu rotieren; wenige Tage später verlassen die ersten Pakete die Druckerei. Das geistige Programm der Zeitschrift hängt an sehr materiellen Dingen: Papierkontingenten, Treibstoff, Telefonleitungen und der Bereitschaft einzelner Menschen, Akten über Schwarzwaldstraßen zu fahren. Der Ochsen eignet sich für diese Arbeit, weil seine alte Funktion fortlebt. Er stellt Betten, Tische, Küche und die Verbindung zu den Straßen bereit. Früher wechselten hier Pferde und Passagiere. Nun wechseln Manuskripte, Nachrichten und Redakteure.
„Die Gegenwart“ soll nach Nationalsozialismus und Krieg wieder Maßstäbe für politische und kulturelle Debatten setzen. Jeder Text muss zuvor Zensur, Materialmangel und die Grenzen der Besatzungszonen überwinden. Pressefreiheit bezeichnet unter solchen Bedingungen eine sehr praktische Möglichkeit: einen Satz setzen, ein Heft drucken, Pakete verschicken und Leser außerhalb der eigenen Zone erreichen.
Im März 1946 führt das Buch die Beteiligten zwischen Baden-Baden und Saig hin und her. Jean Filippi, ein einflussreicher Mann der französischen Militärregierung, verfügt über Lebensmittelzuteilungen, Papierkontingente und pressepolitische Entscheidungen. Am 15. März sitzen Reifenberg und Albert Oeser bei ihm im Büro. Filippi erkennt den Wert von „Die Gegenwart“ für die französische Zone; Reifenberg braucht Papier, Genehmigungen und Bewegungsfreiheit. Nach der Rückkehr wird in Saig weiterberaten, überwiegend im Judenhäusle, da der Ochsen belegt ist.
Das Verhältnis bleibt von Abhängigkeit und Misstrauen geprägt. Die Militärregierung kann das Erscheinen der Zeitschrift ermöglichen oder blockieren. Die Redaktion besitzt Autoren, Leser und ein wachsendes publizistisches Gewicht. Ihre Gespräche kreisen um Zensur, Vertrieb, Verlagspläne und die Frage, wie deutsche Debatten unter fremder Aufsicht wieder einen eigenen Ton finden können.
Im Mai 1946 kehrt die Redaktion unter veränderten Vorzeichen zurück. Ernst Benkard ist nach einem Herzinfarkt gestorben. Albert Oeser hat seine letzten Texte veröffentlicht und muss zugleich die Überlastung der übrigen Beteiligten auffangen. Am 19. und 20. Mai treffen sich Oeser und Rolf Hauenstein im Ochsen. Hauenstein arbeitet in der Handelsredaktion der „Kölnischen Zeitung“ und verfügt über wirtschaftsjournalistische Erfahrung. Er knüpft seine Mitarbeit an Bedingungen. Die organisatorische Last ist hoch, die personelle Decke dünn, die Finanzierung unsicher. Reifenberg sucht nach einem Nachfolger und denkt zugleich über französische Unterstützung für eine redaktionelle Außenstelle nach.
Der Tod eines Kollegen, die Sorge um das nächste Heft und die Frage nach der wirtschaftlichen Grundlage stehen im selben Raum. Das nächste Manuskript wartet, die nächste Ausgabe braucht eine Entscheidung. Gründungsjahre zeigen im Ochsen ihre wirkliche Form: Krankheitsfälle, Geldsorgen, Personalwechsel, überfüllte Zimmer, schlechte Verkehrsverbindungen und ein hoher Anspruch an Texte, der erhalten werden soll.
Der Beschluss, den keiner fasste
Vom 8. bis 10. März 1947 trifft sich die Redaktion erneut im Ochsen. Später wird diese Konferenz unter dem Namen „Saiger Beschluss“ in die Geschichte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eingehen. Die überlieferte Fassung klingt mustergültig: Frühere Redakteure der „Frankfurter Zeitung“ versammeln sich im Schwarzwald, einigen sich auf einen Neuanfang und legen den Grundstein für die spätere „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. „Das Dorf der Visionäre“ rekonstruiert einen anderen Ablauf.
Im Ochsen findet eine reguläre Redaktionskonferenz von „Die Gegenwart“ statt. Reifenberg, Haerdter, Guttmann, Hauenstein und Stückrath gehören zur Runde; am 10. März kommt Hans-Heinrich Dieckhoff hinzu. Im knappen Protokoll taucht ein „FZ-Beschluss“ auf. Sein genauer Inhalt bleibt offen. Wahrscheinlich ging es darum, dass keine einzelne Gruppe ehemaliger Redakteure der „Frankfurter Zeitung“ eine Wiederbelebung im Alleingang versuchen sollte.
Parallel liefen in Frankfurt weitere Gespräche. Holbach und Leopold Veit-Sonne planten ein Zeitungsprojekt, Oeser hielt Verbindungen in mehrere Richtungen, andere ehemalige Redakteure arbeiteten an eigenen Modellen. Mehrere Projekte, persönliche Loyalitäten und verlegerische Interessen überschnitten sich.
Im Februar 1959 veröffentlichte „Der Spiegel“ einen Artikel über das Nachleben der „Frankfurter Zeitung“. Aus mehreren Beratungen, konkurrierenden Vorhaben und späteren Zusammenschlüssen entstand darin eine klare Ursprungsszene. Verleger Werner Wirthle versorgte die Redaktion nach Darstellung des Buches mit einer Version, die dem Haus nützte. Reifenberg wusste, dass ein Treffen aller maßgeblichen Gruppen in dieser Form nie stattgefunden hatte.
Der Mythos war eingängig. Ein Gasthof im Schwarzwald, frühere Redakteure, ein Beschluss, eine neue Zeitung: Das ließ sich erzählen, feiern und in Jubiläumsschriften wiederholen. Die tatsächliche Entwicklung verlief über Jahre, Orte und Institutionen hinweg. „Die Gegenwart“, die „Wirtschafts-Zeitung“, verschiedene Frankfurter Kreise und ehemalige Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung“ wirkten daran mit.
Der Ochsen verliert durch diese Korrektur nichts von seiner Bedeutung. Er gewinnt historische Kontur. In seinen Räumen wurden Texte redigiert, Personalfragen entschieden, Kontakte zur Militärregierung gepflegt und Möglichkeiten für neue Zeitungsprojekte besprochen. Der feierliche Gründungsakt gehört der späteren Legende an. Die Arbeit, aus der die publizistische Ordnung der Bundesrepublik hervorging, fand tatsächlich statt.
Marktordnung auf der Höhe
Saig war in diesen Jahren auch ein Ort wirtschaftspolitischer Gespräche. Walter Eucken arbeitete an der Frage, wie nach Preisstopp, Bewirtschaftung und Krieg wieder eine funktionsfähige Marktordnung entstehen könne. Leonhard Miksch nahm diese Überlegungen auf und entwickelte sie weiter. Sein Text „Gedanken zur Wirtschaftsordnung“ von 1947 behandelte den Übergang von festgesetzten Preisen zu einem System, in dem Preise wieder Informationen über Knappheit und Nachfrage vermitteln sollten.
Auf den Wiesen standen Kühe, in den Gasthäusern wurden Zimmerpreise kalkuliert, Bauern lieferten Milch und Fleisch, Gäste kamen aus Städten mit zerstörten Märkten und rationierten Gütern. Der Begriff der Ordnung traf auf einen Alltag, in dem nahezu jedes Gut knapp war.
Miksch, Eucken und weitere Beteiligte dachten über Regeln nach, die Wettbewerb ermöglichen und wirtschaftliche Macht begrenzen sollten. Die späteren Entscheidungen zur Preisfreigabe entstanden aus einem größeren Geflecht von Ministerien, Gutachten und politischen Konflikten. Saig gehörte zu den Orten, an denen Gedanken formuliert, geprüft und weitergegeben wurden.
Das Dorf wurde damit zu einem von mehreren Arbeitsorten der jungen Bundesrepublik. Auf der Höhe wurden eine freie Presse, eine europäische Perspektive und eine neue Wirtschaftsordnung diskutiert. Der Ochsen, das Judenhäusle, der Hierahof und weitere Häuser boten Zeit, Entfernung und Gesprächsräume für eine Gesellschaft, die ihre Begriffe nach der Katastrophe neu bestimmen musste.
Geranien vor der Republik
Wir stehen wieder vor dem Gasthof. Die Tür ist geöffnet, neben ihr hängt der gelbe Briefkasten. Auf den Fensterbänken leuchten die Geranien. Ein Schild weist auf Zimmer und Küche hin. Die Geschichte verlangt hier keine Inszenierung.
Das Buch auf dem Autodach verändert den Blick. Seine Kapitel fügen der Fassade die Nebenzimmer, Winterfahrten, Druckfahnen und nächtlichen Gespräche hinzu. Der Bildstein hatte am Vormittag den Schluchsee in eine überschaubare Landschaft verwandelt. Von oben ließen sich Wasser, Wald und Höhenzüge ordnen. Saig fügt dem Tag eine zeitliche Tiefe hinzu. Wege, Häuser und Gaststuben werden zu Trägern von Erinnerung.
Am Abend liegt „Das Dorf der Visionäre“ wieder am Titisee. Auf seinem Umschlag steht nun ein Dorf, dessen Straße wir gefahren sind, dessen Gasthof wir von außen kennen und dessen Nebenzimmer zur Vorgeschichte der Bundesrepublik gehört. Das Buch ist an seinen Schauplatz zurückgekehrt. Wir lesen von nun an anders darin.
