
Der 23. Mai 1913 – ein Datum, das in das Gedächtnis der Butte eingebrannt bleiben sollte, wie die letzten Funken in einem verglimmenden Feuer. In den Straßen von Montmartre hüllte sich die Nacht in jene besondere Unruhe, ein Vorzeichen für das „Fest der letzten Patronen,“ das Poulbot, der ewige Unruhestifter, als einen Akt des Trotzes vor seiner Ausweisung inszeniert hatte. Es war ein Fest, das die bitteren Stunden vor dem großen Zerfall heraufbeschwor, und ein Fest, das – ausgerechnet in der Form eines grotesken Schauspiels – den Abschied einer Epoche besiegeln sollte.
Dorgelès und Poulbot waren in Uniformen geschlüpft, wie sie vielleicht einmal Helden aus anderen Tagen getragen hatten. Doch hier, in ihren abgenutzten, fast ironischen Gewändern, waren sie keine Verteidiger einer stolzen Nation. Sie waren Geister der Vergangenheit, Schatten ihrer selbst, und dennoch leuchteten sie im letzten Glanz eines endenden Zeitalters. Poulbot – das schiefe Gewehr über die Schulter gelegt und mit einem spöttischen Grinsen, das die Härten des kommenden Krieges zu verspotten schien – führte die Prozession an, als sei er ein zeremonieller Priester, der die letzte Messe für das alte Montmartre las. Dorgelès, der ernster war, zurückhaltender, schritt ihm zur Seite, wissend, dass diese Nacht mehr als eine Farce war – sie war ein unverblümtes Lebewohl an die Freiheit, die Butte und die Gespenster ihrer glorreichen Vergangenheit.
Es erschienen Figuren wie aus einem schrägen Traum, eine „Armee“ aus verlorenen Gestalten, die im Atelier des Künstlers ein letztes Gefecht inszenierte. Da waren Türken und Zouaven, abenteuerliche Marsouins und Garibaldianer, als hätten sich all die Geister vergangener Kämpfe und Träume zu einem grotesken Reigen zusammengefunden. Kantinenmädchen in vergilbten Schürzen und Soldatentöchter in zerschlissenen Kleidern schwangen sich zwischen die Reihen, während die Schatten an den Wänden tanzten und das Gelächter durch die Nacht hallte – jenes Gelächter, das aus der Verzweiflung kam, aber zugleich das Leben bejahte.
Und die Butte, dieses steinerne Herzstück, schien an diesem Abend das alles zu spüren. Sie wusste, dass ihre Zeit bald vorbei war, dass sie sich dem Lauf der Welt beugen musste. Aber in dieser Nacht, zwischen dem Lärm der Stimmen, dem Klang des Akkordeons und dem Trappeln der Füße, war sie noch einmal lebendig, ein letztes Aufbäumen vor dem unvermeidlichen Sturz.
Als der Morgen kam, schlich sich ein stiller Schatten in das Atelier, eine Ahnung des Kommenden, die auch Poulbot spürte. Er wusste, dass dies das Ende war – nicht nur für ihn, sondern für all das, was Montmartre gewesen war und nie wieder sein würde. Dorgelès sah ihm nach, als Poulbot schließlich, mit einem resignierten Lächeln, das Atelier verließ. Nur wenige Spuren blieben – die leeren Gläser, die ausgelöschten Kerzen, die zerschlagenen Blumen auf dem Boden.
Und vielleicht, in der Stille des Morgens, im fahlen Licht, das durch die schmutzigen Fenster drang, gab Montmartre ein letztes Seufzen von sich, ein unsichtbares Lebewohl an die verlorenen Söhne der Butte, die Geister, die nie in die Ordnung der Welt passten.

