
Die Zukunft erscheint selten persönlich zu einer Preisverleihung. Sie schickt Romane, Erzählungen, Hörspiele, Übersetzungen und Bilder voraus. Am 4. Juli 2026 wurden diese Sendboten in der Kuppelhalle des Berliner silent green gewürdigt. Der Ort hätte kaum passender gewählt werden können. Die Halle gehörte einst zum Krematorium Wedding, einem Gebäude für Abschied und Verwandlung. Im Boden der historischen Urnenhalle findet sich eine Schlange als Symbol der Transformation. Dort, wo früher das Ende eines Lebens begangen wurde, versammelte sich während der MetropolCon eine Literatur, die dem Ende der Welt fortwährend neue Fortsetzungen abringt.
Der Kurd-Laßwitz-Preis wird von den professionell mit Science-Fiction befassten Autorinnen, Übersetzern, Lektorinnen, Verlegern, Grafikerinnen und Fachjournalisten vergeben. Er ist undotiert. Sein Wert entsteht aus der Aufmerksamkeit einer literarischen Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten darüber entscheidet, welche Zukunftsentwürfe im Gedächtnis bleiben sollen. Für den Jahrgang 2026 standen 86 Nominierungen in zehn Kategorien zur Wahl. 116 Beteiligte vergaben 7.801 Punkte. Der Preis bildet damit keinen Markt ab. Er registriert, welche Fragen eine Szene für preiswürdig hält.
Eine kleine Kartografie des Kommenden
Nils Westerboers „Lyneham“ erhielt den Preis für den besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman. Henry Meadows ist zwölf Jahre alt, als die Erde stirbt. Seine Familie flieht nach Perm, einem urzeitlichen Mond in einem fernen Sonnensystem. Bereits diese Ausgangslage führt in das Zentrum der gegenwärtigen Weltraumfantasien: Wer darf eine sterbende Erde verlassen? Wer besitzt die Technik für den Aufbruch? Welche gesellschaftliche Ordnung wird auf dem neuen Himmelskörper errichtet? Und kann eine Menschheit, die ihre Verhältnisse exportiert, irgendwo tatsächlich neu beginnen? Klett-Cotta über „Lyneham“
Yvonne Tunnat gewann mit „Nano Godt“ die Kategorie der deutschsprachigen Erzählung. Als bestes ausländisches Werk wurde Becky Chambers’ „Und hoffentlich zu lernen …“ ausgezeichnet. Darin erforscht eine Mannschaft fünfzehn Lichtjahre von der Erde entfernt potenziell bewohnbare Welten. Während die Reisenden Berichte nach Hause schicken, vergeht dort fast ein Jahrhundert. Die Expedition wird zu einem Versuch über Entfernung, Erinnerung und die Frage, ob Erkenntnis ihren Adressaten überleben kann. Carcosa über „Und hoffentlich zu lernen …“
Karen Nölle erhielt den Übersetzungspreis für Ursula K. Le Guins „Der Tag vor der Revolution“. Das „Lexikon der deutschsprachigen Science Fiction 1933–1945“ von Klaus Geus, Wolfgang Both, Horst Illmer und Klaus Scheffler wurde als bester Sachtext ausgezeichnet. Olaf Brill und Michael Vogt bekamen den Sonderpreis für „Der kleine Perry“, der jüngere Leser an die Science-Fiction heranführt. Der Preis für langjährige Leistungen ging an Klaus Bollhöfener und das Team des Magazins „phantastisch!“. Jamie-Lee Campbell wurde für den Essay „Wer sind Sie? Und wenn ja, wie viele?“ gewürdigt, der nach den Figuren und Ausschlüssen der deutschsprachigen Science-Fiction fragt.
Zusammengenommen ergeben diese Auszeichnungen eine bemerkenswerte Ordnung. Zukunftsliteratur besteht nicht allein aus interstellaren Reisen. Sie braucht Übersetzungen, Archive, Zeitschriften, Nachwuchsarbeit, Kritik, Bilder und eine Verständigung darüber, wer in den erfundenen Welten vorkommen darf. Der Preis zeichnet daher auch die Infrastruktur der Imagination aus.
Die vermeintlich kleinen Platzierungen
Der Verlag p.machinery kommentierte seine Ergebnisse mit freundlicher Selbstironie. „Besonders berauschend“ seien sie nicht ausgefallen. Maximilian Wust und Annika Rothenaicher erreichten mit „Briefe an die DNA“ aus der Anthologie „Tales of Science II“ Rang elf in der Abstimmung über die beste deutschsprachige Erzählung. Mario Frankes Illustration zu „Innovation mit Nebenwirkungen“ von Michael Schmidt und Hubert Hug kam in der Grafikkategorie auf Rang fünf, Lothar Bauers Titelbild zu Frank Lauenroths „Delter“ auf Rang sechs. Der Kurd-Laßwitz-Preis vergibt offiziell keine zweiten oder dritten Preise; die Zahlen bezeichnen die Reihenfolge der Abstimmung. Der Nachtrag von p.machinery
Gerade „Tales of Science II“ verdient in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit. Für die Anthologie arbeiteten Autorinnen und Autoren mit wissenschaftlichen Paten zusammen. Aktuelle Forschung wurde zum Ausgangspunkt literarischer Versuche über Kommunikation mit Nachfahren, künstliche Intelligenz, Mikrosystemtechnik, Wasserphänomene und einsame Bots. Der Band entstand zum zwanzigjährigen Bestehen des Mikrosystemtechnik-Clusters microTEC Südwest.
Damit führt eine vermeintlich hintere Platzierung direkt zu einer zentralen Aufgabe der Science-Fiction. Literatur übersetzt Forschung nicht lediglich in anschauliche Geschichten. Sie verändert die Versuchsanordnung. Eine wissenschaftliche Arbeit untersucht, was unter definierten Bedingungen geschieht. Eine Erzählung ergänzt jene Akteure, Interessen und Nebenfolgen, die im Laboraufbau fehlen. Sie fragt nach dem Besitzer einer Erfindung, nach ihrem Missbrauch, nach den Ausgeschlossenen und nach den Folgen eines technischen Erfolgs.
Auch die ausgezeichneten Grafiken gehören zu diesem Erkenntnisprozess. Ein Bild dekoriert die Zukunft nicht. Es legt fest, wie eine unbekannte Technik erstmals vorstellbar wird. Bevor ein Mensch eine Raumstation, ein neuronales Implantat oder eine künstliche Lebensform begrifflich einordnen kann, hat er häufig schon ein Bild davon gesehen. Die grafische Gestaltung besetzt den Raum vor der Erfahrung. Deshalb ist es folgerichtig, dass der Kurd-Laßwitz-Preis Literatur und Bildkunst nebeneinander bewertet.
Hans Esselborn und die falschen Utopien
In meinem Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Hans Esselborn über den „Weltraum als Fluchtpunkt der Oligarchie“ haben wir die politischen Unterströmungen solcher Zukunftsbilder verfolgt. Ausgangspunkt war mein Beitrag über den „Neoliberalismus im Weltall“ im Band „König von Deutschland“. Gemeint ist keine ökonomische Theorie, die zufällig eine Rakete besteigt. Gemeint ist die Verlagerung irdischer Machtverhältnisse in einen Raum, der als leer, frei und verfügbar beschrieben wird.
Esselborn führt von Isaac Asimov und Kim Stanley Robinson über Frank Schätzing und Nils Westerboer bis zu Herbert W. Franke. Die Weltraumreise erscheint in diesen Werken oft als Rettungsprojekt. Eine ökologische oder gesellschaftliche Katastrophe bedroht die Allgemeinheit. Ein Unternehmer, eine kleine Gründergruppe oder eine künstliche Intelligenz verfügt über die rettende Technologie. Der Zugang bleibt ungleich verteilt. Technische Infrastruktur übernimmt Funktionen politischer Entscheidung. Im neuen Lebensraum kehrt schließlich die Machtordnung der alten Welt wieder. Die Rakete überwindet die Schwerkraft, nicht die Gesellschaft.
Esselborn fasst die kritische Aufgabe der Literatur in einem bemerkenswerten Satz zusammen: „Man muss eher mal die falschen Utopien beseitigen.“ Dieser Gedanke verschiebt die gewohnte Erwartung an Science-Fiction. Von ihr werden gern positive Zukunftsbilder verlangt. Sie soll Zuversicht erzeugen, technische Neugier fördern und Auswege aus den Krisen der Gegenwart zeigen. Doch eine gute Utopie kann politisch ebenso gefährlich werden wie eine Dystopie, falls sie ihre Kosten verbirgt. Der Mars als „Backup der Menschheit“ klingt humanitär, bis geklärt werden muss, welche Menschen in dieses Backup aufgenommen werden. Die private Satellitenkonstellation verspricht globale Verbindung, bis ihr Eigentümer über Zugang, Preis und Abschaltung entscheidet. Die fürsorgliche künstliche Intelligenz löst Konflikte, indem sie den Menschen die Möglichkeit des Widerspruchs abnimmt.
Eine falsche Utopie ist nicht zwingend technisch unmöglich. Sie ist politisch falsch, weil sie Macht als Sachzwang ausgibt. Ihre Gesellschaftsordnung erscheint wie eine Folge der Naturgesetze. Besitz wird zur Begabung, Zugang zur Belohnung, Ausschluss zur Notwendigkeit. Die Literatur kann diese Täuschung aufbrechen, weil sie die scheinbar alternativlose Konstruktion in Bewegung versetzt.
Der Weltraum als vergrößerte Erde
Der Weltraum dient in den von Esselborn untersuchten Werken als Vergrößerungsglas. Auf der Erde lassen sich Abhängigkeiten verschleiern. Im All werden sie elementar. Wer den Sauerstoff kontrolliert, regiert. Wer die Kommunikation abschaltet, isoliert eine ganze Kolonie. Wer über Transportmittel verfügt, bestimmt über Flucht, Handel und Versorgung. Der politische Charakter technischer Infrastruktur tritt mit einer Klarheit hervor, die im Alltag oft verloren geht.
Herbert W. Frankes Kuppelstädte bilden dafür ein präzises Übergangsbild. Die Wohlhabenden leben in gereinigter Luft, geschützt vor Strahlung, Stürmen und den Folgen des industriellen Raubbaus. Außerhalb der Kuppeln verschärft sich die Katastrophe. Die Marskolonie setzt dieses Modell nur räumlich fort. Entscheidend ist nicht, ob die privilegierte Enklave unter Glas, unter der Erde oder auf einem fremden Planeten liegt. Entscheidend ist ihre politische Form: Rettung wird zum exklusiven Gut.
Bei Westerboer tritt eine weitere Ironie hinzu. Unternehmen, die an den planetaren Risiken beteiligt sind, können anschließend als Anbieter der Rettung auftreten. Aus der Krise entsteht ein Markt, aus dem Markt eine neue Abhängigkeit. In anderen Romanen erhalten die Zurückgebliebenen digitale Verschönerungen einer beschädigten Erde, während die Vermögenden reale Ausweichräume beziehen. Die einen bekommen Simulation, die anderen Territorium.
Science-Fiction erkennt an solchen Stellen eine Herrschaftsform, bevor die Politikwissenschaft einen festen Begriff dafür gefunden hat. Sie zeigt den Übergang von Eigentum zu Infrastrukturmacht. Ein klassischer Industriekonzern verkauft ein Produkt. Der Betreiber eines planetaren Kommunikationsnetzes behält den Schalter. Seine Macht endet nicht mit dem Kaufvertrag. Sie bleibt in der Architektur des Systems erhalten.
Literatur als Stresstest
Die Leistung der Science-Fiction liegt daher kaum in der präzisen Vorhersage einzelner Geräte. Ihre Voraussagen altern häufig schlecht. Ihre Versuchsanordnungen können dagegen Jahrzehnte überdauern. Entscheidend ist die Frage, welche gesellschaftliche Regel sichtbar wird, sobald eine technische Möglichkeit radikal zu Ende gedacht wird.
Ein guter Science-Fiction-Text prüft nicht nur, ob eine Maschine funktioniert. Er untersucht, was ihr Funktionieren mit den Menschen macht. Er fragt, wer sie bedienen darf, wer ihre Kategorien bestimmt, wer als Fehler erscheint und wer die Entscheidung verantwortet. Der technische Defekt ist dabei oft weniger aufschlussreich als der reibungslose Betrieb. Eine vollkommen funktionierende Selektionsmaschine kann politisch verheerender sein als ein fehlerhaftes System.
Darin liegt auch die Relevanz für Forschungsagenturen, Unternehmen und staatliche Zukunftsplanung. Ein Science-Fiction-Autor in einer Cyberagentur darf kein Lieferant gefälliger Innovationsgeschichten werden. Sein Wert bemisst sich an der Freiheit, das Projekt gegen seine Auftraggeber zu wenden. Er muss fragen dürfen, ob die neue Sicherheitsarchitektur selbst ein Sicherheitsrisiko erzeugt, ob Autonomie in Abhängigkeit führt und ob eine perfekte Vorhersage den Bereich menschlicher Entscheidung zerstört. Szenarien, die nur den Erfolg einer Technologie illustrieren, sind verlängerte Produktbroschüren. Literatur beginnt dort, wo das Szenario ein Eigenleben entwickelt und die vorgesehenen Rollen verweigert.
Ein Preis als gesellschaftliches Frühwarnsystem
Der Kurd-Laßwitz-Preis kürt keine Propheten. Er organisiert Aufmerksamkeit für Texte, die Gegenwart unter veränderten Bedingungen untersuchen. Seine Bedeutung liegt gerade in der Vielfalt der ausgezeichneten Formen. „Lyneham“ führt auf einen fernen Mond. Becky Chambers verschickt Berichte über Jahrzehnte und Lichtjahre hinweg. Ein Lexikon rekonstruiert die deutschsprachige Science-Fiction zwischen 1933 und 1945. „Der kleine Perry“ öffnet das Genre für Kinder. Jamie-Lee Campbell fragt nach den Figuren, denen eine Zukunft zugestanden wird. „Tales of Science II“ bringt Forschende und Schreibende in eine gemeinsame Versuchsanordnung.
Ein literarischer Preis schafft damit eine Art Archiv des noch nicht Eingetretenen. Er bewahrt keine Zukunft, weil eine Zukunft noch nicht bewahrt werden kann. Er bewahrt die Unterschiede zwischen den Möglichkeiten. Diese Unterschiede sind politisch kostbar. Autoritäre Systeme und technokratische Heilslehren beginnen regelmäßig mit der Behauptung, nur ein einziger Weg sei realistisch.
Hans Esselborns Forderung, falsche Utopien zu beseitigen, zielt deshalb nicht auf eine Literatur des Verdachts. Sie verlangt eine Literatur der Unterscheidung. Der Traum vom Mars muss vom Geschäftsmodell des Mars getrennt werden. Technische Autonomie ist von politischer Freiheit zu unterscheiden. Fürsorge darf nicht mit Entmündigung verwechselt werden. Eine Rettung, die nur den Eigentümern der Rettungsmittel offensteht, verdient einen anderen Namen.
So gewinnt auch die Berliner Preisverleihung ihren eigentlichen Sinn. In einer ehemaligen Trauerhalle wurde kein endgültiges Bild der Zukunft ausgezeichnet. Gewürdigt wurde die Fähigkeit, mehrere Zukünfte gegeneinander lesbar zu machen. Die Zukunft bleibt frei, solange niemand das Monopol auf ihre Erzählung besitzt.
