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Die unvollendete Transformation

„Die Transformation hat noch gar nicht begonnen, wir reden nur endlos darüber“, sagt Wolf Lotter. Das klingt wie eine Zumutung an eine Gesellschaft, die ihr eigenes Veränderungspathos längst zum Geschäftsmodell erhoben hat. Transformation, das ist ein inflationär gebrauchtes Zauberwort, mit dem Strategiepapiere verziert und Powerpoint-Schlachten geschlagen werden. Lotter dreht das Stichwort zurück in die Werkstatt: Transformation bedeutet nicht, über morgen zu schwadronieren, sondern heute die Blockaden zu erkennen und abzuschaffen.

Druckers Vermächtnis in Malmö

Wie fern das klingt von der legendären Konferenz in Malmö Anfang der siebziger Jahre. Damals, als Peter Drucker das Management zur „zivilisatorischen Schlüsselinstanz“ erklärte. Für ihn war die Transformation bereits im Gange: das Unternehmen als globales Gemeinwesen, das Wissen nicht hortet, sondern systematisiert. Der Manager, nicht mehr der Alleswisser, sondern der Architekt der Kooperation. Drucker verstand, dass das „Neue“ nicht aus der nächsten Technologie, sondern aus einer neuen Haltung zur Arbeit entstehen würde: Wissen gehört denen, die es anwenden – und nicht denen, die es verwalten.

Die Ironie der Gegenwart

Fünfzig Jahre später konstatiert Lotter das Gegenteil: Wir reden, aber wir handeln nicht. Wir predigen Selbstorganisation, und liefern doch weiter Kennzahlen nach oben. Wir feiern die digitale Souveränität, und lassen uns doch von Software-Providern betreuen wie von wohlwollenden Vormündern. Die Künstliche Intelligenz wird zum nächsten Heilsbringer erhoben, ohne dass wir das Alte wirklich entmachtet hätten.

Streit um die Führung

Drucker hätte darin wohl eine Groteske gesehen: die Organisationen, die er als Vorhut einer postindustriellen Gesellschaft sah, erweisen sich als die letzten Bastionen der vormodernen Autorität. Lotters Satz trifft deshalb mitten ins Herz: Transformation beginnt nicht mit der nächsten Plattform, sondern mit der Demut der Führung. Wer nicht erkennt, dass andere klüger sind, bleibt Gefangener seiner eigenen Illusion.

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